Tim Haller ist nicht nur auf dem Feld ein Kämpfer
Die Ärzte hatten ihm kurz nach seiner Geburt kaum eine Chance ausgerechnet zu überleben. Der Buxtehuder Tim Haller (23) aber kämpfte und entwickelte sich zu einem der erfolgreichsten Parabadminton-Spieler Deutschlands. Sein Ziel: die Paralympischen Spiele in Tokio.
Da liegt er rücklings, gehüllt in eine weiße Decke, und kämpft. Den Kopf hat er auf die rechte Seite gedreht, ein dünner Schlauch führt in sein rechtes Nasenloch, auf Wange, Brust und Kopf kleben Pflaster. Tim Haller, vor sieben Tagen in einem Ludwigsburger Krankenhaus geboren, inzwischen nach Stuttgart verlegt, liegt in einem Inkubator, einem Brutkasten für Frühgeborene, optimal temperiert, ein Schutzraum vor Infektionen. Sechs Wochen zu früh war er zur Welt gekommen, 1153 Gramm schwer, 40 Zentimeter groß. „Die Ärzte haben ihm keine Chance gegeben“, sagt Rose-Mary Haller, Tims Mutter. Manchmal, wenn sie bei ihrem Sohn ist, bemerkt sie, dass andere Inkubatoren leer sind, dass andere Kinder gestorben sind.
Im August wird Tim Haller – 55 Kilo schwer, 1,72 Meter groß – 24 Jahre alt. Ein Mann, der jünger aussieht, als er ist, und ein Leben mit verschiedenen Einschränkungen führt. In den Monaten und Jahren nach seiner Geburt wurde festgestellt, dass Haller nahezu taub und durch eine rechtsseitige Spastik in seiner Beweglichkeit eingeschränkt ist. „Er konnte nicht richtig krabbeln, seine rechte Seite nicht richtig bewegen“, sagt Rose-Mary Haller. Das rechte Bein habe er beim Gehen hinterhergezogen. Außerdem stellten Ärzte als Folge der frühen Geburt und künstlichen Beatmung eine Entwicklungsverzögerung und Lernbehinderung fest. „Von der Geburt bis zur Volljährigkeit hat bei ihm alles recht lang gedauert“, sagt die Mutter.
Dass dieser junge Mann sich zu einem der erfolgreichsten Parabadminton-Spieler Deutschlands entwickeln würde, damit haben wenige gerechnet. Vor rund zwölf Jahren trainierte Haller zum ersten Mal beim Badminton-Training des Buxtehuder SV mit. „Beim Badminton ist er ein Einzelkämpfer“, sagt Rose-Mary Haller, „das passt gut zu ihm.“ Mittlerweile hat Tim Haller mehr als 20 Turniere im Ausland bestritten und damit mehr als 100 000 Kilometer zurückgelegt: von Dänemark über Brasilien bis Australien. Im kommenden Jahr will er dann nach Tokio und bei den Paralympischen Spielen antreten. Parabadminton, die Badminton-Variante für Menschen mit Behinderungen, gehört erstmals zum paralympischen Programm. „Tokio 2020 ist mein großer Traum“, sagt Haller. Die Qualifikationsphase hat im Frühjahr begonnen.
{picture1}
An einem Freitagnachmittag steht Tim Haller, trendige Kurzhaarfrisur, sportliche Statur, zwischen seinen Trophäen. Die Pokale füllen ein mannshohes Regal im Wohnzimmer, zwei Medaillen-Bündel hängen an der Wanduhr über dem Fernseher. Haller schnappt sich einen silberfarbenen Pokal, der problemlos zwischen Daumen und Zeigefinger passt: Platz zwei bei der Deutschen Meisterschaft 2011, einer seiner ersten Erfolge im Parabadminton. Oder eine Bronze-Medaille mit abgerundeten Ecken: Platz drei bei der Europameisterschaft im vergangenen Jahr in Frankreich. „Das ist meine wichtigste Medaille“, sagt Haller.
