Zähl Pixel
24-Stunden-Reportage

TAuf Stadersand nachts um zwei

Der Hafenmeister hat den Anleger schon vor Stunden abgeschlossen. Nachts ist es in den vergangenen Wochen ruhig geworden auf Stadersand. Fotos: Berlin

Der Hafenmeister hat den Anleger schon vor Stunden abgeschlossen. Nachts ist es in den vergangenen Wochen ruhig geworden auf Stadersand. Fotos: Berlin

Autofahren auf Stadersand ist nach zehn Uhr abends verboten. Ebbe in der Elbe ist in dieser Nacht um 2.24 Uhr. Entsprechend bleiben die großen Pötte aus. Spannend war es zwischen 2 und 3 Uhr morgens trotzdem. Dabei hat vor allem eine App auf dem Smartphone geholfen.

Von Daniel Berlin Mittwoch, 04.08.2021, 10:00 Uhr

Die Sondergenehmigung der Hansestadt Stade liegt auf dem Beifahrersitz. Für den Fall der Fälle. Denn seit ein paar Wochen hat die Stadt verboten, mit dem Auto nach zehn Uhr abends durch die Deichlücke nach Stadersand zu fahren. Zu lautstark präsentierten die Poser ihre tiefergelegten Autos, ließen die Bässe wummern und vermüllten den Platz in der Dämmerung. Die Poser sind weg. Die Polizei verzeichnete seit dem Verbot kaum noch Verkehr auf Stadersand und hat den ehemaligen Hotspot als Schwerpunkt spätabendlicher Kontrollfahrten gestrichen. Nur der Abrieb der Reifen auf dem Parkplatz zeugt noch von den kreisförmigen Fahrmanövern mit angezogener Handbremse. Ein Fuchs lugt durch das hohe Gras an einer Anhöhe. Er kann wieder ungestört jagen.

Es ist zwei Uhr nachts. Der Dieselmotor schaltet sich ab. Das Fahrerfenster ist geöffnet. Sofort wabert die Stille ins Auto. Totenstille. Nicht einmal Wind sorgt draußen für Geräusche. Die Fahnen am Anleger hängen schlaff herunter. Die Elbe führt kaum Wasser, das kommt erst in einigen Stunden zurück. Die Brücke zum Ponton führt steil nach unten. Rutschgefahr. Der Zugang ist versperrt. Hafenmeister Eik von Ahn hat das Stahltor verrammelt.

Stadersand tagsüber bei Schiffsguckern beliebt

Das Licht, das die Marine-Traffic-App auf dem Mobiltelefon im Auto erzeugt, zieht die Mücken an. Am Tage gilt Stadersand als beliebter Ausguck für Menschen, die sich gern Schiffe anschauen. Die Leute sitzen in ihren Wagen auf dem Schotterparkplatz oder an der Mauer unter dem Restaurant und starren selig auf die Elbe. Nachts ist das so eine Sache. Aber wenigstens die App erklärt, wo die Schiffe liegen.

Richtung Hamburg wartet rechter Hand die „Fluvius Kenn“ unter der Flagge von Barbados auf mehr Wasser unterm Kiel. Linker Hand im Bützflether Hafen liegen mehrere kleine und größere Pötte „moored“ – festgemacht. Die 225 Meter lange „Patricia V“ aus Liberia könnte Bauxit für die AOS geliefert haben. Als sogenannter Bulk Carrier führt sie in jedem Fall Massengut mit sich.

Eine menschliche Illusion treibt den Puls in die Höhe

Aus der Ferne sind die Schiffskörper unter den Flutlichtern des Hafens zu erahnen. Die Lampen spiegeln sich bis Stadersand im Elbwasser. Eine farbenfrohe Pracht durchbricht die Schwärze. Gelbes Licht erhellt in einem Schaukasten die Speisekarte des Restaurants „Elbblick“. Drei Spiegeleier mit Bratkartoffeln und Gewürzgurke gibt es hier von Mittwoch bis Sonntag für 8,50 Euro. Die VW-Currywurst, das Original aus Wolfsburg, gibt Rätsel auf. Berlin ist doch die Stadt, die den Namen Currywurst-Hauptstadt für sich beansprucht.

Auf dem Weg zum Gastraum erschreckt sich der nächtliche Spaziergänger fast zu Tode. Auf einer weißen Bank haben Künstler die Silhouette eines Menschen hinterlassen, mit schwarzer Farbe auf dem Holz. Ein nur flüchtiger Blick in der Nacht kann dabei die Sinne täuschen und gaukelt dem Hirn ganz kurz vor, zu dieser unwirtlichen Zeit doch nicht ganz allein auf Stadersand zu sein. Der Puls beruhigt sich schnell. Das Rauschen in den Ohren vergeht. Die Flucht in den ausgeschilderten Schutzraum in der Gaststätte ist nicht nötig. Der ist gerade eh verschlossen und im Ernstfall dafür gedacht, sich vor einer möglichen Havarie beim benachbarten Chemie-Giganten Dow zu schützen.

