24-Stunden-Reportage: Frühe Vögel beim Markt
Immer einer der ersten beim Aufbau: Süleyman Gezer . Fotos: Martens
Vom Anlaufpunkt für Möwen und Taxifahrer zum Einkaufsziel in der Innenstadt: Innerhalb weniger Stunden erwecken die Beschicker des Wochenmarktes den Pferdemarkt in Stade zum Leben. Um 5 Uhr noch vollkommen verlassen, stehen hier um 6 Uhr bereits die meisten Stände.
Wir kennen die meisten unserer Kunden ganz gut. Viele von ihnen haben sich jetzt sogar in den Urlaub abgemeldet“, sagt Süleyman Gezer. Mit seinem Vater Erol hat der Obst- und Gemüsehändler aus Horneburg am ersten Marktsonnabend in den Ferien das Rennen um den „Frühen-Vogel-Preis“ gewonnen – wenn es ihn denn gäbe. Während sich neun Taxifahrer rund um den Pferdemarkt noch über die Erlebnisse der vergangenen Nacht austauschen, huscht er als erster Marktbeschicker mit seinem PKW am Taxistand vorbei, um neben der Volksbank auf seinen Vater zu warten. Der schiebt den Firmen-Lastwagen mit Anhänger gekonnt rückwärts in die Holzstraße. Wenige Handgriffe von Sohn Süleyman später rollt der Anhänger an seine finale Position zwischen Brunnen und Busspur.
Die Gezers sind ein eingespieltes Team. „Wir haben das ja auch schon einige Male gemacht“, sagt Süleyman Gezer und lacht. Der Familienbetrieb verkauft seine Waren nicht nur mittwochs und sonnabends in Stade. Am Donnerstag sind Vater und Sohn zu Gast in Cadenberge, am Freitag haben sie ihr Heimspiel in Horneburg. Während ihr Anhänger bereits die ersten Schritte in Richtung Marktstand durchlaufen hat, trudelt Obstbauer Theis zum Felde aus Steinkirchen um 5.20 Uhr mit Familie, einem Transporter, einem LKW und zwei Anhängern auf dem Pferdemarkt ein.
Seit 15 Jahren in Stade dabei: Theis und Peggy zum Felde.
Neun Paletten mit Ware fährt er innerhalb der nächsten 30 Minuten per Hubwagen vom LKW. Seine Frau Peggy, Sohn Robert und Nachbar, Namensvetter und Helfer Theis haben bereits ganze Arbeit geleistet und die beiden Anhänger in einen 23 Meter langen Marktstand verwandelt. Insgesamt 160 verschiedene Artikel haben die zum Feldes im Sommer im Angebot. In dieser Woche waren das erste Mal Pfifferlinge und schwarze Johannisbeeren aus der Region dabei. Ob es die Erdbeeren oder Tomaten, Kartoffeln oder Gurken sind: Zu jeder Ware kann Theis zum Felde genau sagen, woher sie kommt. „Das ist es ja auch, was den Wochenmarkt ausmacht.“
Seit 15 Jahren verkauft sein Familienbetrieb zwei Mal in der Woche auf dem Pferdemarkt, hatte damals Glück, dass gerade ein anderer Beschicker abgesprungen war. „Früher gab es noch eine richtige Warteliste, heute müssen wir nach Anbietern suchen, wenn uns einer verlässt“, erklärt zum Felde, der gleichzeitig im Vorstand des Stader Wochenmarktes ist. Die Zeiten hätten sich gewandelt. Besonders die Parkplatzsituation mache den Anbietern zu schaffen. „Kunden, die ihre Taschen bis zum Stadeum schleppen müssen, kommen erst gar nicht mehr zu uns.“ Das Resultat spürt nicht nur zum Felde in seinen Abrechnungen. Obwohl es früher sieben Obst- und Gemüsehändler auf dem Wochenmarkt gab und heute nur noch vier, sind die Umsätze bei allen verbliebenen gesunken. „Wir warten sehnlichst auf das neue Parkhaus“, sagt zum Felde und ergänzt „Die Stadt muss sich Gedanken machen. Eine Autobahn bringt nicht nur Kaufkraft, sie kann auch ganz schnell Kaufkraft wegtransportieren.“
Der Stand von Theis zum Felde um 6 Uhr.
Als alle Paletten mit Ware verteilt sind, bleibt auf der Ladefläche des LKW der Familie zum Felde lediglich ein Fahrrad zurück. „Das ist unser gemeinsames Werkrad“, sagt zum Felde, lacht und zeigt in Richtung Nachbarstand, an dem Familie Dehde, ebenfalls aus Steinkirchen, ihr Obst und Gemüse auspackt. Sobald die Beschicker ihre LKW ausgeladen haben, werden die Fahrzeuge auf dem Parkplatz am Stadeum abgestellt. Mit dem Fahrrad geht es dann zurück, am Pferdemarkt wird es an den Rad-Partner übergeben. Die Stimmung unter den Anbietern ist herzlich, hier und da wandert ein kurzer Spruch à la „Na, haste Lust heute?“ von Stand zu Stand. „Natürlich gibt es auch mal Querelen, aber im Großen und Ganzen verstehen wir uns gut, helfen uns auch mal gegenseitig mit Ware oder Gegenständen wie Kabeln aus“, sagt zum Felde.
Kabel lautet auch das Stichwort für seine Frau Peggy, die insgesamt sechs Waagen an ihrem Stand anschließt. „Ohne die wären wir aufgeschmissen, könnten nichts verkaufen“, sagt sie. Sobald die Geräte funktionieren, dürfen die Kunden kommen. Schon deutlich vor der eigentlichen Öffnung des Marktes um 8 Uhr beginnt nicht nur am Stand von Theis zum Felde das Geschäft. Er selbst hat dann schon einige Stunden Arbeit in den Knochen. Um 4.30 Uhr startet auf seinem Hof im Alten Land der Arbeitstag, Obst- und Gemüse werden verladen, um 5 Uhr ist Abfahrt. Um 6 Uhr kann Familie zum Felde auch ihr Team von Verkäuferinnen am Stand begrüßen. Zu siebt versuchen sie an diesem Sonnabend, alle Wünsche der Kunden zu erfüllen. Oder wie zum Felde es ausdrückt: „Hier geht es jetzt erst richtig los.“
Für die Serie „24 Stunden: Reportagen rund um die Uhr“ verbringen TAGEBLATT-Redakteure je eine Stunde an einem Ort in der Region. Start und Ende der Serie ist 0 Uhr, was 24 Stunden und damit 24 Serienteile ergibt. Und das sind die Folgen:
- Teil 1: In der Verpackungsindustrie
- Teil 2: Im Altenheim
- Teil 3: Im Musikladen Heinbockel
- Teil 4: Im Elbe Klinikum
- Teil 5: Mit dem Bevern-Bus on Tour
- Teil 6: Auf dem Wochenmarkt
- Teil 7: Im Tower bei Airbus
- Teil 8: Der Hausmeister
- Teil 9: Die Wasserschutzpolizei
- Teil 10: Bei Stackmann
- Teil 11: Auf der Baustelle
- Teil 12: Der Parkplatzwächter
- Teil 13: Am Bratwurststand
- Teil 14: Der Tierpfleger
- Teil 15: In der Demenz-WG
- Teil 16: Am Strand
- Teil 17: Bei der Orgelführung
- Teil 18: Der Streetworker
- Teil 19: Bei der Ernte
- Teil 20: Beim Party-Service
- Teil 21: Im Freibad
- Teil 22: Beim Kampfsport
- Teil 23: Im Einzelhandel
- Teil 24: In der Kneipe