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Interview

„Einige reduzieren mich immer noch auf Bibi Blocksberg“

Lina Larissa Strahl ist definitiv ehrgeizig. Manchmal hat sie aber den Eindruck, mit Aufgaben zugeworfen zu werden. Foto: Iga Drobisz

Lina Larissa Strahl ist definitiv ehrgeizig. Manchmal hat sie aber den Eindruck, mit Aufgaben zugeworfen zu werden. Foto: Iga Drobisz

Schauspielerin und Musikerin Lina Larissa Strahl spricht mit dem TAGEBLATT über ihre Rolle als Bibi Blocksberg und den Sprung vom Teenie-Star zur Künstlerin. Heute startet ihre Tour in Hamburg.

Sonntag, 16.04.2023, 00:05 Uhr

Das Interview von TAGEBLATT-Mitarbeiterin Dagmar Leischow mit Lina Larissa Strahl beginnt pünktlich um 9 Uhr morgens. Lina Strahl, inzwischen bekannt als Lina, steht kurz vor ihrem Tourstart. Am Sonnabend, 15. April, steht sie um 19 Uhr in der Hamburger Fabrik auf der Bühne. Mit ihren Konzerten will die Wahlhamburgerin ihr neues Deutschpop-Album „24/1“ promoten. In ihren Texten blickt sie mal auf ihre Kindheit zurück, mal beschäftigt sie sich mit ihren Selbstzweifeln. So will die 25-Jährige, die 2013 als Bibi Blocksberg in dem Detlev-Buck-Streifen „Bibi & Tina - Der Film“ berühmt wurde, den Sprung vom Teenie-Star zur erwachsenen Künstlerin schaffen.

9 Uhr morgens ist eine ungewöhnliche Zeit für ein Interview. Sind Sie eine Frühaufsteherin?

Lina Larissa Strahl: Nicht unbedingt. Doch ich sehe die Vorzüge des Frühaufstehens - gerade, wenn ein Tag voll mit Terminen ist. Grundsätzlich bin ich allerdings besser drauf, wenn ich später aufstehe und länger arbeite. Dennoch bin ich keine Nachteule. Ich denke, ich habe einen ganz normalen Tagesrhythmus. Jedenfalls für Freiberufler. Morgens stehe ich zwischen 8 und 8.30 Uhr auf, ins Bett gehe ich spätestes um Mitternacht.

Sie drehen Filme und machen Musik. Sehen Sie sich eher als Schauspielerin oder Sängerin?

Ich finde, ich kann beides sein. Wobei natürlich durch mein Album „24/1“ momentan die Musik, die meine erste Leidenschaft war, total im Vordergrund steht. Was mich freut: Teilweise darf ich sogar die Musik und die Schauspielerei verbinden. In dem Film „Alle für Ella“, der 2022 herausgekommen ist, habe ich nicht nur die Hauptrolle übernommen, sondern auch gesungen und Gitarre gespielt. Genauso agiere ich in meinen Musikvideos ein Stück weit als Schauspielerin.

Bleiben wir bei der Musik: Eines Ihrer Lieder heißt „Lina, was ist los mit dir?“ Wie oft stellen Sie sich diese Frage?

Eigentlich jeden Tag. Manchmal bin ich schlecht drauf, ohne dass es wirklich einen Grund dafür gibt. Dann frage ich mich: Warum komme ich da nicht wieder raus? Eine andere, vereinfachte Situation wäre zum Beispiel ein Restaurantbesuch. Wenn ich das falsche Essen bekommen habe, traue ich mich nicht, das zu reklamieren. Denn ich habe Angst vor der Konfrontation mit dem Kellner. Hinterher ärgere ich mich dann, dass ich nicht doch den Mund aufgemacht habe.

Stichwort Angst: Sie sind beruflich erfolgreich. Warum plagt Sie trotzdem manchmal die Angst, alles zu verlieren?

