Hier geht Tim Haller an seine Grenzen
Beim Buxtehuder SV wird der Parabadminton-Nationalspieler Tim Haller kaum noch gefordert. Der 23-Jährige tritt stattdessen den Weg zum Olympiastützpunkt in Hamburg an. Ein Schritt, der sich auszahlt: Haller ist inzwischen einer beste Einzelspieler Deutschlands.
Die jungen Spieler müssen nur ein wenig nach oben schielen, um sich zu vergewissern, wo sie sind. Die Halle ist rundum mit 28 Trikots dekoriert, beflockt mit den Namen von Nationalspielern, Deutschen Meistern und einstigen Talenten, deren Karrieren in Hamburg begonnen haben. Es gleicht einer Hall of Fame, die Ansporn für die Nachwuchsspieler sein kann, die jetzt über die Felder laufen und zum Schlag ausholen. Willkommen an einer der besten Adressen im deutschen Badmintonsport, am Olympiastützpunkt in Hamburg.
An einem Donnerstagabend im Mai trainieren hier elf Spieler, eine durch Ferien dezimierte Gruppe. Es sind hauptsächlich Mädchen und Jungen, niemand älter als 17 – bloß einer sticht heraus: Tim Haller, 23, etwas älter und einen Kopf größer als die anderen. Haller, durch eine rechtsseitige Spastik in seiner Beweglichkeit eingeschränkt und nahezu taub, träumt davon, an den Paralympischen Spielen 2020 in Tokio teilzunehmen. Dort gehört Parabadminton, die Badminton-Variante für Menschen mit Behinderungen, zum ersten Mal zum Sportprogramm. Und in Hamburg will Haller sich das Rüstzeug holen – inmitten von Teenagern.
{picture2s} Wer ihn fragt, wie sich das anfühlt, bekommt ein Schulterzucken als Antwort. Der Altersunterschied, er spielt keine Rolle, Hauptsache das Leistungsniveau stimmt. „Ich muss hier an meine Grenzen gehen“, sagt Haller. Bei seinem Heimatverein, dem Buxtehuder SV, spielen Freizeitsportler, einige mit der ersten Mannschaft in der Landesliga, einige kommen zum Training, um Federball zu spielen. Die Möglichkeiten für Haller haben sich erschöpft. „Ich habe beim BSV keine schlechten Gegner“, sagt Haller, „in Hamburg aber lerne ich viel Neues.“ Er hat Trainer und Mitspieler, die ihn fordern.
Ben Caldwell schickt einen Spieler über das Feld. „Here, you need a high lift, than you wait in the center, than you need to defend there“, sagt Caldwell. Der Spieler prescht mit wenigen Schritten aus der Mitte des Spielfelds dorthin, wohin Caldwell mit dem Finger zeigt. Vorne am Netz deutet er mit seinem Schläger einen Lob an, hinten einen Drive, einen flachen Schlag ins gegnerische Mittelfeld. „Schattenlaufen“ nennt sich das, eine Übung ohne Ball. Caldwell schaut in Hallers Richtung: „Verstehst du?“
Haller beginnt mit der Übung. Caldwell ist Bundesstützpunkttrainer in Hamburg, mit verschränkten Armen steht er zwischen den Spielfeldern und macht Ansagen, wenn ihm etwas auffällt – auf Englisch. Am Olympiastützpunkt versammelt sich internationale Erfahrung, die Talente lernen von einem Engländer, der Nationaltrainer Irlands war, von einem Niederländer, einst Serienmeister im Einzel in seiner Heimat, und von einer Chinesin, die an den Olympischen Spielen 2004 teilnahm. Und auch der Rahmen stimmt. Haller trainiert in einer der modernste Badminton-Hallen Deutschlands. Die Markierungen der Badminton-Felder kreuzen teilweise die der Volleyball-Felder, mehr nicht. Ein Linien-Wirrwarr wie in jeder Schulsporthalle gibt es hier nicht.
Der Badminton-Standort Hamburg hat sich in den vergangenen Jahren professioneller aufgestellt und wurde vom Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) daher neben Mülheim an der Ruhr und Saarbrücken zum Bundesstützpunkt ernannt. Die Hamburger arbeiten mit der Eliteschule des Sports zusammen, damit die Spieler Schule und Sport bis zum Abitur vereinbaren können. Stimmt die Leistung, können Perspektivspieler auch in das Sportinternat aufgenommen werden.
Tim Haller hingegen hat sich mit einem Leben zwischen Sport und Beruf eingerichtet. Der Fahrzeugpfleger macht durch seine flexiblen Arbeitszeiten zwei Mal die Woche früher Feierabend und pendelt mit der Bahn nach Hamburg-Dulsberg. Wie an diesem Donnerstag. Bevor er am Hauptbahnhof in die U 1 steigt, kauft er sich am Bahnsteig eine Butterbrezel und nimmt einen Schluck Apfelschorle. Endstation: Alter Teichweg.
