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Literatur

Nikita Miller: Wo Lebensgeschichte zur Comedy wird

Nikita Miller. Foto: Dammer

Nikita Miller. Foto: Dammer

Das Leben schreibt die skurrilsten Geschichten. Und Nikita Miller ist einer, der sie erzählen kann – zum Brüllen komisch, mit einer großen Portion Selbstironie und durchaus bittersüßer Tiefe. Mit seinem Soloprogramm „Freizeitgangster gibt es nicht“ begeisterte er das Buxtehuder Publikum.

Von Silvia Dammer Sonntag, 11.12.2022, 15:09 Uhr

Nikita Miller, frisch gekürter Gewinner des Deutschen Kleinkunstpreises 2023, sorgte am vergangenen Samstag auch in Buxtehude für Begeisterungsstürme bei den 130 Fans. Eingeladen hatte der Buxtehuder Kleinkunstigel und damit den richtigen Riecher bewiesen.

Er hat Gras verkauft und Schmuck aus dem Kofferraum. Er hat Tote beklaut, Kaninchenställe in Europas größtem Kaninchenzuchtverein geschrubbt, als Türsteher in verschiedenen Clubs und sogar in einem Bordell Autorität verkörpert. Er hat Informatik, Philosophie und Rhetorik studiert. Der Deutschrusse Nikita Miller hatte in seinem Leben mehr Jobs als Charles Bukowski. Wie dieser schöpft er für seine Kunst des komödiantischen Geschichtenerzählens aus seinem Tausendsassa-Leben und trifft damit nicht nur den Nerv von jugendlichem Publikum mit und ohne russischem Hintergrund.

Nikita Miller ist ein virtuoser Erzähler

Wenn er mit halb russischem Zungenschlag, halb schwäbischer Behäbigkeit die Geschichten um seine Kindheit und Jugend erzählt, sorgt er auch bei den Besuchern der Generation seiner Eltern für ausgelassenes Lachen. Insbesondere die absurd-komischen Weisheiten seines Vaters (Du bist Komiker, Junge? Was ist daran schon Besonderes! Hätte ich deinen Humor, wäre ich auch Komiker geworden) und die überspitzten Erinnerungen an seine russisch-schwäbische Clique um Oleg, Viktor und Vadim zeigen, dass Miller das große Talent besitzt, witzige Storys zu erzählen und durch seine Art des Erzählens selbst witzig zu sein.

Doch Miller sorgt ganz sicher auch für betretenes Schlucken. Denn viele seiner Geschichten sind nur retrospektiv betrachtet komisch. Sei es die latente Gewalttätigkeit des Vaters (Du bist zwar größer als ich, aber ich habe zwei Fäuste und du nur ein Gesicht.), gebrochene Nasen, Schlägerbanden und Verfolgungsjagden aus Millers Türsteherzeit. Oder die Erklärung, worum es sich bei einer Juni-Wohnung handelt. Sie wollen es wissen? Alleinstehende, einsame alte Menschen sterben oft unbemerkt in der Zeit der Winterdepression. Spätestens die Junihitze sorgt dafür, dass man das dann auch im Treppenhaus riecht. Miller hat es gerochen als Mitarbeiter der Entrümplungsfirma seiner Freunde, die immer mal wieder eine solche Wohnung räumen mussten.

In Millers Programm geht es nicht um den Ukraine-Krieg

Um Politik geht es in seinem Soloprogramm nicht, obgleich Miller weiß, dass er sich gerade jetzt den aktuellen Ereignissen um den Ukrainekrieg nicht entziehen kann. Nikita Miller wurde 1987 in der Kasachischen Sozialistischen Sowjetrepublik als Sohn russlanddeutscher Eltern geboren, lebte vier Jahre in der Ukraine in Sumy, ging dort in den Kindergarten und flüchtete 1991 mit den Eltern vor der zusammenbrechenden Sowjetunion nach Deutschland.

In einem Gespräch mit dem Stader Tageblatt beschreibt der Kleinkunstpreisträger: „Am Anfang hat mich der Krieg extrem mitgenommen. Ich hatte Freunde und Familie in der Ukraine. Jetzt, wo ich weiß, dass sie das Land verlassen haben, schaue ich nicht mehr jeden Tag auf die Kriegsberichterstattung, nur noch jeden dritten.“ Er sei nie ein Freund der russischen Regierung gewesen, seine Familie habe nicht umsonst das Land verlassen. Es sei froh, dass so ein kleines Land wie die Ukraine dem russischen Aggressor die Grenzen zeige in dem Sinne „Ihr könnt nicht einfach machen, was ihr wollt.“ Trotz seiner klaren Position deutet Miller das Thema in seinem Programm allenfalls an: „Die Besucher kommen nicht deswegen. Ich sage nur ein, zwei launige Sätze dazu, um den Elefanten im Raum zu entschärfen.“

Miller ist durchaus politisch interessiert. Er liest viel russische Literatur, beschäftigt sich mit der Geschichte des Landes, auch aus unterschiedlichem Blickwinkel. Und er beweist in seinem Podcast „Russenhocke“, dass er nicht nur launig überspitzt, sondern durchaus rational auf die Welt blicken und mit klugen philosophischen Gesprächen Vorurteile ausräumen kann.

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