Manchmal schleicht sich so ein Gefühl ein, das ich nicht so leicht wieder loswerde: Es wird auf jeden Fall etwas schiefgehen - sei es privat oder beruflich. In solchen Momenten stelle ich viele Dinge infrage. Es fällt mir dann schwer, das Positive zu sehen. Ich bin vollkommen auf das Negative fixiert. Ich glaube: In mir ist eine große Unsicherheit, weil ich immer noch nicht ganz herausgefunden habe, wer ich wirklich bin und was ich tatsächlich will.

Sie thematisieren auf Ihrem Album „24/1“ immer wieder Selbstzweifel. Etwa, wenn Sie singen: „Ich bin so unperfekt.“

In dem Stück „Schön genug“ beschreibe ich, wie ich mich fühle, wenn ich die Tür hinter mir zumache und keiner mehr da ist. Zu Hause zweifele ich eben auch mal total: Bin ich gut genug? Bin ich schön genug - innerlich und äußerlich? Bei meinen Selbstzweifeln versuche ich, auch auf Social Media authentisch zu sein. Aber natürlich poste ich nur das, was ich die Leute sehen lassen möchte.

Üben die sozialen Medien Ihrer Ansicht vor allem auf junge Menschen enormen Druck aus, weil im Netz viele so vollkommen wirken?

Ja. Es gibt bisher noch keine Langzeitstudien, was Social Media überhaupt mit uns macht: Was passiert mit dem Gehirn, wenn man ständig unzählige Eindrücke auf einmal hat oder haben könnte? Was bedeutet es, permanent Minimalentscheidungen wie „Soll ich das jetzt anklicken?“ treffen zu müssen? An meiner Generation ebenso wie an den Jüngeren wird Social Media jetzt quasi ausgetestet. Seit meinem 14. Lebensjahr bin ich komplett damit aufgewachsen. Genau wie alle anderen vergleiche ich mich dauernd mit meiner besten Freundin oder irgendwelchen Celebritys, die ich online sehe. Dabei verschwimmen die Grenzen, man kann das gar nicht richtig ins Verhältnis setzen. Wer weiß, was diese Erfahrungen mit Mitte 40 aus uns gemacht haben werden. Vielleicht müssen wir uns dann fragen: Warum sind wir so leicht zu beeinflussen? Warum sind wir so naiv oder so kaputt?

Springen wir von der Zukunft zurück in die Vergangenheit. Ist der Song „Leere Zimmer“ autobiografisch?

Teilweise ist er fiktiv. Anders als in diesem Lied sind meine Mutter und mein Vater noch zusammen, tatsächlich haben sie aber viel gearbeitet. Das war völlig in Ordnung, bloß hatte ich ein Problem mit dem Alleinbleiben. Im Endeffekt habe ich ein sehr gutes Verhältnis zu meinen Eltern. Abgesehen von ein paar Dingen, die aufgearbeitet werden müssten - wie wohl in jeder Familie. Allerdings fällt mir immer wieder auf, wie sehr sich die Generation meiner Eltern teilweise noch an materielle Dinge klammert. Ich glaube, meine Generation hat sich davon schon ein bisschen freier gemacht. Wir riskieren mehr, weil wir mit dieser Haltung durchs Leben gehen: Uns steht die ganze Welt offen. Wenn wir uns mal verrennen, können wir im Notfall auch etwas anderes machen.

Hängt das Glücklichsein für Sie nicht allein vom Erfolg ab?

Ich bin definitiv ehrgeizig. Doch für mich ist es das allergrößte Glück, psychisch und physisch gesund zu sein. Ansonsten machen mich meine Familie, mein Freund, mein Hund und meine Freunde glücklich.

Als Kind erträumten Sie sich noch etwas anderes. In dem Titel „Kakao“ heißt es: „Ich will einfach nur normal sein.“

Ich war schon immer eher der ängstliche Typ, früher galt ich als kleiner Angsthase. Als 14-Jährige habe ich mich noch von Geburtstagen abholen lassen, weil ich partout nicht bei meinen Freundinnen schlafen mochte. Es fiel mir selber schwer, das zu akzeptieren. Also habe ich oft versucht, doch irgendwo anders zu übernachten. Das machte mich allerdings sehr unglücklich. Ich fand mich komisch, bis ich begriffen habe: Ich bin nicht sonderbar. Ich bin einfach so, wie ich bin. Einige können dies besser, andere das. Jeder ist eben individuell.

