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Serie: der Weg nach Tokio - Teil 2

Tim Haller: Vorbild für den Badminton-Nachwuchs

Der Terminkalender des Parabadminton-Nationalspielers Tim Haller ist eng getaktet, und doch findet er hin und wieder die Zeit, den Badminton-Nachwuchs des Buxtehuder SV zu trainieren. Haller möchte sein Können und Wissen weitergeben.

Von Tim Scholz Donnerstag, 06.06.2019, 16:30 Uhr

"Stop!“, ruft Tim Haller und betritt das Spielfeld. Ein Junge, gut einen Kopf kleiner, blickt fragend zu ihm hinauf. Haller stellt sich neben ihn: die Füße schulterbreit auseinander, den Oberkörper leicht nach vorne gebeugt, Schläger auf Bauchhöhe. Der Junge macht es ihm nach. Haller korrigiert mit einem Griff an dessen rechten Hand noch die Schlägerhaltung, dann nickt er.

An einem Freitagnachmittag im Mai schlendert Tim Haller, 23, um die Spielfelder in der Sporthalle Süd in Buxtehude herum. Hier trainiert die sogenannte Leistungsgruppe des BSV, heute 15 Kinder und Jugendliche auf vier Feldern. Und Haller, der vor einigen Jahren dort selbst das Badmintonspielen gelernt hat, ist inzwischen einer ihrer Trainer.

{picture1s} Vor rund zwölf Jahren begann in dieser Halle, die zwischenzeitlich mit einer Kletterwand ausgestattet wurde, die sportliche Laufbahn des Buxtehuders. Tim Haller war seiner Mutter zum Badminton-Training beim BSV gefolgt, ehe er selbst zum Schläger griff. Trainerin Heike Koch, seit fast 40 Jahren in der Abteilung verwurzelt, erinnert sich an einen schmächtigen Jungen, eingeschränkt durch eine rechtsseitige Spastik und hochgradig schwerhörig. Er stand vor ihr und fragte, ob er bei den älteren Jugendlichen, den Fortgeschrittenen, mittrainieren dürfe. Koch, eine quirlige Frau, die ihre Aussagen entweder mit breitem Lächeln oder mit betont ernster Miene unterstreicht, sagte: Okay! „Aber wir werden keine Rücksicht auf dich nehmen.“

Zunächst bekam Haller seine Grenzen aufgezeigt. Ihm flogen buchstäblich die Federbälle um die Ohren. „Der Kopf will und weiß, was zu tun ist, aber der Körper mit seinen Einschränkungen kann nur schwer folgen“, erklärt Koch. Haller aber entwickelte den heute für ihn typischen Biss, und die anderen Jugendlichen bemerkten: Da ist ein ernstzunehmender Mitspieler und Gegner.

Jetzt stehen die Mädchen und Jungen in einem Halbkreis vor Haller. Er erklärt ihnen nach Absprache mit Koch die nächste Übung und geht zur Praxis über. Haller befördert den Federball mit einem kraftvollen Schlag auf die andere Seite des Netzes. Der Knall, der entsteht, wenn Schläger auf Ball trifft, hallt nach.

Haller trainiert die Fortgeschrittenen so oft, wie sein Terminkalender es zulässt: derzeit nicht mehr so oft. Denn der Buxtehuder bestreitet weltweit Turniere, um sich für die Paralympischen Spiele 2020 in Tokio zu qualifizieren. Dort gehört Parabadminton, die Badminton-Variante für Menschen mit Behinderungen, zum ersten Mal zum Sportprogramm. Trotzdem betont Haller: „Ich bin gerne hier.“

Koch ist immer noch erstaunt über die „unglaublichen Sprünge“, die Haller in seiner Jugend gemacht hat. „Als kleiner Knirps war er noch nicht so stark, sodass ich die anderen Kinder zwingen musste, mit ihm zu spielen“, sagt sie. Und heute? Heute seien die Möglichkeiten des BSV begrenzt, Haller sportlich weiterzubringen. „Er ist ein Topspieler und Vorbild für unsere Abteilung, auch in Sachen Fairness und Hilfsbereitschaft“, sagt Koch. Indem er den Nachwuchs trainiert, gibt er sein Können und Wissen an die Kinder und Jugendlichen weiter.

In Buxtehude sind sie stolz auf den Parabadminton-Nationalspieler. Das zeigte sich auch im vergangenen Jahr, als Haller in einem hellblauen Hemd in einem Konferenzraum saß. Die Stadt Buxtehude und die Sparkasse wollten ihn auf seinem Weg nach Tokio finanziell unterstützen. Bei der Veranstaltung sagte Bürgermeisterin Katja Oldenburg-Schmidt, dass Haller mit seinem Sportsgeist ein Riesenvorbild für viele junge Menschen sei. BSV-Geschäftsführerin Stefanie Teske bezeichnete Haller als Paradebeispiel für gelungene Inklusion (siehe unten).

Tim Haller spielt jetzt die Ballmaschine. Er steht neben einer brusthohen Apparatur: Vier auf einem Stativ befestigte Rohre sind mit Federbällen gefüllt. Haller zieht einen Ball mit der rechten Hand heraus und spielt ihn mit seinem Schläger auf die andere Seite des Netzes – und lässt Hai Phi über das Spielfeld laufen.

Hai Phi, 16, gehört zu den Talenten der Badminton-Abteilung. Er schätzt Haller für dessen Ehrgeiz und sagt, dass er von ihm viel lernen könne: das druckvolle Spiel, seine Gelassenheit, der Blick für den Gegner, die Ballannahme. „Tim war längere Zeit mein Vorbild“, sagt Hai Phi. Er habe sich vorgenommen, ihn irgendwann einmal im Spiel zu schlagen. „Und ich komme dem näher.“

Haller spielt die Federbälle im Drei-Sekunden-Takt hinüber zu Hai Phi. Mal kurz, mal lang. Einige Bälle werden retourniert, einige sind unerreichbar. Das Spielfeld ist übersät mit Bällen, und Hai Phi am Pumpen. So geht es weiter, bis die Rohre leer sind. Hai Phi keucht. Tim Haller applaudiert.

