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"Spiegel"-Bericht

TSchwere Vorwürfe gegen Ex-BSV-Trainer Steffen Birkner

Steffen Birkner. Foto: Jan Iso Jürgens

Steffen Birkner. Foto: Jan Iso Jürgens

Wieder erschüttert ein möglicher Fall von psychischer Gewalt die Handball-Bundesliga der Frauen. In einem „Spiegel“-Bericht kritisieren ehemalige Spielerinnen den Blomberger Trainer Steffen Birkner. Das sagt sein früherer Trainerkollege Dirk Leun dazu.

Sonntag, 08.01.2023, 08:00 Uhr

(Update am 8. Januar um 16.30 Uhr)

Birkner soll laut „Spiegel“ bei der HSG Blomberg-Lippe einen zweifelhaften Umgang mit seinen Handballerinnen pflegen. Das Nachrichtenmagazin zitiert ehemalige Spielerinnen, darunter die Niederländerin Isabelle Jongenelen sowie andere anonym. „Wenn wir Fehler machten, spielten wir ‚schwule Bälle‘, waren ‚behindert‘, wurden nach Lust und Laune ‚fett‘ und ‚dumm‘ genannt“, sagte sie dem „Spiegel“. Eine andere ehemalige Spielerin sagte, Birkner wirke auf sie wie „ein Tyrann, der einige Spielerinnen bewusst psychisch terrorisierte“.

Für einige, unter anderem Jongenelen, sei es so schlimm geworden, dass sie psychologische Hilfe in Anspruch nehmen mussten. „Bis heute zieht sich in mir alles zusammen, wenn ich an die Zeit dort denke. Ich habe mir eine Psychologin gesucht, die mir hilft, mein Selbstwertgefühl wiederzufinden“, sagte eine ehemalige Spielerin dem „Spiegel“. „Meine Mitspielerinnen schauten weg, weil sie froh waren, für den Moment verschont geblieben zu sein. Ich fühlte mich wie ein Ventil für die Launen des Trainers, nicht wie ein Mensch.“

Birkner: Wortwahl im Sport häufig nicht druckreif

Auch die Trainingssteuerung kritisierten die Handballerinnen in dem Bericht scharf, es sei zu hart. „Wenn ich abends im Bett lag, konnte ich vor Schmerzen in Muskeln und Gelenken manchmal nicht einschlafen“, sagte eine Spielerin. Jessica Bregazzi, Athletiktrainerin in Blomberg 2021/22, sah es demnach ähnlich. „Steffen schoss oft weit darüber hinaus. Immer wieder kamen Mädchen zu mir und klagten, wie müde sie seien“, sagte Bregazzi im „Spiegel“. Noch entsetzter sei sie über den psychischen Druck im Training gewesen. „Es gab Einheiten, in denen einige Mädchen durchgeheult haben. Steffen hat das einfach ignoriert.“

Birkner reagierte auf eine schriftliche Anfrage des „Spiegel“, sei dabei aber nicht auf die Details der Schilderungen der Frauen eingegangen. „Wenn Spielerinnen den von mir angeschlagenen Umgangston nicht immer angebracht empfanden, dann tut mir das leid. Generell ist im Sport die Wortwahl sicher oft gröber als im normalen Leben, häufig nicht druckreif“, so Birkner.

Trainer bei namenhaften Clubs in der Region

Wie Birkner in seiner Zeit bei anderen Vereinen mit Spielerinnen umgegangen sein soll, schreibt der „Spiegel“ nicht. 2008 kam Birkner als Trainer zum Buxtehuder SV, war Jugendkoordinator und Jugendtrainer und coachte das Drittliga-Team. Und: Er vertrat mitunter auch Bundesliga-Trainer Dirk Leun an der Seitenlinie.

Leun: Birkner wurde Teil im „System Blomberg“

Leun sagte auf TAGEBLATT-Nachfrage, dass es vergleichbare Vorwürfe, wie sie Birkner in Blomberg gemacht werden, in Buxtehude nicht gegeben habe. „Ich denke, es ist wichtig zu erkennen, dass Steffen, als er die Chance erhalten hat, in die sportlich großen Fußstapfen von André Fuhr zu treten, gleichzeitig auch ein stückweit in das mittlerweile offengelegte und über 16 Jahre gelebte ‚System Blomberg‘ eingegliedert wurde“, sagte Leun. Die erhobenen Vorwürfe seien schwerwiegend und nicht allein gegen den Trainer Steffen Birkner gerichtet. „Es ist aus meiner Sicht wichtig, dass sich alle Verantwortlichen in Blomberg Gedanken über die Werte machen, zu denen sie sich im Umgang miteinander nach innen wie außen bekennen wollen“, sagte Leun.

