TGeheimer Besuch: Warum Karl Lauterbach diskret im Cuxland war
Auch ein Selfie mit Gesundheitsministerin Daniela Behrens musste sein. Später twitterte Lauterbach, dass in der Mitte ein „älterer Kollege“ zuhöre. Foto: Gallas
Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach besuchte das einzige Regionale Versorgungszentrum Niedersachsens und ein neues Ärztehaus im Stader Nachbarkreis. Kann so die ärztliche Versorgung auf dem Land gesichert werden?
Von Katja Gallas
Zwei dunkle Limousinen mit Berliner Kennzeichen rollen am Sonnabend durch norddeutsches Vorzeigewetter. Es schüttet wie aus Eimern, als Niedersachsens Gesundheitsministerin Daniela Behrens (SPD) den Bundesminister empfängt. Auf ihre Einladung hin kommt Prof. Dr. Karl Lauterbach direkt aus Berlin als Wahlkampf-Unterstützung. Treffpunkt: das Regionale Versorgungszentrum (RVZ) Nordholz und das Ärztehaus Geestland in Langen. Thema: die ärztliche Versorgung im ländlichen Raum. Aus Sicherheitsgründen unter Ausschluss der Öffentlichkeit.
Von 5000 Ärzten in Niedersachen gingen rund 1800 in den kommenden Jahren in Rente, berichtet Behrens: „Und wo werden die fehlen? Bei mir auf dem Land.“ Eine Chance, die ärztliche Versorgung im ländlichen Raum zu sichern, könnten solche multiprofessionellen Zentren sein. Also Orte, an denen Ärzte mit verschiedenen Fachrichtungen gemeinsam arbeiten.
RVZ: Große Herausforderung
Im RVZ geht das Angebot weit über das rein medizinische hinaus, auch Tagespflege, Café, Physiotherapie sind hier gebündelt. „Ich habe nie verstanden, warum Kommunen über die schlechte ärztliche Versorgung klagen, aber die Chance, ein RVZ aufzubauen, nicht nutzen“, wundert sich Lauterbach. Darauf haben die Beteiligten mehr als eine Antwort.
Marcus Itjen (parteilos), Bürgermeister Wurster Nordseeküste, berichtet, dass die Finanzierung eine riesige Herausforderung gewesen sei und diese Investition ohne Unterstützung durch das Land nicht möglich gewesen wäre. Dezernent Friedhelm Ottens betonte, dass es auch an Personal und Know-how - das Wissen, wie - in den Kommunen fehle. Vor allem in den kleineren, die gleichzeitig besonders betroffen vom Ärztemangel seien.
Minister twittert aus Nordholz
Die Fahrt nach Langen nutzte der Minister zum Twittern. Mit „Wurster Heide“ lag er zwar nur zur Hälfte richtig, doch die Kommune holte sich ein öffentliches Lob von höchster Stelle ein. „Vorbildlich: Die Kommune selbst baut das Ärztezentrum auf. Kein privater Investor, maximales Vertrauen statt maximaler Gewinn. In der Mitte hört ein älterer Kollege zu“, postete er zusammen mit einem Selfie von einem Skelett und Behrens.
In Langen wurde der Minister im Ärztehaus Geestland erwartet. Im Gegensatz zum RVZ in kommunaler Trägerschaft ist diese Praxis-Gemeinschaft aus privater Initiative heraus entstanden. Was beide Konzepte gemein haben? Ihre Struktur nimmt den Ärzten einen Teil der Verwaltung ab, es bleibt mehr Zeit für die Patienten. Ab Januar 2023 arbeiten dort sechs Ärzte mit acht Fachrichtungen.
Vergütung für Praxisärzte steigt 2023 - Kritik von Ärzten
Sich als Hausarzt niederzulassen sei enorm teuer, aber vor allem die Bürokratie belaste die Mediziner, sind sich die Ärzte einig. „Ich habe im Quartal zwischen 2000 und 2500 Patienten. Ich wäre heillos überfordert, wenn ich die Verwaltung selbst machen müsste“, sagt Praxis-Inhaberin Dr. Nina Brümmer. Hinzu kämen noch mal 100 Hausbesuchspatienten durch die Altenheime.
