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Martin Wilhelmi

Das NDR-Urgestein aus der Nachtschicht

Der ehemalige Torwart der HSV-A-Jugend wollte gern vor dem Bild von Uwe Seeler in der HSV-Kneipe „Windschirm“ am Hallerplatz fotografiert werden. Foto: Dagmar Gehm

Der ehemalige Torwart der HSV-A-Jugend wollte gern vor dem Bild von Uwe Seeler in der HSV-Kneipe „Windschirm“ am Hallerplatz fotografiert werden. Foto: Dagmar Gehm

Martin Wilhelmi ist nach Carlo von Tiedemann der wohl zweitdienstälteste freie Mitarbeiter des NDR. Ans Aufhören mag der 61-Jährige aber noch lange nicht denken.

Sonntag, 05.02.2023, 09:00 Uhr

TAGEBLATT: Elf Jahre lang haben Sie das Hamburg Journal moderiert. Danach machten Sie sich selbstständig und gründeten die Martin Wilhelmi Medienproduktion MWM. Was hat Sie daran so sehr gereizt?

Martin Wilhelmi: Beim NDR musste ich - wie viele freie Mitarbeiter - eine Zwangspause einlegen. Ich wollte aber weitermachen mit meinem Beruf, den ich immer als Hobby betrachtet habe. Mit MWM habe ich Werbeproduktionen gemacht, Interviews, querbeet. Die Firma habe ich immer noch, sie läuft nebenher.

Je breiter aufgestellt, desto besser?

Genau. Ich stehe auf drei Beinen: Meine freie Tätigkeit beim NDR, meine Medienfirma, außerdem bin ich noch Rechtsanwalt. Nach meiner Erfahrung ist es immer gut, noch einen Fallschirm parat zu haben.

Ihr Gesicht hat einen starken Wiedererkennungswert. Werden Sie öfter mal auf der Straße angesprochen?

(lacht) Ja, erstaunlich, auch von Jüngeren. Die traditionelle halbe Hamburg-Stunde vor der Tagesschau wird offenbar generationsübergreifend gesehen. Das Hamburger Abendblatt schrieb mal vom „Uli Wickert von Hamburg“.

Sind Sie über Ihre Dissertation, die Sie magna cum laude abgeschlossen haben, zum Rundfunk gekommen?

In meiner Doktorarbeit habe ich Finanzierung, Staatsfreiheit und Grundversorgung beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk behandelt. Nach dem zweiten Examen hatte ich nicht gewusst, wo die Reise hingehen soll. Gern wollte ich zurück in meine Heimatstadt Hamburg. Also habe ich mich beim NDR beworben. Obwohl es mir dort gut gefiel, sagte ich mir irgendwann: Aber dafür hast du doch nicht Jura studiert. Beschäftige dich doch mal wissenschaftlich mit Medien… und nach 30 Jahren Praxis kann ich sagen, die Arbeit ist noch aktuell, meine Analysen haben Bestand.

Welchen Vorteil haben Sie damals in der journalistischen Tätigkeit gesehen?

Beides hat damit zu tun, sich mit Menschen zu beschäftigen, mit Geschichten. In den ersten drei Jahren in Hamburg habe ich parallel zu meiner Dissertation noch als Prozessanwalt im Gericht praktiziert. Da habe ich das gemacht, was man Blut, Schweiß und Tränen nennt. Ich habe zwar alles gewonnen, aber die Probleme der Mandanten abends im Kopf mit nach Hause genommen. Deshalb wurde ich Nachrichtenmensch. Ich sag’ jeden Morgen „Hallo Tag“, und der Tag sagt mir dann, was er für mich bereit hat.

Haben Sie ein Volontariat gemacht?

Ein Schnelldurchlauf - ich hatte ja vorher sechs Jahre den privaten Rundfunk in Bayern mit aufgebaut. In Hamburg war ich dann sechs Monate „Tickerstudent“ - damals gab es ja noch Fernschreiber -, Nachrichtenredakteur und Autor von Beiträgen. Dann hieß es: „Mensch, du bist doch Jurist, mach’ mal Gerichtsreportagen.“ Spektakulär waren das Verfahren nach dem Messerattentat auf den Tennisstar Monika Seles und der Prozess gegen die Kiezgröße Ringo Klemm. Dann wurde beim Hamburg Journal die Moderation neu organisiert, und ich wurde ins Präsentationsteam aufgenommen.

