Sturmtief „Ylenia“ fegt über den Norden – Zwei Tote in Niedersachsen
Ein 37-jähriger Autofahrer wurde im Landkreis Uelzen in seinem Pkw von einem durch den Sturm umgestürzten Baum erschlagen. Foto: Philipp Schulze/dpa
Umgestürzte Bäume, lose Dachziegel, abgesagte Flüge und verspätete Züge: Sturmtief „Ylenia“ hat zunächst vor allem den Norden und Osten Deutschlands getroffen.
Der Sturm „Ylenia“ hat Bäume umstürzen lassen, zu gesperrten Straßen geführt und den Zug- und Flugverkehr durcheinandergewirbelt. Zwei Autofahrer wurden von umstürzenden Bäumen erschlagen. Die Einsatzkräfte können nur kurz durchatmen – der nächste heftige Sturm ist bereits im Anmarsch.
„Es zieht noch ein Orkan auf“, sagte eine Meteorologin des Deutschen Wetterdienstes (DWD) in Hamburg am Donnerstag. „Zeynep“ könnte in Teilen noch stärkere Orkanböen bringen. Vor allem der Norden Deutschlands soll von dem neuen Sturm betroffen sein.
Umstürzender Baum erschlägt Autofahrer
Das Orkantief hat zwei Autofahrern in Nidersachsen das Leben gekostet. Ein 37 Jahre alter Mann aus dem Kreis Lüchow-Dannenberg wurde in seinem Auto am Donnerstagmorgen auf einer Landstraße im Kreis Uelzen von einem Baum erschlagen. Ein Autofahrer im Landkreis Osnabrück starb nach dem Zusammenstoß mit einem Lkw, nachdem sein Anhänger den Böen nicht standhielt und auf die Gegenfahrbahn abkam. Der Beifahrer wurde nach ersten Erkenntnissen schwer verletzt.
Zwischen Mittwochabend und Donnerstagvormittag war die Hamburger Feuerwehr wegen des stürmischen Wetters bereits zu mindestens 613 Einsätzen gerufen worden. Bei den Einsätzen sei es vor allem um umgestürzte Bäume, abgebrochene Äste oder umkippende Gerüste gegangen, sagte ein Sprecher. Er rechnete mit weiteren Einsätzen.
Störungen im Zugverkehr im Norden halten an
Nach zahlreichen Schäden durch den Sturm und vielen Zugausfällen am Donnerstagvormittag begann die Deutsche Bahn mit Aufräumarbeiten. „Für eine Schadensaufnahme ist es noch zu früh. Die Schäden sind aber erheblich“, sagte Bahn-Sprecher Achim Stauß. „Im Moment sind Reparaturtrupps der Bahn mit Hochdruck unterwegs, um Strecken freizuräumen, mit der Kettensäge Bäume zu schneiden oder auch Oberleitungen zu reparieren, was bei diesen Wetterbedingungen nicht ganz einfach ist.“
Wegen des andauernden Sturms sei mit weiteren Störungen zu rechnen. Probleme werde es auch durch die zweite erwartete Sturmfront geben, sagte Stauß. „Ich fürchte, unsere Reisenden müssen noch über einen längeren Zeitraum mit Einschränkungen leben.“
Die Bahn habe den Fernverkehr von ICEs und ICs in Nord- und Nordostdeutschland komplett eingestellt, sagte der Sprecher. Das betraf nach Mitteilungen der Bahn seit der Nacht Niedersachsen, Bremen, Hamburg, Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern, Berlin und Brandenburg. Auch im Regionalverkehr kam es zu Zugausfällen und Verspätungen in vielen Bundesländern.
Am Hamburger Flughafen wurden am Donnerstag nach Angaben einer Sprecherin rund ein Dutzend Flüge gestrichen. Betroffen waren Verbindungen verschiedener Airlines von und nach München, Frankfurt, Kopenhagen, Zürich und Istanbul.
Ein Wanderer kämpft auf dem Brocken gegen starke Windböen. Foto: Matthias Bein/dpa-Zentralbild/dpa
Höchstgeschwindigkeiten auf dem Brocken gemessen
Selbst Reisende auf dem Kreuzfahrtschiff „Aidaprima“ brauchten wegen des Sturms Geduld. Weil die Elbe für große Schiffe gesperrt war, durfte das Schiff nicht wie geplant den Hamburger Hafen anlaufen, wie eine Sprecherin der Hafenbehörde HPA sagte. Dem Schiffsnavigationsdienst Vesselfinder.com zufolge kreuzte das Schiff am Mittag mit niedriger Geschwindigkeit rund 12 Seemeilen nördlich Helgoland in der Deutschen Bucht. Eine Sprecherin der Reederei Aida Cruises rechnete damit, dass das Schiff voraussichtlich Freitagmorgen in den Hafen von Hamburg einlaufen könne.
Auf dem Brocken im Harz waren in der Nacht in der Spitze Windgeschwindigkeiten von bis zu 156 Stundenkilometern gemessen worden. Nach vorläufigen Werten wurde an einer Wetterstation auf der ostfriesischen Insel Spiekeroog in der Spitze eine Orkanböe mit 125 Stundenkilometern gemessen, das entspricht Windstärke 12.
Tierpark Hagenbeck blieb geschlossen
An der Nordseeküste sorgte der Sturm laut den Behörden für höhere Wasserstände, eine Sturmflut blieb aber aus. Andernorts in Norddeutschland wurden die Grenzwerte zur Sturmflut überschritten – etwa am Hamburger Fischmarkt, der am frühen Donnerstagmorgen überflutet wurde. Dort wurde ein Wasserstand von 1,98 Meter über dem mittleren Hochwasser gemessen.
Der Hamburger Fischmarkt ist überschwemmt. Foto: Daniel Bockwoldt/dpa
Der Tierpark Hagenbeck blieb am Donnerstag aus Sicherheitsgründen geschlossen, gefährliche Tiere durften ihre Stallungen nicht verlassen. Lediglich das Tropen-Aquarium konnte wie gewohnt besucht werden. Die Hamburger Friedhöfe Ohlsdorf, Öjendorf, Volksdorf und Wohldorf blieben ebenfalls geschlossen, alle Trauerfeiern und Beisetzungen wurden abgesagt. Herabfallende Äste und umstürzende Bäume könnten gefährlich für Besucher sein. Am Freitag sollten die Friedhöfe wieder regulär geöffnet sein. Am Sonnabend wird einem Sprecher zufolge erst von 11 Uhr an geöffnet sein.
Orkantief „Zeynep“ bringt Windstärke 11 bis 12
Bereits für Freitagmittag wird das nächste Orkantief – „Zeynep“ genannt – von den Britischen Inseln kommend erwartet. Vor allem an den Küsten dürfte es von Freitag auf Samstag ruppig werden, wie Franka Nawrath, Meteorologin beim Deutschen Wetterdienst (DWD), der Deutschen Presse-Agentur in Hamburg sagte. „Wir warnen vor extremen Orkanböen bis 135 Stundenkilometern an der Nordseeküste.“
Auch an der Ostseeküste werden am Freitagabend demzufolge extreme Orkanböen mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 135 Stundenkilometern erwartet. In den übrigen Regionen des Nordens könne mit orkanartigen Böen oder auch Orkanböen gerechnet werden. Mit welcher Wucht das Orkantief den Norden treffen wird, sei aber noch immer nicht zu 100 Prozent berechenbar.
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