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24-Stunden-Reportage

TWo in Stade Ei und Mett morgens um 5 Uhr die Renner sind

Dört Brockelman (54, links) und ihre Mitarbeiterin Heidi Hoop-Lemcke (51) im „Moin Moin Stehcafé“. Fotos: Parge

Dört Brockelman (54, links) und ihre Mitarbeiterin Heidi Hoop-Lemcke (51) im „Moin Moin Stehcafé“. Fotos: Parge

„Der frühe Vogel kann mich mal“: Im „Moin Moin Stehcafé“ wird der Spruch zur Wirklichkeit. An der Freiburger Straße bietet Dörte Brockelmann die wohl früheste Tasse Kaffee in Stade, dazu ein belegtes Brötchen für unschlagbare 1,40 Euro. Das kommt an.

Von Tim Parge Freitag, 06.08.2021, 12:00 Uhr

Noch bevor in diesen Tagen Anfang August die blaue Stunde der Morgendämmerung allmählich die Nacht vertreibt, fährt Dörte Brockelmann auf dem Parkplatz am Ortseingang vor. Pünktlich um 3.59 Uhr schließt die 54-Jährige den Laden auf. „Erst mal schnell Kaffee kochen. Das ist immer das Erste“, sagt sie und fängt schnurstracks an, zu wuseln. Zwei Maschinen laufen gleichzeitig durch, knapp 4,5 Liter oder 36 Tassen des Wachmachers. Die Erstversorgung steht.

Die als Schaustellerin stadtbekannte Brockelmann, die zudem den Fischbrötchenstand am Stader Stadthafen besitzt, betreibt das „Moin Moin“ seit einem Monat. Am 6. Juli war nach kurzer Renovierung Wiedereröffnung. 19 Jahre lang führte zuvor Eva Lehr den beliebten morgendlichen Frühstückstreff von 5 bis 11 Uhr, ehe sie sich zur Ruhe setzte. „Eva und ich kennen uns schon lange, meine Schaustellerwagen standen früher hier auf dem Hof, wenn ich nicht unterwegs war“, erzählt Brockelmann: „Eva hat mich angesprochen, ob ich nicht das Café übernehmen wolle.“

Seit 36 Jahren als Schaustellerin unterwegs

Wollte sie – auch wegen der Corona-Krise. „Es war eine harte Zeit“, sagt sie. Mit finanziellen Sorgen, „wenn einem von heute auf morgen das Geschäft wegbricht“. Vier Wagen hat die gebürtige Wischhafenerin, mit denen sie unterwegs ist – von der Pommes-Hütte über die Champignon-Pfanne bis zum Scampi-Verkauf.

Seit 36 Jahren ist Brockelmann neben dem Fischverkauf als selbstständige Schaustellerin aktiv. Der Stader Weihnachtsmarkt gehört zu ihrem Kerngeschäft, dazu Weinfeste und Sommermärkte in der Region, auch gehobene Events auf Sylt oder am Tennisstadion in Halle/Westfalen. Das alles fiel mit Corona schlagartig weg, ihre Kosten aber liefen weiter. „Der Weihnachtsmarkt 2019 war der bisherige Schlusspunkt.“ Mit dem Café habe sie sich nun neu aufgestellt, ein Stück weit unabhängiger von der Schaustellerei gemacht. „Ich werde ja nicht jünger“, sagt die Mittfünfzigerin.

Gegen 4.30 kommen die Brötchen

Um 4.10 Uhr ist der erste Kaffee durchgelaufen, 50 Minuten vor Ladenöffnung geht der erste Becher to go über den Tresen: Die Zustellerin bringt die Zeitung. Brockelmann hat bereits die Markise gegen den einsetzenden Nieselregen ausgefahren, die Werbetafeln („Kaffee satt 1,50 “) an der Straße platziert, Bierbänke und Tische gesäubert und zurechtgerückt.

