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Adventsserie

TEinblick in die wohl kleinste „Wohnstube“ der Welt

Hereinspaziert: Die Tür zur Wohnstube-Lkw öffnet sich.

Hereinspaziert: Die Tür zur Wohnstube-Lkw öffnet sich.

Bis Heiligabend öffnet das TAGEBLATT 24 Türen, die sonst verschlossen sind – und erzählt die spannenden Geschichten dahinter. Zum Abschluss der Adventsserie geht es in die mit 4,5 Quadratmetern wohl kleinste „Wohnstube“ der Welt.

Von Tim Parge Mittwoch, 22.12.2021, 08:30 Uhr

Drei schmale Stufen noch, dann folgt in circa 1,50 Meter Höhe das Aha-Erlebnis. Horst Heinsohn klettert auf dem Firmengelände von Pape Logistics in Hollern-Twielenfleth routiniert hinauf zu seinem Lkw und bittet ihm zu folgen. Die Haltegriffe fest umklammert, ein Ruck und schon ist man oben im Truck. Er müsse sich noch entschuldigen, sagt der 61-Jährige gleich zu Beginn. Er habe jetzt bis zum neuen Jahr Urlaub und hatte noch keine Zeit, aufzuräumen.

Doch nach Chaos sieht es beim schweifenden Blick in die Fahrerkabine keineswegs aus. Das Bett ist gemacht, die Decke zusammengerollt, das Kissen aufgeschüttelt. Davor ein kleiner Teppichläufer auf dem Boden. Zwei Einkaufstaschen liegen herum, ein Duschhandtuch hängt zum Trocknen. Eine Kaffeetasse ist auf einem Anti-Rutsch-Untersetzer auf der Armaturenablage platziert, die Kanne steht neben dem Mülleimer auf dem Boden. Drei Paar Schuhe stehen auf der Beifahrerseite beieinander – ein Paar Schlappen, ein Winterpaar und ein Paar normale Treter. „Der Rest ist verstaut“, sagt Heinsohn und zieht weitere Schubladen auf.

Mit Internet und Fernseher

„Die Mikrowelle, die hat nicht jeder“, sagt er nicht ganz ohne Stolz. Sie verbirgt sich über der Mittelkonsole hinter einer aufziehbaren Klappe. Unter dem Bett kommt ein gut 25 Liter fassender Kühlschrank zum Vorschein. „Da sind nur noch Reste drin, muss ich wieder auffüllen“, sagt Heinsohn und drückt die Schublade zu. Sie verschwindet wieder unter dem Bett. Die Grau- und Beigetöne der Innenausstattung wirken zwar nicht edel, dafür aber praktisch-zweckdienlich.

Einen Internetanschluss über die GPS-Box zur Firmenzentrale und einen Fernseher hat der Altländer, der eigentlich immer seinen festen Lkw fährt, auch. Letzterer ist zusammen mit der zweiten Liegefläche über dem unteren Bett zur Kabinendecke geklappt. Die Batterie seines Trucks spendet auch bei nicht laufendem Motor die nötige Elektrizität für Licht, Standheizung und Gerätschaften. „Es ist alles da“, sagt der Fernfahrer. Man nimmt es ihm ab.

Horst Heinsohn (61) fährt seit 1981 mit kurzer Unterbrechung für Pape Logistics im Fernverkehr. Foto: Tim Parge

Horst Heinsohn (61) fährt seit 1981 mit kurzer Unterbrechung für Pape Logistics im Fernverkehr. Foto: Tim Parge

120.000 Kilometer im Jahr unterwegs

Mehr braucht er nicht auf seinen mehrtägigen Touren, die ihn mit seinem roten Pape-Truck quer durch Deutschland und auch schon mal nach Italien oder Spanien führen. Etwas mehr als 4,5 Quadratmeter „Arbeits-, Wohn- und Schlafkomfort“, wie die Hersteller werben, misst das Fahrerhaus. Knapp 2,15 Meter sind es von der Frontscheibe bis zur Rückwand der Kabine, 2,10 Meter ist sie hoch. Einzig eine Toilette fehlt. Und das Bett? „Das ist lang genug“, sagt Horst Heinsohn. Über zwei Meter in der Länge und knapp 80 Zentimeter in der Breite misst seine Koje.

120.000 Kilometer im Jahr reißt ein Fernfahrer wohl ab, schätzt Mirko Pape (44), Geschäftsführer des Familienbetriebs, der einst als Obstgroßhandel 1937 gegründet wurde. Heute übernimmt die Spedition vor allem nationale Gefahrguttransporte. 20 Lkw hat Pape im Dienst, zwölf für den täglichen Hin- und Zurück-Weg, acht für mehrtägige Fernfahrten. Drei Jahre sei so ein Truck für die weiten Touren geeignet, danach könne das Gefährt noch sechs Jahre „auf Gnadentour“ im regionalen Verkehr eingesetzt werden, sagt der Chef.

Die Decke ist zusammengerollt, das Bett bietet mit über zwei Metern Länge genügend Schlafkomfort.

Die Decke ist zusammengerollt, das Bett bietet mit über zwei Metern Länge genügend Schlafkomfort.

Schon der Vater fuhr „über den Brenner“

„Man muss für diesen Job ein Stück weit ein Idealist sein“, beschreibt Heinsohn, der mit kurzer Unterbrechung seit 1981 für Pape fährt. „Und die Familie muss natürlich auch mitspielen“, ergänzt der Trucker, dessen Vater ebenfalls als Lkw-Fahrer „schon über den Brenner gefahren ist“. Die Ruhepausen auf den Raststätten der Republik nach acht oder neun Stunden Fahrt seien jedenfalls nie langweilig. „Wer wie ich schon so lange dabei ist, trifft unterwegs immer bekannte Gesichter.“

Der Heilig Abend und die Weihnachtsfeiertage sind für Horst Heinsohn frei. Spätestens nach dem Neujahrstag wird er seinen Truck wieder vorbereiten, sonntags rückt er in der Regel mit dem Staubsauger an.

„Man will es zu Hause ja auch sauber haben“, sagt er: „Und so ist es auch im Lkw.“ Seinem zweiten Zuhause auf Rädern.

Ein gut 25 Liter fassender Kühlschrank lässt sich unter dem Bett herausziehen.

Ein gut 25 Liter fassender Kühlschrank lässt sich unter dem Bett herausziehen.

Adventsserie: Das TAGEBLATT blickt in der Adventszeit hinter verschlossene Türen. Bis einschließlich Heiligabend stellt die Redaktion im Dezember 24 Orte und ihre Geschichte vor.

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