Die Vergütungen für Praxisärzte sollen im nächsten Jahr steigen. Der Orientierungswert, nach dem sich die Preise für alle vertragsärztlichen und psychotherapeutischen Leistungen berechnen, erhöht sich 2023 um zwei Prozent, wie der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenversicherungen (GKV) am Mittwoch nach einer Festlegung des zuständigen Erweiterten Bewertungsausschusses mitteilte. Dies entspreche einem Zuwachs von 780 Millionen Euro. Dem Gremium gehören je drei Vertreter der GKV und der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) sowie drei unparteiische Mitglieder an.
Mit weiteren Vergütungselementen und anderen Leistungen ergebe sich insgesamt eine Erhöhung von voraussichtlich rund 1,4 Milliarden Euro, sagte ein Sprecher des GKV-Spitzenverbands. Damit erhalte rechnerisch jeder niedergelassene Arzt und jede niedergelassene Ärztin nächstes Jahr 11.000 Euro zusätzlich an Honorar.
Die KBV sprach dagegen von einer "bitteren Enttäuschung". Der gegen die Ärzteseite im Gremium gefasste Schiedsspruch sei kein ansatzweise ausreichender Ausgleich für aktuelle Kostensteigerungen, sagte KBV-Chef Andreas Gassen.
Kassenärzte kritisieren geplante Abschaffung der Neupatientenregelung
Die Kassenärztliche Vereinigung Niedersachsen hat wegen der Reformpläne zur Finanzierung der gesetzlichen Krankenversicherung vor Nachteilen für Patientinnen und Patienten gewarnt. Um das milliardenschwere Defizit der Krankenkassen zu stabilisieren, plane Lauterbach unter anderem den Wegfall der sogenannten Neupatientenregelung, kritisierte die KVN. Hintergrund ist die vorgesehene Kürzung der Extra-Vergütung von Behandlungen für Neupatienten in Arztpraxen.
"Der Minister behauptet, die Neupatientenregelung hat nichts gebracht. Das stimmt einfach nicht", betonte der Stader KVN-Vorstandschef Mark Barjenbruch. Nach KVN-Zahlen habe mehr als jeder vierte gesetzlich versicherte Patient von der Regelung profitiert. "Im ersten Quartal 2022 sind in den niedersächsischen Praxen rund 2,2 Millionen Neupatienten behandelt worden – deutlich mehr als im Vergleichszeitraum des Vorjahres", sagte er.
Mit dem Gesetz konterkariere der Minister den Koalitionsvertrag, wonach die ambulante Versorgung gestärkt werden solle: "Dabei ist es Lauterbach selbst gewesen, der sich für die Regelung stark gemacht hat. Nun wird es so sein, dass die Ärztinnen und Ärzte gar nicht mehr anders können, als ihr Terminangebot in den Praxen zurückzufahren."
Der Bundesgesundheitsminister hat sich Zeit genommen, mit den Ärzten über Herausforderungen im Berufsalltag zu diskutieren. Foto: Arnd Hartmann
Lauterbach erkundigte sich, wie hoch der Anteil der Verwaltungsarbeit wäre? 40 bis 50 Prozent, schätzen die Ärzte. „Wenn Sie es schaffen, die Bürokratie auf 25 Prozent zu verringern und der finanzielle Druck rausgenommen wird, dann haben wir eine Chance, wieder junge Menschen für den Beruf zu begeistern“, gibt Dr. Wolfgang Dausch dem Bundesgesundheitsminister mit.
Auch das Ärztehaus in Langen „betwitterte“ Lauterbach gemeinsam mit einem Gruppenbild von den Ärzten: „Gemeinsam mit den 5 Kollegen und Kolleginnen über Lösungen diskutiert“.