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Proteste

TGegendemo in Stade: Corona-Kritiker wehren sich gegen Querdenker-Verdacht

Dörte Schnell (rote Jacke) von den „Omas gegen Rechts“ ruft auf dem Platz Am Sande dazu auf, niemals mit den Rechten zu demonstrieren. Foto: Helfferich

Dörte Schnell (rote Jacke) von den „Omas gegen Rechts“ ruft auf dem Platz Am Sande dazu auf, niemals mit den Rechten zu demonstrieren. Foto: Helfferich

Zwei Demonstrationen, ein Konflikt-Thema: Corona. Seit Wochen demonstriert die Initiative „stadeunteilbar“ gegen eine Spaltung der Gesellschaft durch die Corona-Maßnahmen. Am Montagabend formierte sich am Platz Am Sande der Gegenprotest.

Dienstag, 18.01.2022, 00:02 Uhr

Kurz nach 18 Uhr betreten am Montag einzelne ältere Frauen mit Plakaten unterm Arm den Platz Am Sande in Stade. Doch sie finden schnell zueinander, die Omas gegen Rechts, die seit drei Jahren in Stade gegen Rechtspopulismus auf die Straße gehen. Aus der Dunkelheit kommen immer mehr Menschen, Männer, Frauen, Junge und Alte, die sich dem Aufruf der „Omas“ anschließen, gegen die angekündigte Demo von „stadeunteilbar“ zu protestieren.

„Ich habe jemanden in der Familie mit Long Covid“, erzählt Maria Hauck, „wenn jemand das leugnet, macht mich das wütend. Ich habe ein Kind, das seit einem Jahr krank ist. Außerdem macht es mir Angst, dass sich die Impfgegner und Coronaleugner von rechten Kräften vereinnahmen lassen.“ Das ist auch der Kritikpunkt von Thilo Fritzsche: „Die Corona-Leugner sind ein ganz kleiner Splitter unserer Gesellschaft, aber wir müssen aufpassen, dass er nicht zu brennen anfängt.“ Marlon Borchers, Sprecher der Linke-Jugend Stade, sagt: „Es ist an der Zeit, die Straße nicht diesen Leuten zu überlassen, die die aktuelle Situation mit der NS-Zeit vergleichen. Hätten wir eine Diktatur, könnten sie nicht demonstrieren.“

Demo und Gegenprotest in Stade mobilisieren rund 300 Teilnehmer

Inzwischen sind die ersten Mitstreiter der die Initiative „stadeunteilbar“ eingetroffen und beginnen, ein Herz aus Windlichtern aufzustellen, um das sich immer mehr Menschen versammeln. Der Platz Am Sande bietet ein Bild mit Symbolkraft: Zwei Gruppen aus Demonstranten, denen es um das Thema Corona-Maßnahmen geht, stehen sich mit ihren unterschiedlichen Sichtweisen gegenüber.

Etwa 160 Menschen sind dem Ruf von „stadeunteilbar“ gefolgt und haben sich nach der Vorgabe der Polizei auf der einen Seite versammelt. Auf der anderen stehen etwa 140 Gegendemonstranten, die dem Aufruf der „Omas gegen Rechts“ gefolgt sind, darunter Vertreter der SPD, der FDP, der Solid (Jugendorganisation der Linken) und von Die Partei. Mit Problemen scheint die Polizei nicht zu rechnen: Nur ein Dutzend Polizisten begleitet die Demos.

Auf der Seite der „Omas gegen Rechts“ erklärt Thomas Rackow: "Es sind nicht die Verordnungen, die trennen. Zu einer Trennung führt es, wenn sich Menschen unsolidarisch verhalten und die Gesellschaft belasten und gefährden. Die Corona-Verordnungen dienen dem Schutz der Gesellschaft. Impfen oder nicht impfen ist eine persönliche Entscheidung, die jeder frei treffen kann. Aber sie hat Folgen und wenn ich meine persönliche Freiheit über die Belange der Gesellschaft stelle, darf ich nicht erwarten das die Gesellschaft ihre Gefährdung und Belastung ohne Selbstschutz hinnimmt." Dörte Schnell spricht an diesem Abend auf dem Sande: „Wir wissen, dass nicht alle Teilnehmer der Demos rechtes Gedankengut verbreiten. Aber gemeinsam mit ihnen zu demonstrieren, heißt, sie zu tolerieren. Wohin das in der deutschen Geschichte geführt hat, wissen wir“, ruft sie den Kritikern der Corona-Maßnahmen entgegen.