BSV-Manager Peter Prior wollte den Fall Steffen Birkner und dessen Buxtehuder Vergangenheit am Sonntag nicht öffentlich kommentieren.

2014 wechselte Birkner für drei Jahre auf die Bank des Kooperationspartners Handball-Luchse Buchholz 08-Rosengarten. Unter seiner Regie stiegen die Luchse im ersten Jahr in die Bundesliga auf.

2018 wurde Birkner Nachfolger von André Fuhr

2017/18 trainierte Birkner die Herren des VfL Fredenbeck in der dritten Liga, jedoch mit wenig sportlichem Erfolg: Birkner musste vorzeitig gehen. Am Saisonende stand der Abstieg in die Oberliga. Birkner heuerte im Sommer 2018 als Nachfolger von André Fuhr in Blomberg an. Hier setzen die Vorwürfe des „Spiegel“ an.

Nationalspielerinnen kündigen wegen Fuhr

Der Fall André Fuhr erschütterte vor einigen Monaten den deutschen Frauen-Handball. Der „Spiegel“ machte nach der Kündigung der Nationalspielerinnen Mia Zschocke und Amelie Berger die Vorwürfe gegen Fuhr, zu der Zeit Trainer bei Borussia Dortmund, öffentlich. Unter seinen Trainingsmethoden sollen zahlreiche Spielerinnen gelitten haben.

Laut dem „Spiegel“-Bericht hätten sich über 50 Handballerinnen bei der Beratungsstelle „Anlauf gegen Gewalt“ in der Causa Fuhr gemeldet. Viele davon seien von der HSG Blomberg-Lippe, wo der ehemalige Bundesliga- und Nachwuchsbundestrainer 16 Jahre lang auf der Trainerbank saß.

DHB sucht neue Kommission zur Aufarbeitung von Gewalt

Derweil geht die Aufarbeitung des Skandals weiter - wenn auch nicht geräuschlos. Nach der überraschenden Auflösung der Kommission zur Aufarbeitung und Prävention von Gewalt sucht der Deutsche Handballbund mit Hochdruck nach einer Folgelösung. "Wir investieren derzeit alle Energie in die Neubesetzung", sagte DHB-Präsident Andreas Michelmann der Deutschen Presse-Agentur. 

Kurz vor Weihnachten hatte der Verband mitgeteilt, dass die fünfköpfige Kommission, die zur Aufklärung der Vorwürfe gegen den ehemaligen Bundesliga- und Nachwuchsbundestrainer André Fuhr gegründet worden war, wegen unüberbrückbarer persönlicher Differenzen nicht arbeitsfähig gewesen sei. 

Dem Gremium gehörten die Soziologin Carmen Borggrefe, der Kriminologe Christian Pfeiffer, die Sportwissenschaftlerin Meike Schröer als Fachberaterin und Expertin in der Prävention sexualisierter Gewalt, Angela Marquardt als Vertreterin der betroffenen Athletinnen und für psychologische Aspekte Benny Barth an.

BVB-Spielerinnen kündigen fristlos

Mit ihrer fristlosen Kündigung bei Borussia Dortmund hatten die Nationalspielerinnen Mia Zschocke und Amelie Berger den Fall Fuhr Mitte September öffentlich gemacht, der "Spiegel" berichtete zunächst. Mittlerweile haben sich zahlreiche Spielerinnen gemeldet, die nach eigenen Angaben psychisch unter den Trainingsmethoden des ehemaligen Coaches gelitten hatten.

"Der deutsche Handball ist sich der Bedeutung der Aufgabe und vor allem der Verantwortung gegenüber den Betroffenen bewusst", betonte Michelmann. Er bedauere sehr, dass die erste Besetzung der Kommission keine gemeinsame Basis gefunden habe. "Dadurch haben wir Zeit verloren", sagte der 63-Jährige. (mit dpa)

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