Mega-Drama um Antonelli - „Unglaubliches Gefühl“ für Leclerc
Charles Leclerc bleibt in Silverstone cool. Foto: Peter Powell/Pool EPA/AP/dpa
Was für ein chaotischer Grand Prix von Großbritannien. Kimi Antonelli hat irres Pech, Max Verstappen landet im Kiesbett - und Charles Leclerc triumphiert.
Silverstone. Nach dem Formel-1-Thriller von Silverstone und dem Mega-Drama um WM-Spitzenreiter Kimi Antonelli fiel von Charles Leclerc eine Tonnenlast ab. Im späten Chaos des Grand Prix von Großbritannien nutzte der Monegasse das Technik-Desaster beim italienischen Mercedes-Teenager und feierte seinen ersten Sieg seit 623 Tagen.
„Es ist ein unglaubliches Gefühl“, sagte der cool steuernde Leclerc. Unter dem Safety-Car nach einem Kiesbett-Aus von Max Verstappen im Red Bull überquerte er erstmals seit dem USA-Rennen in Texas 2024 wieder als Erster die Ziellinie. „Nach den letzten Wochen, die besonders schwierig waren, nun zu gewinnen, macht mich unglaublich glücklich.“
Leclerc verwies bei seinem neunten Karrieresieg Antonellis Teamkollegen George Russell auf den zweiten Platz. Dritter wurde Lokalheld Lewis Hamilton, der eine Fünf-Sekunden-Strafe wegen Fehlstarts verbüßen musste und sich am Ende mit einem Taktikfehler beim Boxenstopp um Platz zwei brachte. Die Untersuchung eines Vorfalls während einer Gelb-Phase hatte für den Rekordweltmeister keine nennenswerten Konsequenzen, er wurde lediglich erstmals in dieser Saison verwarnt.
„Mir tut es für den Kimi leid“
Ein Desaster erlebte Antonelli. Der Teenager klagte zehn Runden vor dem Ende bei seiner Aufholjagd auf den Führenden von Ferrari über einen Schaden an seinem Mercedes. Er wurde ganz weit zurückgeworfen und blieb als punktloser 16. zum dritten Mal nacheinander ohne Sieg.
„Das Bittere ist, dass der Kimi mit so großen Schritten auf Leclerc zugegangen ist, dass er ihn vermutlich sechs Runden vor Schluss erwischt hätte, dann hätten wir wahrscheinlich großes Racing gesehen. Das ist natürlich Pech, mir tut es für den Kimi leid“, räumte Mercedes-Teamchef Toto Wolff bei Sky ein.
Antonelli verzweifelt im Cockpit
Antonelli, der noch den Sprint am Samstag gewonnen hatte, bleibt WM-Führender. Sein Vorsprung auf Russell schmolz allerdings auf 25 Zähler. „Die Aufhängung ist gebrochen“, schrie er in der Schlussphase über Funk, musste dann an die Box und stand mehrmals davor, seinen Wagen vorzeitig abzustellen. Der 19-Jährige wollte aber nicht aufgeben.

Kimi Antonelli erlebt einen schwarzen Sonntag. Foto: Morgan Harlow/AP/dpa
Ein Jahr nach seinem ersten Karriere-Podest erlebte Nico Hülkenberg einen weiteren Rückschlag in dieser Saison. Der einzige deutsche Fahrer im Feld sah diesmal gar nicht die Zielflagge. Der weiter punktlose Audi-Pilot musste in der 38. Runde seinen Dienstwagen auf dem Rasenstreifen wegen eines Defekts abstellen.
Leclerc und Hamilton ziehen an Antonelli vorbei
Hollywood-Schauspieler Hugh Grant oder auch der Leadgitarrist der britischen Rockband Queen, Brian May, erlebten mal wieder einen verpatzten Start von Antonelli. Der italienische Teenager hatte sich nach seinem ersten Sieg im Sprint in Silverstone auch die Pole Position gesichert. Aber für Antonelli läuft es an der Spitze stehend nur selten optimal. In Kurve eins war Leclerc im ersten Ferrari vorbei. Auch Hamilton im zweiten Ferrari ließ den Mercedes-Fahrer hinter sich.
Vor einer Woche schien Verstappen mit seinem zweiten Platz in Spielberg noch die Wende mit Red Bull eingeleitet zu haben. In Silverstone kehrte aber der Frust zurück. Im Sprint wurde der Niederländer nur Sechster, in der Qualifikation kam er nicht über Rang sieben hinaus. Vier Runden vor dem Rennende schlitterte Verstappen ins Kiesbett - ein Debakel.
„Peinlich, schlecht“, lautete Verstappens Fazit, der über die Balance im Auto und fehlenden Top-Speed klagte. „Ich bin ja nicht abergläubisch, aber ich komme mir vor, als hätte ich eine schwarze Katze überfahren“, meinte Verstappen fatalistisch im niederländischen Fernsehen über seine derzeitige Situation mit dem ehemaligen Weltmeisterteam. „Ehrlich, ich hasse diesen Wagen“, sagte der Red-Bull-Star nach seinem Aus.
Hamilton sitzt Zeitstrafe ab
Zu Beginn hatte es noch nicht nach einem solchen Dämpfer für Verstappen und Antonelli ausgesehen. Den ersten Ferrari schnappte sich Antonelli in Runde elf. In der legendären Hochgeschwindigkeitskurve Copse ließ er Hamilton hinter sich und nahm die Verfolgung auf Leclerc auf. Der Monegasse, der tags zuvor die Pole nur um 0,175 Sekunden verpasst hatte, baute seinen Vorsprung auf zwischenzeitlich vier Sekunden aus.
Verstappen ging in die Offensive. Er ließ sich schon in der 18. von 52 Umläufen harte Reifen aufziehen. An die Spitze brachte ihn das Manöver aber nicht. Hamilton kam in der 24. Runde an die Box und saß gleich seine Zeitstrafe ab. Einen Umlauf später bekam auch Leclercs Ferrari die harten Mischungen verpasst.
Antonelli blieb weiter draußen - ein Balance-Akt. Erst in Runde 36 zogen die Mechaniker harte Reifen am Mercedes des WM-Führenden auf. Aus 13 Sekunden Vorsprung auf Leclerc wurden sieben Sekunden Rückstand. Würde die Zeit für eine Aufholjagd mit frischen Gummis reichen?
Dann erlebten die 175.000 Zuschauer einen völlig wilden Schlussakt. Zunächst klagte Antonelli über Probleme an seinem Auto und verhandelte rundenlang mit seiner Box, ob er vorzeitig aufgeben sollte. Der Jungstar setzte sich durch und fuhr bis zum Schluss, kassierte aber noch eine Zeitstrafe wegen mehrfach unerlaubten Überfahrens des Streckenrands.
Dann erwischte es auch Verstappen, der im Kiesbett strandete. Das Safety-Car kam auf die Strecke und bremste das Feld bis zur letzten Runde ein. Hamilton probierte einen Boxenstopp, um noch einmal Platz eins anzugreifen. Doch er kam hinter Russell als Dritter zurück auf die Piste - das dürften die Strategen so nicht gewollt haben.

Charles Leclerc (l) setzt sich früh an die Spitze vor Lewis Hamilton. Foto: Jacob King/PA Wire/dpa

Christian Horner ist zurück im Fahrerlager. Foto: Matthew Vincent/PA Wire/dpa