Drei goldene Regeln der Verkehrserziehung

LANDKREIS. Krankheiten oder Kriege sind weltweit nicht die häufigste Todesursache bei Kindern und jungen Menschen – sondern Verkehrsunfälle. Der ehemalige Polizist Siegfried Häußler ist Verkehrserzieher und erklärt, wie Kinder lernen, sich sicher im Verkehr zu bewegen.


Die kleine Garage hat es in sich: Sieben Kinder beäugen neugierig die Schätze, die durch das hochgeschobene Tor zu sehen sind: rot-weiße Verkehrshütchen, Regale voller bunter Fahrradhelme, Verkehrsschilder – und eine echte Polizistenmütze. Die Mütze gehört Siegfried Häußler, der die kleine Truppe vom Rotkäppchen-Kindergarten gerade auf dem Verkehrsübungsplatz herzlich willkommen geheißen hat. Der heute 74-jährige frühere Polizist war während der letzten zehn Jahre seiner Laufbahn Sachgebietsleiter einer Hamburger Verkehrsabteilung. Seit seiner Pensionierung vor 14 Jahren ist er ehrenamtlich für die Verkehrswacht Buxtehude aktiv.

Sehr aktiv sogar. Von Ostern bis zu den Sommerferien sind er und sein Mitstreiter Bernd Irmer sogar täglich werktags in Sachen Verkehrserziehung im Einsatz. Aus 50 Kitas im gesamten Landkreis Stade kommen Kinder zu ihnen, um auf dem Buxtehuder Verkehrsübungsplatz das richtige Verhalten im Straßenverkehr zu trainieren – unter fast realen Bedingungen, aber ohne echte Verkehrsgefahren. Häußler ist Verkehrswacht-Moderator des Programms „Kinder im Straßenverkehr“, das die Deutsche Verkehrswacht speziell für Kitas anbietet.

Kinder lernen früher das Radfahren

Die sieben Kinder von heute sind Hand in Hand in Zweierreihen mit ihrer Erzieherin Kerstin Pientka zu Fuß vom nahen Rotkäppchen-Kindergarten herspaziert. Ihre Fahrzeuge – Gokarts und Fahrräder – hat Siegfried Häußler bereits einladend aufgebaut. Als er von den Kindern wissen will, wer von ihnen denn schon Fahrradfahren kann, heben alle sieben stolz die Hand. Die meisten sind fünf, die Jüngste von ihnen ist aber erst vier Jahre alt.

Kinder lernen heutzutage oft in jüngerem Alter das Radfahren als früher – dank Laufrad oder Roller lernen sie früh, das Gleichgewicht zu halten. Erfahrung im Straßenverkehr haben die Rotkäppchen-Kinder auch schon. So will der fünfjährige Caspar von Siegfried Häußler zuallererst wissen, wo und wann er überholen darf. Bei einer durchgezogenen Linie nicht, nur bei einer offenen, erklärt sein gleichaltriger Kita-Kollege. Auch viele der Verkehrsschilder, die Häußler ihnen zeigt, kennen die Kinder schon – zum Beispiel das Fahrrad auf blau, das einen Radweg markiert.

Verkehrserziehung sollte aber nicht mit Schildern, sondern schon mit dem ersten Schritt aus dem Haus in den öffentlichen Straßenraum anfangen, wird Siegfried Häußler später auf Nachfrage erklären. Mit den Kindern macht er es jetzt schon vor: Er hält sie zurück, als sie von der Garage zur Kreuzung stürmen wollen und zeigt, wo der Bordstein ist und sie zuerst stehen bleiben und nach links und rechts gucken müssen. Hier verrät er seinen ersten Verkehrserziehungstipp für Eltern:

1. Verkehrserziehung beginnt schon im Kinderwagen

Schon deshalb sollten Eltern beim Kinderwagenschieben nicht die ganze Zeit aufs Handy gucken, merkt Siegfried Häußler an. Aufmerksame Eltern sind Vorbilder. Es beginnt damit, auf die Ampel zu zeigen und zum Baby vor dem Überqueren zu sagen: „Guck mal, es ist grün, wir dürfen gehen.“

Wie die Weltgesundheitsorganisation berichtet, sind Verkehrsunfälle mittlerweile weltweit die häufigste Todesursache bei Kindern und jungen Menschen im Alter von fünf bis 29 Jahren. In Deutschland ist trotz steigenden Verkehrsaufkommens ein lang anhaltender Trend sinkender Opferzahlen bei Verkehrsunfällen zu verzeichnen – auch bei Kindern: 1978 verunglückten in beiden deutschen Staaten 72.125 Kinder, zu Beginn des Jahrtausends waren es jährlich noch über 40.000, 2017 waren es 29.259.