Immerhin hatten Sie als Teenager genügend Mut, um zum „Bibi Blocksberg“-Casting zu gehen.

Nur weil man einige Dinge nicht schafft, bedeutet das nicht, dass man nicht in anderen Situationen, vor denen viele zurückschrecken würden, durchaus mutig sein kann. Ehrlich gesagt war ich vor dem Casting sehr aufgeregt. Mir ging durch den Kopf: Was ist, wenn es nicht klappt? Zugleich wollte ich die Rollen unbedingt haben - das war meine Motivation.

Ist es für Sie nun eine Herausforderung, sich als erwachsene Künstlerin zu etablieren?

Einige reduzieren mich immer noch auf Bibi Blocksberg. Zugleich bin ich sehr dankbar für die Bibi-Filme. Ohne sie wären viele Sachen gar nicht passiert. Außerdem war die Bibi-Phase eine sehr schöne Zeit für mich, die ich nicht missen möchte. Nichtsdestotrotz sollte man eins nicht vergessen: Ich bin nicht Bibi, sondern Lina. Seit etwa zehn Jahren mache ich mein eigenes Ding.

Werden Sie als junge Frau öfter unterschätzt als gleichaltrige Männer?

Wenn ich etwas nicht will, muss ich das wahrscheinlich ein paar Mal mehr als ein Mann sagen. Hinzu kommt: Viele, mit denen ich zusammenarbeite, kennen mich bereits seit acht Jahren. Da ich mich in einem recht familiären Umfeld bewege, sehen mich die Leute in einem bestimmten Muster. Sich davon zu befreien, ist schwierig. Generell werde ich aber schon ernst genommen. Dennoch denke ich manchmal: Diese Diskussion müsste Max Giesinger jetzt nicht führen...

Würden Sie sagen, Sie sind mit 25 längst erwachsen geworden?

Auf keinen Fall. Ich fühle mich immer noch wie eine 15-Jährige. Mitunter habe ich den Eindruck, mit Aufgaben zugeworfen zu werden. Ich weiß dann nicht, wie ich eine Entscheidung treffen soll. Obwohl ich den Dreh mit Mitte 20 doch allmählich heraushaben sollte. Was mich tröstet: Ich habe viele Freunde, denen es mit Mitte 30 ganz ähnlich geht. Meine Unsicherheit ist demnach gar nicht so schlimm. Vermutlich werde ich mir auch in zehn Jahren weiterhin die gleichen Fragen stellen.

Bitte ergänzen Sie...

Wenn ich mir heute die „Bibi & Tina“-Filme angucke...., denke ich: Oh Gott! Aber durchaus im positiven Sinn.

An Hamburg mag ich besonders... die Möwen.

Meine Traumrolle wäre... etwas Action-mäßiges in einer internationalen Produktion. Vielleicht im Marvel-Universum.

Frauenfußball finde ich... extrem cool.

TikTok ist für mich... eine sehr belastende App.

Freundschaft... bedeutet mir alles.

Zur Person

Lina Larissa Strahl wurde am 15. Dezember 1997 in Seelze in Niedersachsen geboren. 2013 gewann sie den Kika-Wettbewerb „Dein Song“ als Nachwuchssongschreiberin des Jahres. Im selben Jahr bekam sie die Titelrolle in „Bibi & Tina - Der Film“, das war ihr Durchbruch als Künstlerin. Ihr erstes Album „Official“ erschien 2016. Bei „Dancing on Ice“ belegte sie 2019 den dritten Platz. Ihr Film „Ella für alle“ startete 2022. Kürzlich hat sie ihren vierten Langspieler „24/1“ veröffentlicht, er stand in den Top Ten. Sie ist mit dem Schauspieler Tilman Pörzgen liiert. Das Paar lernte sich bei den „Bibi & Tina“-Dreharbeiten kennen.

„Einige reduzieren mich immer noch auf Bibi Blocksberg“

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