Die unglaubliche Reise des Neuntöters
Ein Neuntöter mit Beute. Foto: Schaffhäuser
Neuntöter haben es auf ihrem alljährlichen Zug nicht leicht. Dürre, Überschwemmungen, Unwetter oder die Ausbreitung der Wüstenflächen haben zugenommen. Dass Neuntöter immer wieder im Frühjahr bei uns eintreffen, ist eine fast unglaubliche Leistung.
Von Wolfgang Kurtze
Der Neuntöter ist ein auffälliger Vogel. Das Männchen ist am schwarzen, maskenartigen Augenstrich zu erkennen. Er liebt mit Gehölzen umgebene Wiesen, auf denen er nach Insekten jagt. Im September zieht er zur Überwinterung nach Afrika. Er legt dabei gewaltige Strecken zurück und ist vielen Unbilden ausgesetzt. So könnte seine Wanderung aussehen:
21. September: Unser Neuntöter-Männchen hat auf der Geest in der Nähe des Stader Flugplatzes gebrütet. Er wiegt jetzt 30 Gramm. Zwei Gramm hat er im Vergleich zum Sommer zugenommen und sich ein winziges Fettpolster zugelegt. In diesem trockenen Sommer gab es viele Heuschrecken zu fressen. Er fliegt in Richtung Süden. Mit seiner Energie geht er immer sparsam um: Tagsüber sucht er Nahrung, in der kühlen Nacht wandert er.
3. Oktober: Italien ist erreicht. Die große Dürre hat viele Flächen vernichtet, die Nahrung ist knapp. Wenn er Pech hat, wird auf ihn geschossen.
28. Oktober: Er überfliegt das Mittelmeer, rastet kurz in Zypern und erreicht Ägypten. Im Niltal findet er ausreichend Insekten.
12. November: Der Neuntöter sucht in Äthiopien nach Nahrung. Das Land ist ausgetrocknet. 50 Grad im Sommer haben Spuren hinterlassen.
Rückzug beginnt Anfang März
20. Dezember: In Südafrika sieht es in diesem Jahr etwas besser aus. Nach den Dürrejahren hat sich die Pflanzenwelt erholt, er findet ausreichend Insekten. Hier bleibt er längere Zeit und verteidigt sein Revier gegenüber anderen Vögeln.
9. März: Unser Neuntöter wird unruhig, der Rückzug beginnt. Er zieht wieder über Ägypten, wählt dann die Route über die lebensfeindliche Sinai-Wüste in die Türkei. Unwetter beeinträchtigen den Weiterflug.
13. April: Zugstau. Ein Kälteeinbruch über Mitteleuropa hält ihn auf. Er bleibt zusammen mit anderen Zugvögeln eine Zeit lang auf dem Balkan.
17. Mai: Er ist in seinem Revier in Stade. Drei Tage später folgt das Weibchen.
Brutplätze im Schwingetal verloren
Dass Neuntöter immer wieder im Frühjahr bei uns eintreffen, ist eine fast unglaubliche Leistung. Bei uns machen ihm Brutplatzverluste und Insektenmangel zu schaffen. So ist es kein Wunder, dass der Neuntöter-Bestand langfristig abgenommen hat. Noch im Jahr 2000 brüteten sie vielfach im Schwingetal. Heute sind die Brutplätze fast ausnahmslos verloren gegangen.
Den Namen „Neuntöter“ erhielt er übrigens, weil früher geglaubt wurde, dass er stets neun Beutetiere als Nahrungsreserve auf Dornen aufspießt. Das Verhalten zeigt er wohl, aber immer neun Heuschrecken, Käfer oder gar eine kleine Maus bevorratet er nicht.
Was kreucht und fleucht denn da in der Region? Wolfgang Kurtze, Vorsitzender der Lions-Naturschutz-Stiftung, schreibt über Phänomene und Kuriositäten in der Natur. Das TAGEBLATT veröffentlicht die Artikel des promovierten Biologen in loser Reihenfolge.