„Mittagsstunde“-Regisseur Lars Jessen über seine Liebe zum Dorfkrug
Regisseur Lars Jessen ist etwas fassungslos über den Erfolg seines Filmes „Mittagsstunde“. Foto: Heike Blenk
Der aktuelle Kino-Erfolg lässt Lars Jessen keinesfalls ruhen. Wenn er über den Roman „Mittagsstunde“ und die Zusammenarbeit mit der Autorin Dörte Hansen spricht, funkeln seine Augen.
Von Manfred Ertel
TAGEBLATT: Muss man eigentlich typisch norddeutsch sein, um einen Film wie „Mittagsstunde“ so erfolgreich in Szene setzen zu können?
Lars Jessen: Dazu müsste man eigentlich erst mal klären, was typisch norddeutsch ist, wahrscheinlich mehr als man landläufig so denkt. Aber ich glaube schon, dass man sich dafür hier gut auskennen musste. Ich habe schon vor vielen Jahren gesagt, dass ich lieber die Filme mache, die vor der Haustür liegen, weil ich mich nie so wahnsinnig als urbaner Mensch empfunden habe. Deshalb bin ich davon überzeugt, dass das Regionale die Stärke hat, überregional zu wirken, wenn man sich im Kleinen gut auskennt.
Wann war Ihnen klar, dass Sie Dörte Hansens Romanerfolg unbedingt zu Ihrem Film machen mussten?
Auf Seite 20 des Buches. Das stimmt wirklich, ich habe noch mal nachgeguckt. Mich faszinierte vor allem dieses Pendeln zwischen den Welten, wenn man von A nach B fährt. Das nennen wir in Dithmarschen „zwischenfahr’n“, weil es ein bisschen was anderes und mehr ist als nur „pendeln“. Ich kenne das sehr gut, in zwei Welten zu Hause zu sein. Ich bin von Kiel nach Dithmarschen gezogen, ähnlich wie die Film-Hauptfigur Ingwer aus dem nordfriesischen Brinkebüll nach Kiel in einen akademischen Beruf kommt. Ich war genauso wie er im historischen Seminar. Wir sind in eine Hippie-Wohngemeinschaft gezogen wie es sie auch im Buch gibt. Und dann gab es noch die Landgastronomie als Kern der Geschichte. Da blitzte für mich sofort überall auf: Oh Gott, das bin ich, das bin ich.
In Ihrer Kindheit fühlten Sie sich durch das Dorf gerettet, weil Sie aus der Aussteiger-WG in den Dorfkrug fliehen konnten. Wollen Sie jetzt ein bisschen das Image des Dorfes retten?
Ich würde dem Dorf gerne was zurückgeben. Wenn das ein Teil der Wirkung des Films ist, wäre ich darüber sehr glücklich. Er ist für mich wie ein Debattenbeitrag zur Frage „Wie wollen wir leben?“ Mit großer Dankbarkeit, Wohlwollen und Liebe zu dem, was ich als junger Mensch im Dorf erfahren habe.
Hatten Sie nie Zweifel daran, einen epischen Heimatroman auf gut 90 Filmminuten schrumpfen zu müssen?
Ich hatte großen Respekt, vor allem weil ich den Roman nur einmal gelesen hatte. Wenn man sich danach die ganze Zeit mit dem Drehbuch beschäftigt, ist es halt nur das Drehbuch. Als ich mir dann zum Ende hin auf dem Weg zum Dreh in Flensburg noch einmal den Roman als Hörbuch angehört habe, wurde mir doch übel. 20 Stunden Hannelore Hoger auf dem Ohr, sehr toll vorgelesen, und ein Universum nach dem anderen öffnet sich, und du denkst immer nur: Oh Gott, das hab ich nicht drin und das auch nicht. Da hatte ich Angst vor der eigenen Courage.
Was ist das Rezept, dass so ein Film auch in Landstrichen ankommt, wo niemand die Bedeutung der typisch norddeutschen „Mittagsstunde“ noch kennt?
Ich denke, die Themen, die angesprochen werden, berühren alle. Es geht um Verlust. Wir merken in unserer Gegenwart, was wir alles verloren haben. Die Pandemie hat dazu noch mal einen ganz großen Beitrag geleistet. Wo leben wir, in welchen Zeiten, was brauchen wir wirklich, was ist uns wichtig? Das sind ja Fragen, die uns alle beschäftigen, die viele Menschen vielleicht ein bisschen neu sensibilisiert haben. Dazu gehört auch dieses Ritual der Mittagsstunde, dieses Innehalten, sich ein Stündchen hinzulegen, „op de Rück“, wie man bei uns sagte. Diese Zeiten waren so herrlich, wo man sich sammeln und ausruhen konnte. Das fehlt mir in meinem Leben persönlich sehr.