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Wolfgang Wienefeld ist der Mann, der erklären kann, wie Haller an den Olympiastützpunkt gekommen ist. Er holt aus: „Ich kenne den früheren Parabadminton-Nationaltrainer, und der hat mich gefragt, ob zwei Spieler hier mittrainieren könnten.“ Einer davon war Haller. Wienefeld, Präsident des Hamburger Badminton Verbandes, sprach mit den Trainern am Olympiastützpunkt, und die luden Haller zum Probetraining ein. „Es hat allerdings gedauert, bis alles unter Dach und Fach war“, sagt Wienefeld. In welcher Gruppe soll Haller mittrainieren? Wie wird sein Platz finanziert? „Denn Trainer und Federbälle kosten Geld“, sagt Wienefeld. Seit zwei Jahren trainiert Haller nun am Olympiastützpunkt.
Dazu passt eine Beobachtung des Sport- und Teilhabewissenschaftlers Volker Anneken vom Forschungsinstituts für Inklusion durch Bewegung und Sport. Er sagte dem TAGEBLATT: „Die Olympiastützpunkte öffnen sich immer mehr für Menschen mit Behinderungen, sodass die paralympischen Sportler mit Trainingsmaßnahmen versorgt sind.“ Das aber hänge vielerorts vom Engagement Einzelner ab, die dafür sorgten, dass Sportler mit Behinderungen mittrainieren könnten. So auch bei Tim Haller.
Wienefeld sagt vage, dass es zuerst Vorbehalte gegeben habe, einen Spieler mit Behinderungen in eine Gruppe von Spielern ohne Einschränkungen aufzunehmen. „Als er auf dem Feld stand, waren die aber schnell weg.“ Heute sagt Wienefeld: Es war der richtige Schritt und ein Zeichen für Toleranz. Ein Mitspieler aus der U 15 sagt, Haller werde vollkommen respektiert. Die Behinderung spiele keine Rolle, im Gegenteil: „Es ist sehr anspruchsvoll, gegen ihn zu spielen.“ Im Trainingsspiel entscheidet der junge Spieler einen Satz für sich, der andere geht an Haller.
Tim Haller greift in eine Kiste mit Federbällen und geht zurück auf sein Feld. Sein Gegenüber spielt den Ball in einem hohen Bogen in seine Hälfte, Haller trifft ihn mit dem Schläger über dem Kopf und schmettert ihn zurück; Smash wird dieser Schlag genannt. Der eine greift an, der andere wehrt ab – immer im Wechsel. Niemand spricht bei dieser Übung. Nur das Quietschen der Schuhe ist zu hören und das Knallen, wenn Schläger auf Ball trifft.
Für Haller lohnt sich der Weg nach Hamburg. „Es gibt nicht so viele homogene Trainingsgruppen mit Leistungskultur“, sagt Fabian Gruss. Gruss ist als Nachwuchskoordinator am Olympiastützpunkt eigentlich dafür zuständig, Talente zu sichten. Als Co-Trainer der Parabadminton-Nationalmannschaft hat er aber auch immer den Blick für Haller: „Tim hat eine gute Entwicklung gemacht, er ist unser bester Einzelspieler.“
Was Haller anderen Spielern mit Behinderungen voraushat: Er denkt und spielt wie ein Badminton- und nicht wie ein Parabadminton-Spieler. Denn im Parabadminton, erklärt Gruss, stünden sich oft Spieler gegenüber, die ihre Taktik an die Einschränkungen ihres Gegners anpassten. Auf den Ausgang des Wettkampfes mag sich das positiv auswirken. „Dadurch aber verliert man ein wenig den Entwicklungsfokus“, sagt Gruss. Haller hingegen nicht. Es sei gut, dass er durch das Training am Olympiastützpunkt aus dem Parabadminton-Umfeld herauskomme. Die Behinderungen spielen dort keine Rolle.
Nach dem Training vertilgt Haller am Hauptbahnhof chinesische Nudeln mit frittiertem Hähnchen. „Ich bin echt müde und kaputt“, sagt er. Vor wenigen Tagen erst ist er von einem Turnier aus Kanada zurückgekommen. Doch er braucht das regelmäßige Training in Hamburg, die Krafteinheiten, die ihm Stabilität im Spiel geben. Zumal er auf dem Weg nach Tokio noch eine Reihe von Turnieren bestreitet, so auch in dieser Woche in Irland.
Tim Haller wuchtet seine Schlägertasche in der S-Bahn auf einen Sitz, fläzt sich daneben ans Fenster und zieht den Reißverschluss seiner Softshelljacke bis oben hin zu. Bürogebäude, die Elbe, Felder ziehen vorüber. Haller starrt durch seine schmalen Augen auf das Smartphone und versucht, den Sport für einige Minuten zu vergessen.
Das TAGEBLATT begleitet den Buxtehuder Parabadminton-Nationalspieler Tim Haller (23) auf dem Weg zu den Paralympischen Spielen 2020 in Tokio durch verschiedene Bereiche seines Lebens:
Teil 1: Das Leben mit Einschränkungen
Teil 2: Als Jugendtrainer und Vorbild
Teil 3: Zwischen Job und Sport
Teil 4: Am Olympiastützpunkt
Teil 5: Auf internationaler Bühne