Darunter waren 61 Todesopfer. Die Zunahme passiver Sicherheit in Fahrzeugen durch Sicherheitsgurt und Kopfstütze, Antiblockiersystem und Kinder-Autositze hat einen großen Anteil am Sinken der Opferzahlen. Das sollte Eltern aber nicht dazu verleiten, ihre Kinder sicherheitshalber möglichst oft im Auto zur Kita, zur Schule oder zum Sport zu fahren – Stichwort Eltern-Taxi. Und damit kommt Häußler zum zweiten Verkehrserziehungstipp.

Siegfried Häußler, Verkehrswacht, findet: „Eltern sollten beim Kinderwagenschieben nicht die ganze Zeit aufs Handy gucken.“
 

2. Eltern sollten ihre Kinder im Straßenverkehr möglichst oft begleiten und mit ihnen üben

Die Kinder sollten in ihrem Verhalten im Verkehr immer wieder verbessert, und, ebenso wichtig, bestärkt werden, wenn sie sich richtig verhalten, sagt der Verkehrserzieher. Die Erzieherin Kerstin Pientka berichtet, dass es in ihrer Kita auch so läuft: „Wir gehen spazieren und erklären dabei.“ Nicht erst die Vorschulkinder lernen so zum Beispiel auch die „Gelben Füße“ auf dem Pflaster kennen, die als Kennzeichnung für sichere Schulwege dienen.

Auch mit den sieben Kindern von der Rotkäppchen-Kita übt Häußler heute zuerst zu Fuß. Sie lernen, nicht zu nah am Bordstein zu stehen – besonders nicht an den Ecken: „Manche Autofahrer biegen so scharf ab, dass sie über die Ecke fahren – und da wären dann eure Füße.“

Danach dürfen zwei Kinder mit den Gokarts Autofahrer mimen und am Zebrastreifen warten, bis die anderen Kinder hinübergegangen sind. Sie lernen, ihren Arm vor sich zu strecken, um anzuzeigen, dass sie die Straße queren wollen. Häußler zeigt den Kindern, wo der Fahrradstreifen ist und wo sie warten müssen, wenn sie als Autofahrer rechts oder links abbiegen wollen. Auch weitere Schilder kommen ins Spiel: Vorfahrt ist bei „Spiegelei“ und „Rakete“ – mit dieser Eselsbrücke verankert Häußler bei den Kindern das gelb-weiße Vorfahrtsstraßenschild und das schwarz-weiß-rote Vorfahrtsschild der Kreuzung mit untergeordneter Straße.

Am Ende dürfen alle mit den Fahrrädern und Gokarts auf der Straße fahren. Siegfried Häußler schaltet die Ampeln an, Erzieherin Kerstin Pientka spielt die Fußgängerin, auf die Rücksicht genommen werden muss. Dann dürfen endlich alle Kinder ganz alleine ausprobieren, was sie gelernt haben. Bald flitzen sie munter auf dem ganzen Platz herum. Irgendwann stoßen zwei sogar ein bisschen zusammen. „Herr Häußler, ein Unfall“, rufen alle aufgeregt. „Ja, das kann passieren, wenn einer die Vorfahrt missachtet“, antwortet er. Wehgetan hat sich keiner. Dafür gibt es ihn ja, den Verkehrsübungsplatz. Und damit sind wir schon bei der dritten goldenen Regel der Verkehrserziehung.

3. Die Kinder ihre Wege alleine machen lassen

Aber bitte erst, wenn sie sich sicher sind, dass sich das Kind alleine sicher im Verkehr bewegen kann, betont Häußler. Das beginnt mit dem Schulweg, den die Kinder erst begleitet, nach ausreichendem Training aber alleine gehen sollten. Mit anderen Kindern zusammen zu gehen, macht Spaß und ist gut für die soziale Entwicklung. Aber wenn mehrere Kinder zusammen unterwegs sind, lenken sie sich gegenseitig auch leichter ab.

