Entertainer Carsten Meyer: Das waren meine schlimmsten Aussetzer
Carsten Meyer alias Erobique sieht es nicht ein, jeden Tag ein Foto von sich im Internet zu posten.
Carsten Meyer alias Erobique hat nach 25 Jahren sein zweites Soloalbum „No.2“ veröffentlicht. Das derzeitige gute Wetter passt zur Stimmung der neuen Platte - irgendwo zwischen Italo-Disco, 60er-Jahre-Funk, Jacht-Pop und Elektro-Soul.
TAGEBLATT: Warum hat Ihr Album „No.2“ ewig auf sich warten lassen?
Carsten Meyer: Ich habe in den vergangenen 25 Jahren wahnsinnig viel Musik gemacht. In ganz unterschiedlichen Konstellationen. Zum Beispiel mit der Band International Pony oder mit „Songs for Joy“. Außerdem habe ich Soundtracks für „Der Tatortreiniger“ geschrieben oder für Theaterstücke komponiert. Ehrlich gesagt fand ich es immer schwer, das, was ich als Erobique auf der Bühne mache, aufzunehmen. Einfach, weil mir im Studio das Publikum fehlt. Die Idee ist ja nicht, allein vor sich hin zu rödeln, sondern mit anderen Menschen zu kommunizieren und daraus Musik entstehen zu lassen.
Ihre Auftritte leben vom Improvisieren. Dabei geschehen natürlich auch Pannen. Wie gehen Sie damit um?
Ich bin ein echter Fan von Fehlern. „Fehler ist King“, hat der Hamburger Musiker Knarf Rellöm gesagt. Das ist ein tolles Motto! Allerdings gibt es technische Probleme, die so gravierend sind, dass man ein Konzert tatsächlich abbrechen muss. Gott sei Dank ist mir das sehr selten passiert. Aber wenn mal irgendwas nicht funktioniert, habe ich zur Not immer noch die Melodica. Dieses Instrument reicht aus, um einen Draht zu den Zuschauern herzustellen.
Sprechen wir über das Lied „Verkackt“. Wann haben Sie zuletzt etwas vollkommen vergeigt?
Das Schlimmste, was mir je passiert ist und wirklich peinlich war: Ich habe 2009 im Thalia Theater eine Vorstellung vergessen, bei der ich live hätte Musik machen sollen. Stattdessen habe ich mit einem Freund Spaghetti gegessen, mein Handy-Akku war dummerweise leer. Als ich das Telefon wieder eingeschaltet habe, hatte ich sehr viele Nachrichten - vom Intendanten Joachim Lux und einigen Kollegen. Das habe ich total verkackt! Denn so ein Abend im Theater mit all den Mitarbeitern vor und hinter der Bühne kostet gut 10.000 Euro. Zum Glück war die Theaterleitung sehr kulant zu mir. Sie hat mir die Chance gegeben, diesen Verlust mit einer Gala zur Spielzeiteröffnung wieder einzuspielen. Dabei haben mich viele Freunde wie Andreas Dorau oder Schorsch Kamerun von den Goldenen Zitronen unterstützt.
Warum hatten Sie diesen Theaterabend denn nicht mehr auf dem Schirm?
Ich hatte zwei Stücke: Studio Brauns „Dorfpunks“ im Schauspielhaus und „Andersen. Trip zwischen Welten“ von Stefan Pucher im Thalia Theater. An diesem Tag habe ich mir extra von einem Freund sein Auto geliehen und bin ins Schauspielhaus gefahren. Dort sagte man mir: „Heute ist keine Vorstellung.“ Ich dachte: Super, mir wurde ein schöner Spätsommerabend geschenkt. Dem war aber gar nicht so...
Wie gehen Sie mit so einer Pleite um?
Wenn ich im Kleinen scheitere, gehe ich damit sehr offensiv um. Daraus entsteht schließlich etwas Neues. Nach so einem Scheitern auf ganzer Linie konnte ich mich dagegen nur in Sack und Asche hüllen und um Vergebung bitten. Auf jeden Fall kann man von einem erwachsenen Menschen erwarten, dass er zu seinen Fehlern steht und nicht noch versucht, anderen Leuten die Schuld in die Schuhe zu schieben.
Machen uns gerade unsere Fehler menschlich?
Wir stehen vor dem Zeitalter der Künstlichen Intelligenz, insofern wird über dieses Thema viel debattiert. Ich denke, dass Fehler, Scheitern und Herumprobieren das sind, was uns in Zukunft von der KI unterscheiden wird.
Wollen nicht im Gegenzug in den sozialen Medien alle möglichst perfekt sein?
Klar, wir werden alle zu Konsumenten herangezüchtet, die sich selbst optimieren sollen. Nichts gegen die freie Marktwirtschaft, doch das halte ich für totalen Quatsch. Ich nutze Social Media natürlich auch, um diejenigen, die sich für meine Musik und meine Konzerte interessieren, informiert zu halten. Dennoch sehe ich es nicht ein, jeden Tag ein Foto von mir zu posten und mein Privatleben ins Internet zu stellen.
Verraten Sie trotzdem, ob Sie gern raven? Eines Ihrer Lieder heißt ja „Rave Dave“.
In den 2000er Jahren habe ich ein bisschen in die Rave-Szene reingeschnuppert und sehr nette Leute kennengelernt. Ich bin aber jemand, der nachts spätestens um 3 Uhr nach Hause geht. Weil ich keine Drogen nehme, werde ich irgendwann müde. Deswegen war ich nie so ein richtiger Raver. Nichtsdestotrotz finde ich den Grundgedanken vom Rave toll: das Gemeinschaftserlebnis.