Auch die Omas gegen Rechts empfänden manche Pandemie-Regelung als widersprüchlich und hätten Verständnis für Kritik an manchen Maßnahmen. „Aber wir haben keine Sympathie für QuerdenkerInnen“, die ihre Informationen aus der eigenen Filterblase holten, die den Willen der Mehrheit – sich impfen zu lassen und sich an die Regeln zu halten – nicht akzeptierten und die sich nicht abgrenzten von Rechtsextremen.

Kritiker der Corona-Maßnahmen wehren sich

Auf der anderen Seite des Platzes sorgen die von den Rednern laut vorgetragenen Vorwürfe für Raunen und Kopfschütteln. Er fühle sich von all diesen Vorwürfen überhaupt nicht angesprochen, sagt ein Mann, der seinen Namen nicht in der Zeitung sehen möchte. Er sei weder Impfgegner noch Corona-Leugner und schon gar nicht rechts. Aus seinem Lager löst sich eine Frau und geht auf die „Omas gegen Rechts“-Initiative zu: „Wir sind nicht rechts“, sagt sie, „in welchen Klischees denkt ihr denn? Ich bin geimpft.“ Ein Mitdemonstrant fordert die Gegenseite lautstark auf, sich „stadeunteilbar“ anzuschließen. Allerdings ohne Maske, worauf die „Omas“ skandieren: „Maske auf, Maske auf!“

Tatsächlich passt die Initiative „stadeunteilbar“ in vieler Hinsicht nicht zu den Montagsdemonstrationen, bei denen derzeit deutschlandweit sogenannte Querdenker, aber auch Anhänger von Verschwörungstheorien und rechtspopulistischen Parteien marschieren. Die Stader Spaziergänger gehen auch montags. Sie geben sich aber ganz anders: Statt auf Transparenten und Schildern ihre Meinung kundzutun, tragen sie nur Laternen in den Händen oder Lichterketten um den Hals, und sie gehen auf dem 2,7 Kilometer langen Rundgang bewusst leise und schweigend durch die Stader Innenstadt. Der Weg ist herzförmig und bewusst so ausgewählt.

Ehemaliger Waldorflehrer hat die Demo angemeldet

Die Initiative veranstaltet ihre Abend-Rundgänge schon seit November jeden Montag. Fast 150 waren vor einer Woche dabei. Es fällt auf, dass Einzelne von Polizei und Versammlungsleitung immer wieder aufgefordert werden müssen, das Maskengebot zu befolgen und einige ein Attest mit einer Maskenbefreiung vorzeigen.

Aber eine konkrete Positionierung gegen bestimmte Maßnahmen oder für oder gegen die Impfung vertrete die Initiative nicht, sagt Hans-Wolfgang Roth. Der ehemalige Lehrer einer Waldorfschule hat die Demonstration angemeldet.

Spaltung der Gesellschaft durch Corona-Maßnahmen befürchtet

Ob geimpft oder ungeimpft, alle seien eingeladen. Es gehe ihnen darum, einer Spaltung entgegenzuwirken, die seit Corona durch viele Familien und Freundeskreise gehe. Sie sei schmerzhaft und belaste viele Menschen schwer. Es sei möglich, andere Meinungen auszuhalten und den Menschen dennoch Respekt entgegenzubringen, sagt Roth, der 19 Jahre lang Kunstlehrer war. Sein Freund Thomas Alrichs, Medizinisch-Technischer Assistent am Universitätsklinikum Eppendorf und „geimpft und geboostert“, wie er hinzufügt, pflichtet ihm bei.

Menschen rechter Gesinnung, die mitlaufen, seien ihnen nicht bekannt. „Wir haben diese rechte, diese menschenverachtende Seite, nicht in unserem Sinn“, sagt Roth. Die Versammlungen würden immer in Nachgesprächen aufbereitet. Sollte sich irgendwann herausstellen, dass ihr Konzept nicht mehr trage, würden sie die Spaziergänge stoppen und noch einmal neu anfangen.

Weitere Gegendemonstranten in Stade angekündigt

Die Skepsis auf der anderen Seite bleibt: „Impfgegner tragen dazu bei, dass die Pandemie nicht beendet wird. Ihre Proteste werden von den Rechten unterwandert und sie distanzieren sich nicht davon“, kritisiert Brigitte Glaser von den „Omas“, „wir machen weiter. Nächsten Montag treffen wir uns wieder.“

Auch in Drochtersen gab es am Montagabend eine Querdenker-Demonstration. Laut Polizei nahmen dort 30 Personen teil.

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