Bis zum achten Geburtstag müssen Kinder mit dem Fahrrad den Gehweg benutzen – und die Eltern dürfen dort mit ihnen fahren. Selbst, wenn Kinder schon lange geschickte Radfahrer sind, können sie meist erst ab der vierten Klasse allein zur Schule fahren. „Erst dann sind die Kinder so weit, die doch sehr komplexen Abläufe im Straßenverkehr ausreichend zu verstehen und entsprechend zu handeln“, erklärt Siegfried Häußler.

Argumente gegen Helm-Muffel

Auch wenn in Deutschland ein lang anhaltender Trend sinkender Opferzahlen bei Verkehrsunfällen zu verzeichnen ist, ist in den letzten Jahrzehnten der Anteil verletzter Fahrradfahrer an den Gesamtzahlen deutlich gestiegen.

Kinder unter zehn Jahren tragen meist mit großer Selbstverständlichkeit einen Fahrradhelm. Wie neue Zahlen der Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt) belegen, liegt der Anteil in dieser Altersgruppe bei 82 Prozent. Aber bei Jugendlichen und jungen Leuten sieht das anders aus: Auf der Grundlage repräsentativer Verkehrsbeobachtungen von 17 278 Fahrradfahrerinnen und -fahrern im Jahr 2018 tragen nur noch 38 Prozent der elf- bis 16-jährigen und nur 8 Prozent der jungen Radfahrenden zwischen 17 und 30 Jahren einen Helm. Letztere ist die geringste Helmtragequote aller beobachteten Altersgruppen.

Verkehrswacht-Experte Siegfried Häußler veranschaulicht Kindern die Schutzfunktion des Fahrradhelms übrigens mit einem Mini-Helm, den er einem rohen Ei anzieht, das er dann auf den Asphalt fallen lässt. Es bleibt immer heil. Für Erwachsene führt die Verkehrswacht die gleiche Demonstration lieber mit einem Fahrradhelm in Originalgröße und einer Wassermelone vor – so macht das Ergebnis des Falls ohne Helm besonders viel Eindruck. Das Bundesverkehrsministerium fährt dazu gerade eine viel beachtete Kampagne:

www.runtervomgas.de/Fahrradhelm

Grafik: Bundesverkehrsministerium

Wieso, weshalb, warum?

Eigentlich ist es mit der Verkehrserziehung ja wie mit allem anderen auch: Die Eltern gehen mit gutem Beispiel voran. An der Fußgängerampel immer auf das grüne Männchen warten? Versteht sich von selbst. Nicht einfach so über die Straße laufen, wenn der Zebrastreifen in 50 Metern Entfernung schon zu sehen ist? Auch klar. Beim Radfahren immer einen Helm tragen? Zugegeben, die Vorbildfunktion überlasse ich an dieser Stelle bisher vor allem (ok, eigentlich ausschließlich) dem Papa. Bücher wie Janoschs „Tiger und Bär im Straßenverkehr“ oder „Der kleine Tiger braucht ein Fahrrad“ tragen außerdem ihren Teil dazu bei, dass unsere dreijährige Tochter Ella auf ihrem pinken Laufrad immer sicherer durch die Nachbarschaft saust.

Knifflig wird es nur direkt beim Verlassen des Grundstücks. „Hier kommt doch sowieso kein Auto“, sagt Ella und flitzt auch schon los. Unser Haus liegt am Ende einer Sackgasse. Übertrieben gesagt: Wer nicht zu uns will, der kommt hier auch nicht vorbei. Bei jedem Spaziergang lassen wir Ella trotzdem kontrollieren, ob der Weg auch wirklich frei ist. Und gerade wenn wir fast sicher sind, dass sie es jetzt verstanden hat, passiert das Unvermeidbare. „Mama, du hast eben nicht geguckt.“ Mist. Hier kommt doch aber auch sowieso nie ein Auto.

Mirja Klensang ist TAGEBLATT-Redakteurin und manövriert am Stadtrand von Stade zwei Kinder und einen Hund durch den Verkehr.

 

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