Zähl Pixel
Archiv

24-Stunden-Reportage: Fluglotsen mit Überblick

Christian Stubbe aus Steinkirchen ist am frühen Morgen schon hellwach. Er hat einen Arbeitsplatz mit Ausblick auf Flugzeuge und Schiffe – im Tower des Airbuswerkes Finkenwerder.

Christian Stubbe aus Steinkirchen ist am frühen Morgen schon hellwach. Er hat einen Arbeitsplatz mit Ausblick auf Flugzeuge und Schiffe – im Tower des Airbuswerkes Finkenwerder.

Punkt 6 Uhr beginnt die Schicht von Christian Stubbe. Er ist Fluglotse an einem der schönsten Arbeitsplätze südlich der Elbe: im Tower des Airbuswerkes Finkenwerder. Hier hat er nicht nur die Start- und Landebahn im Blick, sondern auch den Schiffsverkehr.

Von Lars Strüning Sonntag, 08.07.2018, 14:34 Uhr

Punkt 7 Uhr bewegt sich der erste Flieger von der kleinen Abfertigungshalle schräg gegenüber des Towers gen Rollfeld. Wie jeden Morgen. Airbus hat eine „Germania“ gechartert, die Personal ins Werk nach Toulouse im Süden Frankreichs bringt. Heute fliegt sie eine Kapitänin, die sich ordnungsgemäß bei Christian Stubbe anmeldet. Dem Start steht nichts im Wege. Die Sicht durch die Panoramafenster im 13. Stock des Towers ist gut, das Rollfeld ist frei. Der Windmesser zeigt 19 Knoten aus Südwest.

„Die Charter lässt an“, sagt Kollege Michael Udo Wenko aus Lüneburg, der seinen Dienst etwas später als Stubbe angetreten hat. Die Germania rollt gen Elbe und dreht am Ende der Start- und Landebahn. Die Nase des Flugzeugs zeigt gen Altes Land, die Pilotin gibt Gas und zieht die A319 direkt auf Hohe des Towers in die Luft. Stubbes Job ist getan, er beobachtet das Flugzeug noch ein Stück weit und übergibt es an die Lotsen in Bremen, die sich wiederum mit denen in Fuhlsbüttel kurzschalten. Finkenwerder ist raus.

Stubbe, den Gästen in seiner gläsernen Kuppel, dem Oktagon, wieder zugewandt, muss ein wenig Schmunzeln. Jeden Werktag begleitet er den Pendelflieger zwischen den großen Airbus-Standorten bei dessen Start und den späteren Landungen, aber er selbst war noch nie in Toulouse.

Auch wenn er in Steinkirchen wohnt und Stubbe heißt, ist er kein Altländer. Er stammt aus Nordrhein-Westfalen und kam der Liebe wegen in den Norden. Seit zwölf Jahren ist er Fluglotse bei Airbus. „Ich kann ja nichts anderes“, sagt er, macht ein freundliches Gesicht und zuckt die Schultern. Der Lotsenschein gilt nur für diesen Arbeitsplatz mit seinen speziellen Bedingungen. Bei einem Wechsel in einen anderen Tower, müsste eine zusätzliche Schulung her.

In Finkenwerder verfolgen die Lotsen zwar auch die Bewegungen in der Luft aber vor allem auch die am Boden. Der Start- und Landebahn, deren Verlängerung für den A380 einst im Alten Land sehr umkämpft war, gilt seine ganze Aufmerksamkeit. Dazu gesellen sich drei Vorfelder, über die regelmäßig kleine Roll- und Schleppwagen flitzen – und selbstredend der ein oder andere fast fertige Flieger gezogen wird. Jede Bewegung im sensiblen Bereich muss im Tower angemeldet werden.

„Auf die Piste genehmigt“, heißt es dann von Christian Stubbe oder Kollegen Wenko. „Ohne Abmeldung“ folgt dann noch, das spart Funkverkehr. Die Lotsen fahren ihren Laden heute auf Sicht. Das Wetter lässt es zu. Im Luftraum gehört ein Radius von 18 Kilometern zum Gebiet der Airbus-Fluglotsen.