Sie haben den Film auch auf Plattdeutsch gedreht. Warum?
Weil das quasi die werktreue Fassung ist. Ursprünglich war der Plan und Anspruch, aus finanziellen Gründen ein großes Publikum erreichen zu müssen, natürlich auf Hochdeutsch. Dann bekam ich ein schlechtes Gewissen dem Buch gegenüber. Ich fand das nicht aufrichtig gegenüber den Dialogen, die Dörte Hansen so einfühlsam aufgeschrieben hat. Bei mir ging innerlich eine Tür auf und ich habe entschieden, wir drehen doppelt, jede Einstellung. Natürlich wollten Dörte Hansen und ich beide richtig nordfriesisches Platt und kein Missingsch. Es sollte nicht so ein humoristischer Halbkram sein. So haben wir die Harakiri-Nummer gemacht, zwei Filme zu drehen.
Gibt es für Sie emotional denn jetzt eine 1a- und eine 1b-Fassung?
Ich vergleich’ die Situation ganz gern mit Bier. Ich trinke jetzt grad ein alkoholfreies Bier, und danach könnte ich noch eins mit Alkohol trinken. Die hochdeutsche Fassung ist auch gut, so wie mir das alkoholfreie auch wunderbar schmeckt. Aber 1a ist natürlich hundertprozentig das Echte, und das ist die plattdeutsche Fassung.
Gibt es für Filme auf Platt eine Perspektive?
Ich glaube schon, genauso wie es für den Heimatfilm eine Perspektive gibt, wenn er sich nicht rückwärtsgewandt präsentiert. Wenn man von Menschen erzählt, die tatsächlich Plattdeutsch sprechen, gibt es sicher ein großes Potenzial. Aber der Stoff muss es auch hergeben und erfordern.
Film und Roman stünden wie Geschwister nebeneinander, haben Sie gesagt. Was heißt das?
Dass Dörte Hansen und ich es tatsächlich geschafft haben, den Roman und das, was er ausdrücken will, in eine andere Sprache zu übersetzen, die Filmsprache. Dadurch hat sich die Geschichte verändert, es gibt Szenen, die es im Buch nicht gibt, und Personen haben sich auf eine spezifische Art auch ein bisschen verändert. Aber es bleibt die Verwandtschaft, der Gen-Pool ist derselbe. Und das Bild der Geschwister fühlt sich für mich richtig an, weil ich das Dörte Hansen gegenüber auch ein bisschen so empfinde.
Sind Sie eigentlich auf Filmstoffe aus der norddeutschen Tiefebene abonniert?
Ja, und ich nehme das Abo gerne an. Ich kenne mich damit aus. Ich fühle mich da wunderbar zu Hause und immer wieder neu gefordert.
Wie kommt man als Student der Geschichte, Politik und Philosophie mit Master frisch in der Tasche eigentlich sofort auf die Idee, was ganz anderes machen zu wollen, und zwar Filme?
Ehrlich gesagt habe ich das Studium nur gemacht, weil ich mir nicht zutraute, Regisseur zu werden. Im Alter von 18 Jahren in Meldorf an der Schule waren Film und Regie fast so weit weg wie zum Mond fliegen. Deshalb habe ich mir gesagt, erst mal was studieren, womit man auch was anfangen kann, vielleicht als Journalist. Als eine Art Wartehalle, bis jemand reinkommt und mich fragt. Oder ich selbst die richtige Tür gefunden habe.
Trotzdem sind Sie stolz auf Ihre Wurzeln am Meldorfer Gymnasium. Warum?
Weil ich da ganz tolle Lehrer hatte, die damals strafversetzt aus Süddeutschland dahin kamen und uns von dem alten Nazi-Kollegium und dem ganzen Mief befreit haben. Die haben praktisch die Türen aufgerissen bei uns in der Schule, zum Beispiel auch für einen anderen Deutsch-Unterricht. Das war eine schöne und wichtige Erfahrung. Und ein für mich ganz besonderer Lehrer hat dann mit uns in seiner Freizeit eine Video-AG gegründet, uns die soziale Kunstform Film näher gebracht. Im 13. Schuljahr haben wir einen 90-minütigen Spielfilm zusammen gemacht. Mit der Kamera aus der Biologiesammlung und auf VHS, keine gute Idee und viel zu lang. Aber ich sehe gern Sachen positiv, und ohne diesen einen Lehrer hätte ich niemals die Idee zur Regie gehabt.