Ziehen Sie Menschen der Technik vor?
Ja. Ich interessiere mich zwar für moderne Entwicklungen und muss Technik nutzen, dabei setze ich jedoch nicht auf das Allerneueste. Mit der Technik halte ich es wie mit Menschen: Wenn ich ihr vertraue, arbeite ich ein paar Jahre mit ihr. Generell bin ich ein Typ, der lieber raus in die Natur geht, statt sich allein im Studio zu verschanzen und die ganze Zeit bloß an Knöpfen und Reglern zu drehen. Ich hämmere lieber auf alten Klavieren herum.
So wie in der Nummer „Zukunftsmusik“?
Das ist ein sehr besonderes Stück. Die Musikerin Sophia Kennedy spielt Blockflöte, ich Klavier. Meine Idee von Zukunftsmusik ist, dass wir mit echten akustischen Instrumenten zusammen musizieren und nicht zu einer KI dancen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass die KI in der Werbung und bei kommerzieller Musik wahnsinnig viel übernehmen wird. Ebenso kann ein Filmkomponist eine KI nutzen, um schneller einen Soundtrack fertigstellen zu können. Allerdings würden zahlreiche begabte Leute arbeitslos werden, wenn die Produktionsfirmen die Komponisten komplett durch eine KI ersetzen würden.
Wie stehen Sie zu einer Interaktion von KI und Mensch?
Wenn man dank einer Virtual-Reality-Brille miterlebt, wie Jimi Hendrix und Billy Holiday miteinander Musik machen, ist das nicht echt. So etwas kann das gemeinsame Musizieren mit Menschen nicht ersetzen. Ich ziehe es jedenfalls vor, mit anderen zusammenzusitzen und mich zu unterhalten.
Schotten Sie sich zuweilen im Urlaub ab?
Anfang des Jahres war ich mit meiner Freundin zwei Monate in Australien. Wir sind mit dem Auto 2500 Kilometer die gesamte Küste heruntergefahren. Diese Art des Reisens mag ich sehr gern. Ich brauche weder ein schickes Hotel noch großen Luxus. Mich treibt meine Neugier an. Der Wunsch, Sachen zu entdecken und zu erleben. Wir sind im Great Barrier Reef geschnorchelt, einmal habe ich am Strand Mantarochen gesehen. Ein tolles Erlebnis! Auf der anderen Seite zerren meine Reisen als Musiker zusehends an meinen Nerven. Wenn ich zum Beispiel nach Berlin muss, besteht die Gefahr, dass der Zug verspätet oder rappelvoll ist. Da bleibe ich lieber in Hamburg und fahre Fahrrad. Hamburg ist eine grüne, weitläufige Stadt, die ich nach über 20 Jahren immer noch liebe.
Betrachten Sie sich inzwischen als Hamburger?
Ich bezeichne mich als Wahlhamburger. Eigentlich bin ich ein stolzer Westfale. Ich mag meine Heimat und die Eigenheiten des Münsterlandes. Ich bin nach wie vor gern dort. Schon allein deswegen, weil man im Münsterland stundenlang in der Natur Radfahren kann. Trotzdem habe ich es kein einziges Mal bereut, 2000 nach Hamburg gezogen zu sein.
Wie sehr hat Sie die Hamburger Schule damals geprägt?
Die ganzen Musiker der Hamburger Schule haben mich freundlich empfangen. Darum bin ich der Hamburger Szene total dankbar. Die meisten Musiker kommen ursprünglich aus irgendwelchen Käffern. Der Sterne-Sänger Frank Spilker etwa stammt aus Bad Salzuflen. Der Punkt ist: In der Provinz entstehen zwar auch Szenen, aber man hat nicht so viele Möglichkeiten wie in der Großstadt. In Hamburg kann man in Konzerte gehen, man kann sich lokale Bands angucken und die Musiker nach ihren Auftritten sogar ansprechen. Dadurch trifft man schneller auf Gleichgesinnte, man kriegt mehr Inspiration.
Bitte ergänzen Sie...
Ein perfekter Sonntag ist für mich... eine sehr lange Radtour bei schönem Wetter zu machen.
Den Beruf des Tatortreinigers... finde ich notwendig und nützlich.
Mein erstes Instrument... war das Klavier. Mein Opa hatte eins bekommen, weil er nach dem Krieg in einer Kirche Schreinerarbeiten gemacht hatte. Schon als Baby wollte ich immer darauf patschen.
In den Charts auf Platz eins zu stehen... wäre für mich völlig irrelevant.
Erfolg heißt für mich... ein angenehmes Leben zu haben und ohne große Sorgen in einer netten sozialen Gemeinde aufgefangen zu sein.
Meine favorisierte Aerobic-Übung... ist der Hampelmann.
Zur Person
Erobique wurde am 11. Juli 1972 als Carsten Meyer in Saerbeck in Westfalen geboren. Seine Kompositionen sind in Kinofilmen wie „Fraktus“ zu hören. Für die Serie „Der Tatortreiniger“ macht er nicht nur Musik, er ist auch in kleineren Rollen zu sehen. Er arbeitet regelmäßig als Theaterkomponist, etwa im Thalia Theater oder im Deutschen Schauspielhaus. Er ist Keyboarder der Hamburger Band International Pony. Sein erstes Soloalbum „Erosound!“ hat er 1998 veröffentlicht, die Platte „No.2“ ist kürzlich erschienen.