Zehn Jahre nach Chantals Tod: Linke hält Konsequenzen für unzureichend
Grablichter und Stofftiere stehen am 3. Februar 2012 vor dem Wohnhaus des verstorbenen Mädchens Chantal im Hamburger Stadtteil Wilhelmsburg. Das damals elfjährige Pflegekind war am 16. Januar 2012 an einer Überdosis der Heroin-Ersatzdroge Methadon gestorben. Foto: picture alliance / dpa
2012 stirbt in Hamburg das elfjährige Pflegekind Chantal an einer Vergiftung mit der Heroin-Ersatzdroge Methadon. Viele schwere Fehler des Jugendamtes werden bekannt. Zehn Jahre später sind Kritiker überzeugt: Einiges hat sich seither verändert - aber nicht genug.
Vor zehn Jahren löst das Schicksal des Hamburger Pflegekindes Chantal bundesweit Entsetzen aus: Am 16. Januar 2012 stirbt die Elfjährige an einer Vergiftung mit der Heroin-Ersatzdroge Methadon. Schwere Versäumnisse des Jugendamts werden bekannt. In der Folge ergreift die Sozialbehörde zahlreiche Maßnahmen, ein Sonderausschuss arbeitet die Ereignisse auf, eine Enquetekommission zur Stärkung des Kinderschutzes macht viele Vorschläge. Doch hat sich seitdem genug getan? Skeptische Stimmen bleiben.
"Das Schicksal von Chantal wie auch das der anderen zu Tode gekommenen Kinder ist nach wie vor sehr präsent", sagt Linksfraktionschefin Sabine Boeddinghaus. Aus ihrer Sicht sind die politischen Antworten des rot-grünen Senats aber unzureichend. Weiterhin sei etwa Personalmangel ein großes Thema bei den Jugendämtern. "Der Senat hat da nachgebessert, aber die Fluktuation ist immer noch enorm."
Hamburgs heutige Sozialsenatorin Melanie Leonhard (SPD) betont: "Es ist erforderlich, dass ausreichend Personal zur Verfügung steht. Dafür haben wir zuletzt 2019 im Rahmen einer Personalbemessung mehr Stellen im ASD geschaffen." Der nächste Durchgang sei für 2022 geplant. "Aus der Erfahrung haben wir aber auch gelernt, dass die Verbesserung von Abläufen ebenso eine Rolle spielt." Die Verstärkung und Qualifizierung der Geschäftsstellen im Allgemeinen Sozialen Dienst (ASD) entlaste beispielsweise die Fachkräfte von Verwaltungsaufgaben.
Suchtprobleme in der Pflegefamilie bekannt
Rückblick: 2008 wird Chantal in einer Pflegefamilie untergebracht - ihr leiblicher Vater ist drogenabhängig, die Mutter Alkoholikerin. Doch auch in der Pflegefamilie gibt es Suchtprobleme. Die Sozialarbeiter bekommen viele Hinweise darauf - doch diese verschwinden in Akten. In der verwahrlosten Wohnung teilt sich Chantal mit einem weiteren Kind eine Matratze, in der Vier-Zimmer-Wohnung leben sechs Menschen und drei Hunde.
Mindestens seit 2004 wusste der ASD von den Lebensumständen der Pflegeeltern - zu diesem Schluss kam im Juni 2012 der Bericht der Innenrevision der Finanzbehörde, die die Vorgänge um den Tod des Mädchens damals aufklären sollte.
Landgericht verurteilt Pflegeeltern
2015 verurteilte das Landgericht Hamburg die Pflegeeltern. Nach Darstellung des Gerichts hatten die Drogensüchtigen die Heroin-Ersatzdroge nicht sicher in der Wohnung verwahrt. Der Pflegevater bekam wegen fahrlässiger Tötung ein Jahr Haft auf Bewährung, die Pflegemutter acht Monate auf Bewährung.
Die Sozialbehörde zog zahlreiche Konsequenzen, verschärfte etwa die Richtlinien für Pflegeeltern. Eine unabhängige Jugendhilfeinspektion wurde eingesetzt, um die Arbeit des ASD zu überprüfen. Klar ist: "Drogenkonsum und Betäubungsmittel-Missbrauch sind ein Ausschlussgrund", sagt die Senatorin. "Um in diesem Feld besonders sensibel hinsehen zu können, arbeiten wir vertrauensvoll mit Ärztinnen und Ärzten zusammen, die in bestimmten Fällen eine Meldung abgeben." Pflegeeltern-Bewerber erhielten zudem eine umfassende Schulung.
CDU-Fraktion: Maßnahmen reichen nicht aus
Es habe sich nach dem Tod von Chantal schon einiges zum Positiven verändert, sagt die Sprecherin des Pflegeelternrates Hamburg, Karen Dabels. Gleichzeitig gebe es aber ein großes Problem in der Stadt: "Es gibt im Moment große Schwierigkeiten, neue Pflegeeltern zu finden."
Nach Ansicht der CDU-Fraktion in der Hamburgischen Bürgerschaft reichen die Maßnahmen nicht aus. "Der Rechnungshofbericht aus dem Jahr 2021 belegt, dass der Senat noch keine ausreichenden Konsequenzen gezogen hat", meint der innenpolitische Sprecher Dennis Gladiator. Wichtige Regeln im Bereich der Pflegekinderhilfe seien von der Sozialbehörde und den Bezirksämtern nicht richtig umgesetzt worden. Vor allem die Eignungsfeststellung von Pflegeeltern und deren Qualifizierung reicht laut Gladiator in der Hansestadt noch immer nicht aus. "Auch der Datenschutz oder bürokratische Fragestellungen dürfen hier kein Hemmnis sein hinzuschauen und zu handeln."
Jugendämter bei weiteren Fällen in der Kritik
Chantal war nicht das einzige traurige Schicksal von Kindern in Hamburg. So starb 2009 das Baby Lara Mia völlig abgemagert. 2013 dann der Tod der dreijährigen Yagmur nach Schlägen ihrer Mutter. 2015 schüttelte der Stiefvater das Baby Tayler zu Tode. In allen Fällen standen die Jugendämter in der Kritik. 2016 wurde eine Enquetekommission eingesetzt, die auf mehr als 600 Seiten Vorschläge zum Kinderschutz erarbeitete.
"Daraus haben wir eine lange Liste von Maßnahmen, sozusagen Hausaufgaben, die wir abarbeiten", berichtet Leonhard. Viele seien schon umgesetzt, wie etwa die Stärkung der Zusammenarbeit von Jugendämtern und Familiengerichten, aber längst nicht alle. "Das wird uns noch über viele Jahre begleiten." Auch weil manche Maßnahme langjährige Umstellungsprozesse mit sich bringe. (dpa)
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