TAlltag zwischen Leben und Tod
Das Buxtehuder Elbe Klinikum bei Nacht: Nicht nur auf der Intensivstation herrscht an 365 Tagen rund um die Uhr Betrieb.
Wer durch die langen und hell beleuchteten Flure der neuen Intensivstation des Buxtehuder Elbe Klinikums schreitet, verliert ein Gefühl für die Tageszeiten. Hier herrscht rund um die Uhr Betrieb. Ein Besuch zwischen 3 und 4 Uhr in der Nacht.
Wer durch die langen und hell beleuchteten Flure der neuen Intensivstation des Buxtehuder Elbe Klinikums schreitet, verliert ein Gefühl für die Tageszeiten. Hier herrscht rund um die Uhr Betrieb. „Wir lassen keinen vor der Tür stehen“, sagt die stellvertretende Stationsleiterin Chantal Höper. Die nüchterne Bilanz ihrer Schicht an diesem frühen Morgen: Ein Patient ist neu eingeliefert, einer verlegt worden und einer ist gestorben. „Es ist ruhiger als die letzten Nächte“, sagt Höper.
Mit ihren Kolleginnen Mona Weber, Theresa Sanders und Franzis Plarr sitzt sie an einem großen Tresen. Hinter ihnen hängen mehrere Monitore an der Wand, sie zeigen die Vitalparameter der zurzeit auf der Intensivstation behandelten Patienten. Aus einem Patientenzimmer ertönt Rockmusik aus einem Radio. Eine Frau kann nicht schlafen, sucht Ablenkung.
Neue Station vor drei Monaten bezogen
Vor drei Monaten wurde die neue Station bezogen, die alte war abgerissen worden. Zuletzt mussten die Gesundheits- und Krankenpfleger mit einer sehr kompakten Interimslösung vorliebnehmen. Zehn Betten stehen regulär zur Verfügung, aktuell sind sechs belegt. „Wir lassen keinen vor der Tür stehen“, betont Höper. Anders als im Elbe Klinikum in Stade werden hier auf einer Station chirurgische, kardiologische und internistische Fälle versorgt. 34 Mitarbeiter arbeiten im Drei-Schicht-Betrieb auf der Station, einige in Teilzeit. Die Besetzungen variieren, es gibt keine festen Teams.
Theresa Sanders ist geübt im Umgang mit Medikamenten und ihrer Dosierung. Fotos: Beneke
Die Hochphase der Corona-Pandemie steckt der Belegschaft noch in den Knochen. Aktuell kämen nur vereinzelt infizierte Patienten auf die Intensivstation, sagt Höper. Sie ist froh, dass sich bisher niemand vom Personal angesteckt habe. Desinfektionsmittel, Masken, Handschule, im Verdachtsfall zusätzlich Kittel, Haarhaube und Brille – die Schutzmaßnahmen sind vielfältig. Vor einem Jahr stand das medizinische Fachpersonal plötzlich im Fokus der Öffentlichkeit. „Es wäre schön gewesen, wenn sich der Hype gehalten und auch wirklich etwas verändert hätte“, sagt Höper im Hinblick auf die Sonntagsreden der Politiker. Beim Personalschlüssel und den Weiterbildungsmöglichkeiten gebe es noch einiges zu verbessern.
Hohe Wertschätzung
Wichtiger als die Worte von Berufspolitikern sind für die Mitarbeiter der Intensivstation ohnehin die Reaktionen ihrer Patienten. „Sie sind sehr dankbar“, sagt Gesundheits- und Krankenpflegerin Mona Weber. Die Wertschätzung sei hoch. An einem Pfeiler hängt ein langer Brief einer Patientin, die sich in rührenden Worten für die Unterstützung bedankt. Es sei ein schönes Gefühl, die Patienten nach manchmal vielen Wochen auf der Station später in der Stadt auf den eigenen Beinen gehen zu sehen, sagt Höper. „Da geht einem das Herz auf.“
In den ruhigen Momenten in der Nacht können die Pflegekräfte die Medikamentenbestände kontrollieren und auffüllen, Bestellungen aufgeben – und sich der Bürokratie widmen. Auf einem DIN-A3-Blatt mit unzähligen kleinen Kästchen müssen alle Parameter eines Patienten, die erfasst werden, dokumentiert werden – zusätzlich zu den digitalen Protokollen am Computer. Das sei viel Arbeit, schaffe aber auf der anderen Seite auch Rechtssicherheit, sagt Höper: „Alles, was nicht dokumentiert ist, das wurde auch nicht gemacht.“
Visuelle und akustische Warnungen
Auf einem der Monitore hinter dem Tresen blinkt eine blau unterlegte Zahl. Es piept kurz. Weber schaut auf den Monitor und macht sich auf dem Weg zu dem Patienten. Nach wenigen Augenblicken ist sie wieder da. Ein Klipp am Finger sei verrutscht gewesen, sagt sie. Bei welchen Werten es neben den visuellen Alarmen auch akustische Warnungen gibt, können die Mitarbeiter individuell einstellen. Die Geräuschbelastung auf der Intensivstation sei durch die engmaschige Überwachung der Patienten deutlich höher als in anderen Abteilungen des Krankenhauses, weiß Höper.