{picture2s} Stefanie Teske, die Geschäftsführerein des Buxtehuder SV, hat Tim Haller im vergangenen Jahr als „Paradebeispiel für gelungene Inklusion“ bezeichnet. Wie aber gelingt Inklusion im Sportverein? Einer, der dazu forscht, ist Sport- und Teilhabewissenschaftler Dr. Volker Anneken, Geschäftsführer des Forschungsinstituts für Inklusion durch Bewegung und Sport in Frechen bei Köln. Er sagt: „Inklusion gelingt dann, wenn die Menschen in den Vereinen die grundlegende Haltung mitbringen, dass es kein Problem ist, wenn Menschen eine Beeinträchtigung haben.“ Diese Haltung sei die Voraussetzung dafür, dass in den Vereinen eine Willkommenskultur entstehen könne und Menschen mit Behinderungen sich zugehörig fühlten, sagt Anneken. Dann könne von gelungener Inklusion gesprochen werden.

Im Jahr 2009 ist die UN-Behindertenrechtskonvention in Deutschland in Kraft getreten. Der Leitgedanke: Inklusion. Demnach müssen sich Menschen mit Behinderungen nicht vorwiegend an die Umwelt anpassen, sondern die Umwelt muss sich so verändern, dass jeder selbstbestimmt und gleichberechtigt an allen gesellschaftlichen Bereichen teilhaben kann. Das gilt auch für den Sport und die Vereine in Deutschland mit ihren 24 Millionen Mitgliedern.

Soweit die Theorie. Bundesweit jedoch sei die Zahl der inklusiven Sportangebote überschaubar, stellte vor zwei Jahren das Deutsche Institut für Menschenrechte fest, das kontrolliert, ob die UN-Behindertenrechtskonvention umgesetzt wird. Dabei sei der Breitensport, mehr noch als der Leistungssport, ein wichtiger „Motor der Inklusion“: Menschen mit und ohne Behinderungen hätten so die Möglichkeit, spielerisch miteinander in Kontakt zu kommen. Umfragen aber zeigen, dass neben inklusiven Sportangeboten auch speziell geschulte Trainer und barrierefreie Sportstätten fehlten. Und das wirkt sich mitunter auf die Teilhabe aus: Nur 54 Prozent der Menschen mit Behinderungen treiben regelmäßig oder gelegentlich Sport, während es bei den Menschen ohne Behinderungen 72 Prozent sind, wie aus dem Teilhabebericht der Bundesregierung hervorgeht.

Die Sportvereine stehen somit vor einer großen Herausforderung – und doch stellt Wissenschaftler Anneken fest, dass die Vereine Lust hätten, sich auf das Thema Inklusion einzulassen. Das zeigt auch eine Reihe von Good-Practice-Beispielen, die der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) vorstellt. Dabei geht es darum, wie Menschen mit Behinderungen am allgemeinen Sporttreiben gleichberechtigt teilnehmen können: Ein Verein etwa fasst in einem 43 Seiten umfassenden Handbuch praktische Erfahrungen mit inklusiven Sportangeboten zusammen.

Außerdem gebe es in einigen Städten sogenannte Steuerungsgruppen mit Fachleuten, die Sportverbände und -vereine bei Fragen zum inklusiven Sport beraten. „Es ist viel im Gange“, sagt Anneken. Vor allem im Lokalen, vor allem im Breitensport.

Und der Leistungssport? „Die Olympiastützpunkte öffnen sich immer mehr für Menschen mit Behinderungen, sodass die paralympischen Sportler mit Trainingsmaßnahmen versorgt sind“, sagt Anneken. Das aber hänge vielerorts vom Engagement Einzelner ab, die dafür sorgten, dass Sportler mit Behinderungen mittrainieren könnten. Wie bei Tim Haller, der am Olympiastützpunkt in Hamburg zusammen mit Jugendlichen ohne Behinderungen trainiert. „Dieser Sportler ist ein Leuchtturm an Inklusion“, sagt Anneken. Und das könne sich insofern positiv auswirken, dass die Teilhabe von Menschen mit Behinderungen im Verein selbstverständlicher werde.

Sport aber ist für viele Menschen nur ein Lebensbereich neben anderen wie Beruf, Schule und privatem Umfeld. Was kann der Sport also in puncto Inklusion leisten? Dass dieser eine Vorreiterrolle bei der Umsetzung der Inklusion einnehmen könnte, halten 72 Prozent der im DOSB organisierten Verbände für realistisch, wie eine Umfrage aus dem vergangenen Jahr ergab. Allerdings, und das zeigt die Umfrage auch, fehlten oftmals Geld, Personal und Aktionspläne, um das Themenfeld Inklusion gezielt voranzutreiben. Es sei viel Überzeugungsarbeit vonnöten, sagt Anneken. „Wir stehen noch am Anfang.“

Das TAGEBLATT begleitet den Buxtehuder Parabadminton-Nationalspieler Tim Haller (23) auf dem Weg zu den Paralympischen Spielen 2020 in Tokio durch verschiedene Bereiche seines Lebens:

Teil 1: Das Leben mit Einschränkungen

Teil 2: Als Jugendtrainer und Vorbild

Teil 3: Zwischen Job und Sport

Teil 4: Am Olympiastützpunkt

Teil 5: Auf internationaler Bühne

 

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