Mit all Ihrer Erfahrung - wie unterstützen Sie den journalistischen Nachwuchs?

Bei Carl-Konferenztechnik in Alsterdorf bin ich eine Art „Fernseh-Fitmacher“. Gerade erst habe ich eine Bild-TV-Kollegin fit gemacht, weil das Format runtergefahren wird. Sie will Sportreporterin werden und hat nach meinem Coaching eine schöne Festanstellung bei einem Privatsender bekommen.

Wie hart sind für Sie die Nachtschichten beim Sender?

Tatsächlich habe ich letzte Woche mit den Nachtschichten aufgehört. Ich habe zwar noch keine gesundheitlichen Probleme. Doch beim zweijährlichen Check-up im Athleticum am UKE sagten mir die Ärzte: „Damit das so bleibt, überleg dir, ob du weiter Nachtschichten machen möchtest.“

In 30 Jahren ARD hat sich viel verändert. Welchen Strukturen trauern Sie nach?

Wir haben schon damals viel gearbeitet und viel geleistet. Heute hat das Wort Arbeitsverdichtung Einzug gehalten. Damit kommt man zurecht, aber man merkt - vieles ist auf Rand genäht. Diese Zeit davor, die fehlt mir ein bisschen.

Wie kamen Sie damit zurecht, sich im Laufe der Zeit ständig neuen technischen Erfordernissen anzupassen?

Erfreulich gut. Wir haben eine ganz schnelle Taktung neuer Programme, neuer Updates, neuer Touchpads im Studio, neuer Ausspielwege, du denkst jetzt trimedial, hast eine Nachricht und drei Ausspielwege: Fernsehen, Hörfunk, online. Dann kommt noch Twitter dazu. Weil es eine Sache ist, die mich immer interessiert hat, komme ich gut klar damit.

Wie stark verzahnen heute Fernsehen und Rundfunk?

Als ich vor 30 Jahren anfing, waren Hörfunk und Fernsehen noch in getrennten Häusern. Heute haben wir einen Newsroom, da sitzen Fernseh-RVDs (Redakteur vom Dienst), Hörfunk-RVDs, Realisatoren, Autoren, Onliner. Alle drei „Ausspielwege“ befinden sich in einem Newsroom und versuchen, zusammenzuwachsen. Das Publikum ist gleich gut informiert. Ich gehöre zu denen, die jahrelang Fernsehen gemacht haben, jahrelang Hörfunk und sich auch mit den neuen Medien gut auskennen. Vor kurzem sind wir mit NDR Info umgezogen nach Lokstedt. Jetzt ziehen scheibchenweise auch weitere Redaktionen um.

Wie lassen Sie beim Hörfunk Bilder im Kopf entstehen?

Die Menschen reagieren sehr sensibel auf Modulation in der Stimme. Das heißt, schnell, langsam, hoch und tief sprechen, laut und leise, ähnlich wie beim Gesang. Man kann mit der Stimme Menschen sehr viel tiefer erreichen als mit dem sehr viel oberflächlicheren Medium Fernsehen. Das macht mir sehr viel Spaß, nicht nur mit den Worten, sondern auch mit der Stimme Bilder zu erzeugen.

Hatten Sie eine Sprechausbildung?

Als ich vor 30 Jahren nach Hamburg zurückkehrte, wollte ich so gut wie möglich werden und habe im Bereich Sprechausbildung nach den Besten gefragt. Man empfahl mir den damaligen Chefsprecher - Claus von Arps, der damals schon pensioniert war. Da habe ich für 15 Mark die Stunde auf der Stuhlkante gesessen und versucht, mit dem berühmt-berüchtigten Korken im Mund „Barbara saß nah am Abhang“ korrekt zu sprechen. Das zahlt sich noch heute aus. Heute gebe ich selbst Sprechunterricht.

Ihre aufregendsten Interviews?

Das eine war ein Interview mit Ronald Schill, als er noch Richter war und seine ganze politische Agenda ausgerollt hat. Alle Fragen, die ich vorbereitet hatte, habe ich komplett gestrichen und ihn reden lassen. Da war ich spontan und uneitel genug, um nicht mit Fragen reinzugrätschen. Das zweite war bei einer bekannten Schriftstellerin. Als das Rotlicht anging, ritt mich ein Teufelchen: Such doch mal einen anderen Zugang: „Was sagt eigentlich Ihr Mann, dass seine Frau jetzt noch erfolgreicher ist als er selbst?“ Das hätte auch schiefgehen können. Aber sie meinte nur, dass er keine Probleme damit hätte: „Was ihn nervt ist, wenn ich ihn in der Öffentlichkeit Bärchen nenne.“

Welche Sendung würde Sie als Journalist noch mal reizen?