Dazu schließt sie den benachbarten Waschsalon „Wash + Dry“ auf, der wie die Appartements im Hof ihrem Vermieter gehört. „Jeder Morgen ist gleich getaktet, bis 5 Uhr weiß ich genau, was passiert und wer kommt.“

100 Brötchen der einfachen Sorte werden bis 4.30 Uhr vom Backhaus Lünstedt aus Wischhafen geliefert.

100 Brötchen der einfachen Sorte werden bis 4.30 Uhr vom Backhaus Lünstedt aus Wischhafen geliefert.

Bis kurz vor 4.30 Uhr ist auch Zeit für eine kleine Zigarettenpause. Dann kommen die Brötchen – und es muss geschmiert werden. 100 Stück der einfachen Sorte liefert das Backhaus Lünstedt aus Wischhafen. „Kein anderer kommt so früh“, lobt Brockelmann, die ihre Frischwaren allesamt aus der Region bezieht. Geschnittene Zwiebeln, Paprika, die „Verzierung“, wie sie sagt, hat sie schon tags zuvor vorbereitet.

Kaffee satt für 1,50 Euro

Neben Kaffee satt für 1,50 Euro, den sich die Kunden selbst aus den Thermoskannen „zapfen“, Tee und Softgetränken, gibt’s im „Moin Moin“ belegte halbe Brötchen für 1,40 Euro, ein ganzes Rundes für 1,90 Euro. „Ei und Mett gehen am besten“, berichtet die Inhaberin und macht sich auch gleich an ihre Verkaufsschlager. Auf vier Silbertabletts wächst die Auslage. Weiteres Backwerk, Zeitungen oder Zigaretten gibt es im Stehcafé nicht. „Das kaufen sich die Leute auf der Tankstelle“, sagt Brockelmann. Nach Vorbestellung schmiert sie auch für Empfänge oder Geburtstage auf der Arbeit.

Der Nachbar von der Esso holt sich noch vor 5 Uhr seine Frühstücksportion – zweimal Ei, einmal Mett, einmal Käse. Brockelmann packt die geschmierten Hälften liebevoll ein, garniert dieses Mal mit einem Schokoriegel aufs Haus.

Dachdecker Günther Jantke nimmt noch mal nach: Der Kaffee darf im Stehcafé so oft wie gewünscht nachgefüllt werden.

Dachdecker Günther Jantke nimmt noch mal nach: Der Kaffee darf im Stehcafé so oft wie gewünscht nachgefüllt werden.

Stammkundschaft kommt morgens seit Jahren

Dazu gibt es für jeden Kunden ein paar vertraute Worte: „Wie geht’s?“, „Wie war dein Wochenende?“, „Was sagst du zum HSV?“. Man kennt sich. Egal, ob Schichtarbeiter bei der Dow, Monteur auf der Baustelle, Taxifahrerin oder Kartoffelbauer Heinz – Brockelmann kann mit allen, und alle mit ihr.

Der Großteil gehöre zur Stammkundschaft, die meisten kämen schon seit Jahren zur selben Zeit ins Stehcafé, nun auch zu ihr. „Wer in den Urlaub fährt, meldet sich bei mir ab“, scherzt die Frau, die nicht auf den Mund gefallen ist: „Das ist es, was mir so viel Spaß an der Arbeit macht: der Austausch.“ Was in der Stadt passiere, erfahre sie am Morgen von ihren Kunden stets als Erste, ohne Blick in die Zeitung. Manchmal sei sie auch als Kummerkasten gefragt, höre von Sorgen und Nöten. Während der Kontaktbeschränkungen in der Pandemie seien die Gespräche noch einmal ernster geworden.

„Hier geht es familiär zu“

„Hier geht es familiär zu“, bestätigt Dachdecker Günther Jantke von der Firma Brahmst. Er lobt die frühe Öffnungszeit, die günstigen Preise und das neue Ambiente des Stehcafés: „Es wurde sichtbar aufgefrischt.“

Der 59-Jährige ist um 5.04 Uhr der erste Kunde nach offizieller Ladenöffnung. Er treffe sich jeden Morgen mit seinem Kollegen beim „Moin Moin“. Als dieser kurze Zeit später eintrifft, gibt es erst mal Glückwünsche. Bernd Wandt hat Geburtstag – Dörte Brockelmann gehört wie selbstverständlich zu den ersten Gratulanten. Auf familiäre Unterstützung setzt aber auch die Mutter zweier erwachsener Kinder – der Sohn ist ebenfalls Schausteller, die Tochter Immobilien-Vermittlerin.

