Ohne Berlin: Wo Olympia-Favorit München Schwächen hat
Wer übernimmt bei Olympia? Wüst (2. v. l.) und Söder (3. v. l.) sind in Position. (Archivbild) Foto: Michael Kappeler/dpa
1972, das Oktoberfest und nun auch noch Platz eins beim Abschlussbericht der Kommission: München geht als Favorit in den deutschen Olympia-Entscheid. Ein Rivale gibt vorzeitig auf.
Baden-Baden. Die Hauptstadt steigt aus, der Wettstreit zwischen München und Köln-Rhein-Ruhr wird zu einem Duell um den deutschen Olympia-Gastgeber. Unmittelbar vor der Entscheidung an diesem Samstag (ab 13.45 Uhr/ARD und ARD-Livestream) will Berlin nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur angesichts von immer mehr Rückschlägen seine Bewerbung für die Spiele 2036, 2040 und 2044 zurückziehen. Zunächst hatte der rbb darüber berichtet.
Nach der Wahl am Sonntag, bei der die Linke als klarer Olympia-Gegner stärkste Kraft wurde, und dem Abschlussbericht der Evaluierungskommission des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) wurden der Hauptstadt nur noch Minimalchancen auf den Zuschlag zugerechnet.
Die Kommission sah München (87 von 100 Punkten) knapp vor Köln-Rhein-Ruhr (85) und klar vor Berlin (74,6). In Baden-Baden fällt bei einer außerordentlichen Mitgliederversammlung die Entscheidung, die Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und DOSB-Chef Thomas Weikert live verkünden sollen.
Was ist mit Berlin?
Der Senat bezog offiziell zunächst keine Stellung, lud zu einer Pressekonferenz am Donnerstag (10.00 Uhr) ein. Vorausgegangen war eine Sitzung mit dem Regierenden Bürgermeister Kai Wegner (CDU), Sportsenatorin Iris Spranger (SPD) und Berlins Olympia-Beauftragtem Kaweh Niroomand.
Die Hauptstadt galt schon länger als Außenseiter und wirkte nach den Ereignissen der vergangenen Tage quasi chancenlos. Niroomand kritisierte nach dem Bericht der Kommission nicht das Ergebnis des Gremiums, sondern Linken-Spitzenkandidatin Elif Eralp, die am Sonntag mit ihrer Partei bei der Wahl zum Abgeordnetenhaus in Berlin stärkste Kraft wurde, mit deutlichen Worten.

Berlin will seine Olympia-Bewerbung zurückziehen. (Archivbild) Foto: Jens Kalaene/dpa
„Das viel Tragischere ist, dass Frau Eralp innerhalb von 45 Sekunden die ganze Bewerbung vom Tisch gewischt hat, dadurch eine enorme Verunsicherung unter die Verbände gebracht hat, damit auch absolut unsere Chancen richtig verringert hat“, sagte der 73-Jährige der Deutschen Presse-Agentur.
Während München und Köln-Rhein-Ruhr erfolgreiche Bürgerentscheide hatten, stimmte in Berlin nur das Abgeordnetenhaus mehrheitlich für eine Bewerbung - allerdings noch unter der schwarz-roten Koalition, die am Sonntag abgewählt wurde.
Wo liegt München vor Köln-Rhein-Ruhr?
Das ganz große Plus von München sind die kurzen Wege. Wie bei den Spielen 1972 plant die bayerische Landeshauptstadt ihre Wettbewerbe zentral. Die Reisezeiten wurden vom DOSB anhand der Fahrtzeit um 3.00 Uhr nachts vom Olympischen und Paralympischen Dorf berechnet.
München lag hier sowohl bei der Bewertung des DOSB als auch bei der Bewertung der Verbände klar an der Spitze. Auch Berlin landete in diesen beiden Kategorien vor Köln-Rhein-Ruhr. Insgesamt wurde Münchens Bewertung im Oberpunkt „sportfachliche und operative Eignung“ als stärkstes der drei Konzepte eingeschätzt.
Zudem fällt auf, dass München gleich in mehreren Kategorien bei den olympischen Verbänden besser abschneidet als beim DOSB. Möglicherweise ein Hinweis, dass der Gastgeber von 1972 auch am Samstag gute Chancen hat. Denn dann stimmen 42 olympische Verbände mit jeweils drei Stimmen ab. Wer die Mehrheit dieser Verbände auf seine Seite zieht, hat exzellente Chancen auf den nationalen Zuschlag.