Tim Haller lebt in seiner eigenen Wohnung im Süden Buxtehudes. 50 Quadratmeter, Wohnzimmer, Schlafzimmer, Küche, Bad. Der Koffer, mit dem er um die Welt reist, steht in einer Ecke des Wohnzimmers. Vor wenigen Tagen erst ist er von einem internationalen Turnier aus Kanada zurückgekehrt. Zum Play-Station-Spielen kommt er allenfalls am Sonntag. „Wir sehen ihn eigentlich selten“, sagt Rose-Mary Haller, „er bringt höchstens seine Wäsche vorbei.“ Sie, die Mutter, wohnt mit ihrem Lebensgefährten nur wenige Meter entfernt auf dem gleichen Hof. Tim, sagt sie, könne gut ein selbstbestimmtes Leben führen.
Dennoch ist Tim Haller auf Unterstützung angewiesen, etwa auf seine Hörgeräte wegen der Schwerhörigkeit oder auf ein umgebautes Auto wegen der Spastik, vor allem aber auf seine Mutter. „Ich bin Tims Managerin“, sagt Rose-Mary Haller, 51, gebürtig aus Schweden und Staatsbürgerin Kanadas. Rose-Mary Haller, die seit rund 45 Jahren in Deutschland lebt, ist rechtlich gesehen die Betreuerin ihres Sohnes. Es gehe darum, ihn zum Beispiel bei Behörden- oder Bankangelegenheiten oder beim Abschließen eines Internetvertrags zu unterstützen, aber nicht zu bevormunden. „Immer im Sinne des Kindes“, sagt Rose-Mary Haller. Und sie ist diejenige, die neben ihrem Teilzeitjob als Sekretärin die Reisen zu den Turnieren organisiert. Die Hallers rechnen mit Kosten von 30 000 Euro bis zum Ende der Qualifikationsphase. „Der Großteil kommt aus eigener Tasche und Spenden“, sagt Rose-Mary Haller. Sie freue sich über jede Unterstützung.
{picture2}
Jetzt sitzen die beiden, Mutter und Sohn, nebeneinander auf der Couch. Aus einem blauen Kästchen holen sie Fotos hervor. Eines zeigt den ein Jahr alten Tim Haller vor den Niagara-Fällen auf dem Arm seiner Mutter, beide klatschnass und glücklich. Er hält es lange in der Hand, grinst, legt es auf den Tisch zu den anderen.
Und da ist ein Foto, das nach der Geburt gemacht wurde: Tim Haller im Inkubator. Auf der Rückseite steht geschrieben: Tag 7. „Man hat wirklich gebibbert, ob er es überhaupt schafft“, sagt Rose-Mary Haller über die Zeit im Stuttgarter Krankenhaus. Aber als ihr Sohn nach etwa drei Wochen zum ersten Mal die Stirn gerunzelt habe, sagte der Arzt: „Tim, du bist ein Kämpfer, du schaffst das.“
Wer Tim Haller unterstützen möchte, kann über die Internetseite www.tim-fuer-tokio.de spenden. Außerdem gibt es beim Buxtehuder SV ein Konto: Buxtehuder Sportverein, IBAN: DE25 2419 1015 2000 5105 00, Verwendungszweck: Tim Haller. Mehr Informationen gibt es auf der Facebook-Seite „Tim Haller Para-Badminton“.
Das TAGEBLATT begleitet den Buxtehuder Parabadminton-Nationalspieler Tim Haller (23) auf dem Weg zu den Paralympischen Spielen 2020 in Tokio durch verschiedene Bereiche seines Lebens:
Teil 1: Das Leben mit Einschränkungen
Teil 2: Als Jugendtrainer und Vorbild
Teil 3: Zwischen Job und Sport
Teil 4: Am Olympiastützpunkt
Teil 5: Auf internationaler Bühne