Ist Ihre stille Sehnsucht nach dem Landleben mit dem gemütlichen Dorfkrug nicht arg verklärt?
Natürlich. Das Leben auf dem Land und im Landgasthof bedeutete ja jeden Abend Arbeit, auch am Wochenende, nebenbei oft noch die Landwirtschaft. Aber sie öffnet gleichzeitig vielleicht ein bisschen den Blick für die Frage, was uns heutzutage eigentlich fehlt: Orte der Gemeinschaft und Enthemmung zum Beispiel, wo Menschen zusammenkommen, die sich normalerweise nicht treffen würden. Wo man nicht nur Zeit in seiner eigenen Bubble verbringt. Das verbinde ich mit dem Landgasthof. Aber natürlich ist das auch verklärt…
Zumal Sie in Hamburg leben und sich da wohlfühlen.
Klar, aber ich wohne auch mitten in Schleswig-Holstein und habe einen Zweitwohnsitz in der Nähe von Nortorf. Ich bin da alle zwei Wochen im Landgasthof und esse da, ich bin Abonnent der Zeitschrift „Mohltied“ und sehr viel auf dem Land unterwegs, weil ich das sehr wertschätze.
Nach dem Film ist vor dem Film. Wie motivieren Sie sich jedes Mal wieder neu?
Ehrlich gesagt ist „Mittagsstunde“ für mich schon ein Einschnitt. Ich habe jetzt das Gefühl, wirklich fast alles mal gemacht zu haben und bin oft etwas fassungslos über den Erfolg. Ich bin aber überzeugt, dass Geschichten die Welt verändern und helfen können, als Menschheit aus dieser Misere herauszukommen, in die wir sie selbst hineingebracht haben. Da würde ich mit meiner Arbeit gerne einen Beitrag leisten. Ich komme grad aus dem Schneideraum für eine Fiction-Serie über den Gründungsmythos des Wacken-Festivals. Da treffen sich jedes Jahr auf sehr friedliche Weise Menschen aus der ganzen Welt, die sich sonst nie treffen würden. Ich war noch nie an einem friedlicheren Ort als auf dem „Wacken Open Air“. Auch so eine Geschichte.
Bitte ergänzen Sie...
Vom früheren Landleben vermisse ich in Hamburg... meine Freunde.
Fehlen auf dem Land würde mir aus Hamburg... mein Kino.
Dithmarscher Küche ist für mich... manchmal auch eine Herausforderung.
Wenn ich meinen Söhnen vom Land erzähle... sind sie meistens neugieriger als ich denke.
Mein Lieblingsplatz in Hamburg ist... echt schwierig zu sagen, weil es so viele gibt: zum Beispiel das Café „Unter den Linden“ im Schanzenviertel.
Und an der Westküste... ist manches ja auch mit Hassliebe verbunden, aber wohl der Speicherkoog in der Meldorfer Bucht.
Zur Person
Die Verfilmung von Dörte Hansens Bestseller „Mittagsstunde“, der aktuell in den Kinos läuft, ist wohl sein größter Erfolg. Und wieder steht im Mittelpunkt das platte Land an der Küste, wo er herkommt. Der Filmemacher ist 1969 in
Kiel geboren und in Dithmarschen aufgewachsen. Wenn ihm das Leben mit seiner Mutter in einer abgefahrenen Wohngemeinschaft in der Nähe von Brokdorf zu viel wurde, flüchtete er sich in den Dorfkrug. Später verarbeitete er die Zeit in seinem ersten Kinofilm. Nach dem Abitur an der Meldorfer Gelehrtenschule studierte er in Kiel Geschichte, Politik und Philosophie. Um nach seinem Magister gleich weiter an die Kölner Kunsthochschule für Medien zum Filmstudium zu wechseln.
Als Regisseur und teilweise auch Drehbuchautor setzte Jessen seitdem zahlreiche Folgen für TV-Serien in Szene, zum Beispiel für „Großstadtrevier“ und „Mord mit Aussicht“. Er drehte Krimis für „Tatort“ und „Polizeiruf 110“, führte Regie in etlichen Fernsehfilmen. Immer wieder erzählte er außerdem in erfolgreichen Kino-Produktionen wie „Dorfpunks“, „Fraktus“ oder „Die Schimmelreiter“ Geschichten aus der niederdeutschen Heimat, von Dorfmilieus und menschlichen Abgründen zwischen Marsch und Geest. Zurzeit arbeitet Lars Jessen an einer Serie über den Mythos des Heavy-Metal-Festivals Wacken, die im Sommer auf RTL+ ausgestrahlt werden soll.