Theresa Sanders mit Dokumentationsbogen
Das sei nicht nur eine Belastung für das Personal. Manche Patienten hätten damit zu kämpfen – selbst jene, die nicht wach sind. Deshalb bemühen sich die Pflegekräfte um so viel Ruhe wie möglich. Zwangsweise ruhig war es während der Monate des pandemiebedingten Besuchsverbots. Ein Tablet stand den Patienten zur Verfügung, um Kontakt zu den Angehörigen zu halten. „Wir kennen unsere Patienten, aber wir können das nicht eins zu eins auffangen“, weiß Höper. Vertraute Stimmen zu hören, sei für die Patienten unglaublich wichtig und unterstütze den Heilungsprozess.
Hohe fachliche Anforderungen
Neben der unmittelbaren Arbeit am Patienten sind es die großen fachlichen Anforderungen, die die Mitarbeiter auf der Intensivstation antreiben. Nach der Ausbildung als Gesundheits- und Krankenpfleger dauert die Einarbeitung mindestens ein halbes Jahr. Eine fachliche Weiterbildung läuft zwei Jahre. „Es lohnt sich, ich würde es immer wieder machen“, sagt Weber. Naturwissenschaften, Medizin, Kommunikation – in vielen Bereichen müsse sich das Team jeden Tag aufs Neue beweisen.
Die Zusammenarbeit mit den Ärzten sei hier besonders intensiv, das gegenseitige Verständnis groß. „Wir stehen gemeinsam am Bett und schauen, was wir für die Patienten tun können“, sagt Weber. „Es geht ja nicht nur um Medizin, sondern auch um eine intensive Pflege.“ Händchen halten, Haare waschen, die Seele trösten, bis zum Einschlafen einfach da sein – das gehöre ebenfalls dazu. „Das sind dann Momente, die den Stress ausbügeln.“ Nicht immer bleibe dafür so viel Zeit, wie sie die Mitarbeiter gerne ihren Patienten geben würden.
Beschäftigung mit dem Tod gehört zum Alltag
Alltag sei die Beschäftigung mit dem Tod, sagt Gesundheits- und Krankenpflegerin Theresa Sanders: „Wir haben viele bewegende Momente – im Positiven wie im Negativen.“ Neben Gesprächen im Kollegenkreis bestehe die Möglichkeit der Supervision. Eine Krankenhausseelsorgerin stehe dem Personal wie den Patienten als Ansprechpartnerin zur Verfügung. Mitfühlen, aber nicht mitleiden – das sei das Gebot der Stunde. Jedes Teammitglied habe sich individuelle Strategien angeeignet, um schwere Situationen zu bewältigen. Weber sagt: „Wenn ich in die Umkleide gehe und meine Sachen ablege, dann höre ich auf, Schwester Mona zu sein.“ Miteinander scherzen und lachen sei wichtig.

Mona Weber, Franziska Plarr, Theresa Sanders, Chantal Höper
Eine Herausforderung sei zudem der Schichtdienst. Zwar bringe es durchaus Vorteile mit sich, unter der Woche tagsüber Zeit für Privates zu haben. Doch soziale Kontakte zu pflegen sei schwer bei regelmäßigen Arbeitszeiten über Nacht und am Wochenende. „Wir versuchen, den Mitarbeitern so gut es geht gerecht zu werden“, sagt Höper. Die Zufriedenheit des Teams sei wichtig. Gleichwohl sei es schwer, in dem Job alt zu werden. Alleine die körperliche Belastung sei groß. Zehn Kilometer pro Schicht zurücklegen zu müssen, sei in der neuen großen Intensivstation durchaus möglich.
„Es ist ein erfüllender Beruf“, sagt Sanders. „Es gibt hier keinen Tag, an dem ich nicht auch mal gelacht habe.“ In diesem Moment piept und blinkt ein Überwachungsmonitor. Sanders schaut kurz auf die Zahlen und Kurven und läuft los.
Serie: Die 24-Stunden-Reportage
Für die Serie „24 Stunden: Reportagen rund um die Uhr“ verbringen TAGEBLATT-Redakteure je eine Stunde an einem Ort in der Region. Start und Ende der Serie ist um 0 Uhr, was 24 Stunden und damit 24 Serienteile ergibt. Und das sind die geplanten Folgen in diesem Sommer:
Teil 1: Andruck beim TAGEBLATT
Teil 2: In der Rettungsleitstelle
Teil 3: Auf Stadersand
Teil 4:Auf der Intensivstation
Teil 5: Beim Brötchen-Imbiss
Teil 6: Im Molkerei-Tankwagen
Teil 7: Krafttraining beim BSV
Teil 8: Packen des Verkaufswagens
Teil 9: Der Spül- und Saugwagen
Teil 10: Rattenfänger bei der Arbeit
Teil 11: 1000 Essen in der Küche
Teil 12: Im Oste-Sperrwerk
Teil 13: Beim Mittagstisch
Teil 14: Auf der Greundiek
Teil 15: Bei der Wasserschutzpolizei
Teil 16: Beim Minigolf
Teil 17: Die DJ’s von der Elbe
Teil 18: Beim Streetworker
Teil 19: Beim Strandwächter
Teil 20: Ausbildung zum Jagdhund
Teil 21: Am Lühe-Anleger
Teil 22: Katzen fangen
Teil 23: Kneipen-Kehraus
Teil 24: Der letzte Zug
Chantal Höper am Blutgasemessgerät
Franziska Plarr zieht sich einen Schutzkittel an, bevor sie zu einem Infektionspatienten geht.
Wartebereich für Angehörige