Ich war immer vielseitig, das ist meine Stärke. Und ich bin neugierig geblieben. Insofern habe ich kein Format vor Augen. Ich möchte informieren und dabei unterhalten. Ich habe ARD Ratgeber Technik gemacht, tagesaktuell (bei Deutsche Welle TV) moderiert, war ein Jahr lang beim ZDF heute journal. Es gehört zum Berufsbild, immer offen für Neues zu sein.

Wie haben Sie Job und Familienleben unter einen Hut gekriegt?

Mein Familienstand lautet geschieden, meine bald 13-jährige Tochter hat schon seit vielen Jahren zwei Zuhause. Ich regle es so, dass ich beim NDR verschiedene Tage rot klicke auf dem Dienstplan, dann werde ich nicht eingesetzt, an anderen Tagen grün, da werde ich eingesetzt und weiß: Die Tochter ist dann bei der Mutter. Wir stimmen uns da gut ab, es gab bei der Trennung auch keine Prozesse, keine Anwaltsschreiben.

Als Hamburger sind Sie Skilehrer beim Deutschen Skiverband. Wie ungewöhnlich.

Ich werde gebucht von Skischulen. Zuletzt von der Skischule Kiel nach Norwegen. Die Reise fiel dann allerdings aus wegen Corona. Mit der Skischule St. Pauli war ich vor einem Jahr in Maria Alm im Salzburger Land, wo ich eine einwöchige Fortbildung gemacht habe, um die Lizenz zu behalten. Wenn ich Sehnsucht nach Schnee hatte, bin ich auch für ein paar Stunden zum Snow Dome Bispingen gefahren und habe ein paar Stunden gegeben.

Sie haben den Krimi geschrieben „Fernsehfieber - Tödliche Gier“, der in Hamburg spielt. Planen Sie ein weiteres Buch?

Ich würde gern eine Fortsetzung des Fernsehfiebers schreiben, vielleicht mit Schwerpunkt Hörfunk und Medienmanagement, Stichwort: Heuschrecken kaufen Sender, Auswirkung auf Redaktionen, menschliche Dramen. Also Medienentwicklung in eine unterhaltsame Geschichte gießen. Aber ich brauche dazu die Zeit.

Bitte ergänzen Sie...

Wenn ich längere Zeit auf einer einsamen Insel verbringen müsste, würde ich Folgendes mitnehmen… ein Fotoalbum mit Schnappschüssen aus meinem Leben, eine Hängematte und ein Fernglas.

Mit welcher Person in Gegenwart oder Vergangenheit hätte ich gern mal getauscht? Mit Weltklasse-Pianist Lang Lang: Einmal genial Klavier spielen - und wieder Lust zum Üben bekommen.

Mein Lieblingsplatz zum Entspannen in Hamburg… ist ein Segelboot auf der Alster.

Ich halte mich fit durch… viel Sport.

Das Buch, das mich zuletzt am meisten begeistert hat… ist NSA von Andreas Eschbach.

Zur Person:

Martin Wilhelmi wurde 1961 in Hamburg geboren, machte 1981 auf dem Wilhelm-Gymnasium Abitur, leistete den Grundwehrdienst in der Wulf Isebrand-Kaserne in Heide und studierte Jura in Passau und München. Seit 1992 ist er Rechtsanwalt. Seine Dissertation schrieb er mit magna cum laude über den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Von 1992 bis jetzt ist er in verschiedenen Funktionen bei Hörfunk und Fernsehen tätig.

Seit 2001 ist der Journalist Gastdozent bei der Bayerischen Akademie für Fernsehen (BAF). 2009 erschien sein Kriminalroman: „Fernsehfieber - Tödliche Gier“. Zehn Jahre stand er beim HSV im Fußballtor (Vorbild Rudi Kargus) und schaffte es bis in die A-Jugend. Heute begeistert er sich für Segeln, Golf und Skifahren, gibt als DSV-Skilehrer selbst Kurse. Er spricht Englisch, Französisch, Italienisch, wohnt in Rotherbaum und hat eine Tochter.

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