Doppelschichten im Café und im Fischwagen

Als der Verkehr nach 5 Uhr auf der Freiburger Straße langsam zunimmt, erreicht Freundin Heidi Hoop-Lemcke das Stehcafé. Sie arbeitet seit 16 Jahren für Dörte Brockelmann, hilft nun auch im „Moin Moin“ mit, so dass die Chefin nicht jeden Tag Doppelschichten im Café und anschließend von 11 bis 19 Uhr im Fischwagen am Hafen schieben muss. Auch Brockelmanns Schwester Sonja Hamann gehört zum Verkaufsteam, Mutter Erika Fastert liefert mit 76 Jahren noch täglich den Kartoffelsalat zum Fischmenü.

Drei Arbeiter von der Firma Knaack & Jahn haben Hunger. Sie waren bereits Schrott zusammensammeln.

Drei Arbeiter von der Firma Knaack & Jahn haben Hunger. Sie waren bereits Schrott zusammensammeln.

„Früher hatte ich 400 Quadratmeter, heute 40 und bin viel glücklicher“, berichtet Brockelmann, die von 2008 bis 2011 das gleichnamige Caféhaus Brockelmann in Stade betrieb. Und der frühe Vogel? Das Aufstehen störe sie nicht. „Ich bin ohnehin keine Langschläferin, ich will schließlich nichts am Tag verpassen“, sagt sie.

Mir mehr als 60 Sprüche-Schildern ist das Stehcafé dekoriert, „meine Sammelleidenschaft“, so Brockelmann. Auf einem weiteren steht passend zur Inhaberin: „Willst du glücklich sein, dann sei es.“

Serie: Die 24-Stunden-Reportage

Für die Serie „24 Stunden: Reportagen rund um die Uhr“ verbringen TAGEBLATT-Redakteure je eine Stunde an einem Ort in der Region. Start und Ende der Serie ist um 0 Uhr, was 24 Stunden und damit 24 Serienteile ergibt. 

Teil 1: Andruck beim TAGEBLATT

Teil 2: In der Rettungsleitstelle

Teil 3: Auf Stadersand

Teil 4: Auf der Intensivstation

Teil 5: Beim Brötchen-Imbiss

Teil 6: Im Molkerei-Tankwagen

Teil 7: Krafttraining beim BSV

Teil 8: Packen des Verkaufswagens

Teil 9: Der Spül- und Saugwagen

Teil 10: Rattenfänger bei der Arbeit

Teil 11: 1000 Essen in der Küche

Teil 12: Im Oste-Sperrwerk

Teil 13: Beim Mittagstisch

Teil 14: Auf der Greundiek

Teil 15: Bei der Wasserschutzpolizei

Teil 16: Beim Minigolf

Teil 17: Die DJ’s von der Elbe

Teil 18: Im Supclub Stade

Teil 19: Beim Strandwächter

Teil 20: Ausbildung zum Jagdhund

Teil 21: Am Lühe-Anleger

Teil 22: Katzen fangen

Teil 23: Kneipen-Kehraus

Teil 24: Der letzte Zug

Das „Moin Moin“ an der Freiburger Straße öffnet Montag bis Freitag von 5 bis 11 Uhr.

Das „Moin Moin“ an der Freiburger Straße öffnet Montag bis Freitag von 5 bis 11 Uhr.

Das „Moin Moin“ an der Freiburger Straße 75 öffnet Montag bis Freitag von 5 bis 11 Uhr.

Das „Moin Moin“ an der Freiburger Straße 75 öffnet Montag bis Freitag von 5 bis 11 Uhr.

Wo in Stade Ei und Mett morgens um 5 Uhr die Renner sind

Wo in Stade Ei und Mett morgens um 5 Uhr die Renner sind

Wo in Stade Ei und Mett morgens um 5 Uhr die Renner sind

Dörte Brockelmann (54) führt das „Moin Moin Stehcafé“ seit Juli dieses Jahres. Fotos: Parge

Dörte Brockelmann (54) führt das „Moin Moin Stehcafé“ seit Juli dieses Jahres. Fotos: Parge

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