Bevor am Morgen der Flugverkehr aufgenommen wird, heißt es Großreinemachen auf der Start- und Landebahn. Um 6 Uhr, wenn der Tower geöffnet ist, wird die Piste abgefahren und geguckt, ob größere Gegenstände weggeräumt werden müssen. Das Kehr- und Blasgerät folgt. „Landebahn ist sauber“, kommt über Funk. „Verstanden“ lautet die knappe Antwort aus dem Tower. Michael Udo Wenko ist überzeugt: „Das ist die sauberste Piste der Welt, da kannst du von essen.“

Mit 30 Starts und Landungen rechnen die beiden heute. Parallel zum Flieger nach Toulouse kommt einer aus Toulouse gen Finkenwerder, nachmittags retour. Beluga, das große Transportflugzeug fliegt hier regelmäßig ein und aus, dazu kommen diverse Testflüge für die fertigen Maschinen vor der Abgabe an die Kunden. Direkt unter dem Arbeitsplatz der Lotsen stehen sie Tragfläche an Tragfläche: fertige Maschinen für Easy Jet, Air Portugal, Wizzair und China Southern. Es sind Maschinen der erfolgreichen A320-Familie aus dem Single-Aisle-Programm mit einem Gang zwischen den beiden Sitzreihen, der Spezialität der Flugzeugbauer an der Elbe.

Besonderheiten gibt es noch weitere: So verfügt Finkenwerder über einer der wenigen Start- und Landebahnen weltweit, wo auch der Schiffsverkehr berücksichtigt werden muss. Beim Landeanflug über die Elbe darf es nicht zum Querverkehr kommen mit den dicken Pötten. Die können bis zu 60 Meter hoch sein. Und die landenden Flieger dürfen keine 20 Meter mehr an Höhe haben, um die Piste gut zu treffen. Dann haben sie immerhin noch Tempo 200 drauf. So müssen Stubbe, Wenko und die vier weiteren Kollegen zusätzlich den Schiffsradar im Blick haben, bevor sie die Landeerlaubnis aussprechen.

Wo die Elbe ist, da sind Vögel. Möwen sowieso aber auch bis zu 3000 Gänse in der Vogelzugzeit. Sie kampieren auf den Wiesen nahe der Piste, schlafen gern im Mühlenberger Loch. Vogelschlag ist für die Piloten kein Spaß. Airbus beschäftigt in Finkenwerder extra einen Vogelbeauftragten, damit sich Natur und Technik nicht in die Quere kommen.

Für die Serie „24 Stunden: Reportagen rund um die Uhr“ verbringen TAGEBLATT-Redakteure je eine Stunde an einem Ort in der Region. Start und Ende der Serie ist 0 Uhr, was 24 Stunden und damit 24 Serienteile ergibt. Und das sind die Folgen:

  • Teil 1: In der Verpackungsindustrie
  • Teil 2: Im Altenheim
  • Teil 3: Im Musikladen Heinbockel
  • Teil 4: Im Elbe Klinikum
  • Teil 5: Mit dem Bevern-Bus on Tour
  • Teil 6: Auf dem Wochenmarkt
  • Teil 7: Im Tower bei Airbus
  • Teil 8: Der Hausmeister
  • Teil 9: Die Wasserschutzpolizei
  • Teil 10: Bei Stackmann
  • Teil 11: Auf der Baustelle
  • Teil 12: Der Parkplatzwächter
  • Teil 13: Am Bratwurststand
  • Teil 14: Der Tierpfleger
  • Teil 15: In der Demenz-WG
  • Teil 16: Am Strand
  • Teil 17: Bei der Orgelführung
  • Teil 18: Der Streetworker
  • Teil 19: Bei der Ernte
  • Teil 20: Beim Party-Service
  • Teil 21: Im Freibad
  • Teil 22: Beim Kampfsport
  • Teil 23: Im Einzelhandel
  • Teil 24: In der Kneipe

 

Ein Flieger quert die Elbe und landet in Finkenwerder. Foto von Borstel

Ein Flieger quert die Elbe und landet in Finkenwerder. Foto von Borstel

Copyright © 2025 TAGEBLATT | Weiterverwendung und -verbreitung nur mit Genehmigung.