Kurzer Schreckmoment: In der Dunkelheit und bei einem nur flüchtigen Blick scheint die Silhouette ein echter Mensch zu sein.

Kurzer Schreckmoment: In der Dunkelheit und bei einem nur flüchtigen Blick scheint die Silhouette ein echter Mensch zu sein.

Auf einer Schautafel steht die Geschichte dieses bei Nacht so magischen Ortes. Nach der Verleihung des Stapelrechts sollen hier am „Breddenvlet“ schon im 13. Jahrhundert größere Schiffe vor Anker gelegen haben, wenn sie nicht die Schwinge passieren konnten. Vom „braunen Haus“ ist die Rede, vom Amtssitz des erzbischöflichen Zöllners, der den Zoll eintrieb. So haben es die Leute vom Stader Stadtarchiv recherchiert. Erst 1967, nach der Eindeichung des Außendeichgeländes, siedelten sich das Kernkraftwerk, die Dow und zwei Aluminiumwerke in dem 700 Hektar großen Industriegelände auf dem Stader und dem Bützflether Sand an. Heute Nacht liegt in der Schwingemündung die Elbfähre „Liinsand“ vertäut. Die „Liinsand“ legt um 9.15 Uhr wieder ab und wird den Fischmarkt in Hamburg gegen 11 Uhr erreichen.

Die Wasserschutzpolizei hat ihr Quartier auf Stadersand. Der Eingang und das Gelände drum herum sind videoüberwacht. In einem Büro im ersten Stock flimmert das Licht eines Computerbildschirms und taucht die Decke des Raumes in Schwarz-Weiß. Beamte sind nicht zu sehen. Es dauert genau 28 Minuten bis sich an diesem Ort wieder etwas mehr bewegt als der Fuchs im Gras und die Schatten der Blätter an den Bäumen. Ein halbes Dutzend Lichter zieht in exakt gleichem Abstand in Richtung Elbmündung auf dem breiten Strom entlang. Die Marine-Traffic-App hält das Binnenschiff, das sich da durch die Elbe zieht für die „Sophia Soraya“ von der Schramm Group aus Brunsbüttel. Das 98 Meter lange und 14 Meter breite Schiff macht 11,5 Knoten. Es holt Nachschub an Kupfererz für die norddeutsche Affinerie in Hamburg. Dort, im engen Hafen, profitiert die „Sophia Soraya“ von vier schwenkbaren Ruderpropellern, die sie manövrierfähiger machen. Nach wenigen Augenblicken schwappen kleine Wellen an die Steinwände des Anlegers. Dann verschwinden die Backbord-Lichter in der Dunkelheit. Und mit ihnen ziehen auch die Wellen weiter.

Auf Wiedersehen und gute Nacht, Stadersand! Oder besser, guten Morgen! In knapp drei Stunden geht die Sonne auf. Bis dahin ist sogar die Heimfahrt faszinierend. Rechts der Stader Elbstraße verabschiedet sich das Lichtermeer des Industrieparks mit der Dow und vielen anderen Unternehmen. 150 Menschen arbeiten da gerade in der Nachtschicht an zehn Produktionsanlagen. Deren Schicht geht noch bis halb sieben.

Hunderte Lichter machen das Betriebsgelände der Dow in der Nacht taghell.

Hunderte Lichter machen das Betriebsgelände der Dow in der Nacht taghell.

Die 24-Stunden-Reportage

Für die Serie „24 Stunden: Reportagen rund um die Uhr“ verbringen TAGEBLATT-Redakteure je eine Stunde an einem Ort in der Region. Start und Ende der Serie ist um 0 Uhr, was 24 Stunden und damit 24 Serienteile ergibt. Und das sind die geplanten Folgen in diesem Sommer:

  • Teil 1: Andruck beim TAGEBLATT
  • Teil 2: In der Rettungsleitstelle
  • Teil 3: Auf Stadersand
  • Teil 4: Auf der Intensivstation
  • Teil 5: Beim Brötchen-Imbiss
  • Teil 6: Im Molkerei-Tankwagen
  • Teil 7: Krafttraining beim BSV
  • Teil 8: Packen des Verkaufswagens
  • Teil 9: Der Spül- und Saugwagen
  • Teil 10: Rattenfänger bei der Arbeit
  • Teil 11: 1000 Essen in der Küche
  • Teil 12: Im Oste-Sperrwerk
  • Teil 13: Beim Mittagstisch
  • Teil 14: Auf der Greundiek
  • Teil 15: Bei der Wasserschutzpolizei
  • Teil 16: Beim Minigolf
  • Teil 17: Die DJs von der Elbe
  • Teil 18: Im Supclub Stade
  • Teil 19: Beim Strandwächter
  • Teil 20: Ausbildung zum Jagdhund
  • Teil 21: Am Lühe-Anleger
  • Teil 22: Katzen fangen
  • Teil 23: Kneipen-Kehraus
  • Teil 24: Der letzte Zug

Weitere Themen

Copyright © 2025 TAGEBLATT | Weiterverwendung und -verbreitung nur mit Genehmigung.