München gilt nach der Evaluierung als Favorit. (Archivbild) Foto: Sven Hoppe/dpa
Wo liegt Köln-Rhein-Ruhr vor München?
Die Trumpfkarte von Köln-Rhein-Ruhr ist die Anzahl von 17,6 Millionen Tickets, mit der die Bewerbung deutlich vor den beiden anderen Teilnehmern liegt. Sowohl die Ticketpotenziale als auch die möglichen Tageszuschauer bewertete der DOSB mit der Höchstpunktzahl von 100 - vor allem beim zweiten Aspekt fielen die beiden Widersacher gegen den Ballungsraum Nordrhein-Westfalen deutlich zurück.
Auch bei der Kategorie „Internationale Strahlkraft Sport“ liegt Köln-Rhein-Ruhr nach DOSB-Angaben mit 100 Punkten an der Spitze und hängt Berlin (82) und München (74,5) klar ab. Die Verbände, die die sportartspezifischen Orte bewerten, sehen München vor Berlin und Köln-Rhein-Ruhr. Was die internationale Strahlkraft abseits des Sports angeht, lag Berlin deutlich vorn - doch dieser Bonus ist nun offensichtlich hinfällig.
Wo liegen die Rivalen (quasi) gleichauf?
Beim Faktor Stabilität. München erhielt hier den Höchstwert von 100 Punkten, der Rivale aus Nordrhein-Westfalen kam auf knapp 99 Punkte. Herangezogen wurde in diesem Fall das Ergebnis der Bürgerentscheide, das in München (66,42 Prozent) etwas besser ausfiel als bei Köln-Rhein-Ruhr (65,87 Prozent). Dass in der „Leading City“ Köln prozentual weniger Menschen zustimmten als in vielen Außenorten, spielte keine Rolle. Es wurde nur das Gesamtergebnis berechnet.

Die Region Rhein-Ruhr mit Köln als Kernstadt ist einer der drei Kandidaten in Deutschland. (Archivbild) Foto: Rolf Vennenbernd/dpa
Was sagen die Beteiligten?
Sowohl München als auch Nordrhein-Westfalen werten das Votum der Kommission um DOSB-Chef Weikert als Erfolg. „Münchens Olympia-Traum rückt näher! Das Ergebnis der Evaluierungskommission zeigt, dass unser Konzept auch die Fachleute von DOSB und Bundesregierung überzeugt hat“, sagte Münchens Oberbürgermeister Dominik Krause.
Der Grünen-Politiker, der in diesem Jahr Dieter Reiter (SPD) als Oberhaupt der Metropole ablöste, fügte an: „Wir sind überzeugt: Mit München und Bayern kann Deutschland ein Angebot machen, das auf der Weltbühne die besten Chancen hat.“ Doch auch Köln-Rhein-Ruhr sieht sich angesichts des geringen Abstands weiter bestens im Rennen.
„Unsere Bewerbung hat die Note sehr gut erhalten, gemeinsam mit der bayerischen Bewerbung sind wir in der bestmöglichen Kategorie Kopf an Kopf. Das zeigt, dass die Entscheidung am Samstag sicher ein ganz enges Rennen wird“, sagte Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU). Aus Berlin war schon am Abend des Abschlussberichts keine große Zuversicht mehr zu vernehmen.

Ministerpräsident Wüst hofft auf den Zuschlag für Köln-Rhein-Ruhr. (Archivbild) Foto: Christoph Reichwein/dpa