Interview

Die Musikerin Stefanie Hempel feiert Paul McCartneys 80. Geburtstag am Sonntag, 19. Juni, mit einem Konzert in der Hamburger Fabrik. Foto: Anne de Wolff

Die Musikerin Stefanie Hempel feiert Paul McCartneys 80. Geburtstag am Sonntag, 19. Juni, mit einem Konzert in der Hamburger Fabrik. Foto: Anne de Wolff

Musikerin und Beatles-Fan Stefanie Hempel wandelt bei ihren Führungen auf den Spuren der Rocklegenden aus Liverpool. Im Interview erzählt die 45-Jährige, wie „A Day in a Life“ sie beim ersten Hören überwältigte und wie sich einmal Bob Dylan in eine ihrer Führungen schmuggelte.

11.06.2022, 12:00 Uhr

Warum haben Sie beschlossen, Paul McCartneys 80. Geburtstag mit einem Konzert zu feiern?

Ich mache seit vielen Jahren meine Beatles-Touren auf St. Pauli, um das musikalische Erbe dieser Band zu bewahren. Dazu kommen andere Projekte. Wir haben zum Beispiel das „White Album“ oder „Abbey Road“ komplett aufgeführt. Zu Paul McCartneys 80. Geburtstag ist es mir einfach wichtig zu zeigen, was für einen wesentlichen Anteil Hamburg an der Geschichte des wahrscheinlich größten Songschreibers aller Zeit hat.

Was erwartet das Publikum bei Ihrem „Celebrating Paul“-Abend?

Über 30 Songs. Wir gehen durch die Beatles-Geschichte, aber nicht unbedingt chronologisch. Natürlich spielen wir Klassiker wie „Eleanor Rigby“ oder „Yesterday“, bei denen Paul McCartney der Hauptsongschreiber und Sänger war. Genauso stehen aber Stücke aus seiner Solokarriere oder von seiner Band Wings auf dem Programm. Wir wollen alle Farben zeigen, die dieser Musiker zu bieten hat.

Was bewundern Sie an Paul McCartney am meisten?

Als Songschreiber hat er wirklich alle Genres bedient. Egal, ob er komponiert, singt, Bass, Gitarre oder Schlagzeug spielt: Paul McCartney hat einfach ein unglaubliches Gespür für Melodien. Einerseits kann er die schönsten Balladen mit Klarheit und Eleganz singen, andererseits schreit er eine Rock’n’Roll-Nummer wie „Helter Skelter“ unfassbar gut hinaus.

Haben Sie Ihr Idol jemals getroffen?

Nein. Davon träume ich aber seit meiner Kindheit. Wenn ich Paul McCartney eines Tages begegnen würde, wäre das schon toll. Ansonsten fühle ich mich ihm halt weiterhin durch die Musik verbunden.

Wie haben Sie die Beatles-Songs eigentlich für sich entdeckt?

Da gab es einen Schlüsselmoment. Als ich neun war, schenkte mir mein Vater die Kassette „A Collection of Beatles Oldies“. Sie startete mit „She loves you“. Bei diesem Lied schien die Zeit für einen kurzen Moment stillzustehen. Auf jeden Fall war ich irgendwie ein anderer Mensch, nachdem ich die gesamte Kassette gehört hatte. Ich wusste plötzlich: Musik sollte mein Leben werden.

Hatten Sie vorher überhaupt keinen Bezug zur Musik?

Ich bekam klassischen Klavierunterricht. Obwohl ich ziemlich gut war, hatte ich nie so richtig Lust zu spielen. Erst mit den Beatles erwachte meine echte Leidenschaft für die Musik. Fortan widmete ich mich ihren Songs. Als Zehnjährige trat ich mit einigen Klassenkameradinnen als Band beim Fest der jungen Talente im Kulturhaus in meinem Heimatort Grabow auf. Normalerweise wurden dort nur sozialistische Pionierlieder wie „Der kleine Trompeter“ gesungen, wir interpretierten jedoch „Let it be“ und „Hey Jude“.

Wie schwierig war es für Sie, damals in der DDR an Beatles-Platten zu kommen?

Die regulären Platten bekamen wir nicht. Für Unterhaltungsmusik gab es bloß das Label Amiga. Tollerweise brachte es ein paar Beatles-Compilations heraus, darunter das „Blaue Album“ in einer abgespeckten Version. Stücke wie „Revolution“ wurden selbstverständlich rausgenommen. Außerdem veröffentlichte Amiga einen Greatest-Hits-Langspieler der Wings nebst zwei John-Lennon-Platten. Mein Vater besaß all diese Schätze. Er war der Zahnarzt der Puhdys und auch ein Freund der Band. Irgendwann brachten ihm die Musiker einen Kassettenrekorder mit Doppelkassettendeck und Radio mit. Das war für mich ein Glücksfall. Weil wir relativ nah an der Grenze wohnten, konnte ich jeden Sonntag die Oldie-Sendung von Radio FFN mitschneiden. So kam ich immer wieder an einzelne Beatles-Songs.

Hat Sie ein Lied besonders beeindruckt?

Bei „A Day in the Life“ fiel ich in eine regelrechte Schockstarre. Das Gitarren-Intro und John Lennons Stimme haben für mich bis heute eine unglaubliche Magie. John war übrigens meine erste große Liebe. Als ich begann, eigene Songs zu schreiben, widmete ich zunächst alle ihm.

Vermutlich konnten Sie Ihre John-Lennon- und Beatles-Sammlung aber erst nach dem Mauerfall vernünftig aufstocken, oder?

Das Verrückte ist: Wir sind zwei Tage vor dem Mauerfall, also am 7. November 1989, legal ausgereist. Danach wohnten wir in einem Dorf zwischen Bremerhaven und Cuxhaven. Als wir zum ersten Mal nach Bremerhaven fuhren, ging ich zu Karstadt in die Plattenabteilung. Ich stand völlig überwältigt und tränenüberströmt vor dem Regal mit sämtlichen Beatles-Platten und habe mir schließlich das „Blaue Album“ auf Kassette gekauft.

Ende der Neunzigerjahre zogen Sie dann zum Musikstudium nach Hamburg. Was brachte Sie dazu, Ihre Beatles-Tour aus der Taufe zu heben?

Als Fan wusste ich natürlich, wie wichtig Hamburg für die Beatles-Geschichte ist. Ich hatte erwartet, dass es in dieser Stadt genau wie in London oder Liverpool Beatles-Touren geben würde. Doch es gab keine einzige. Also machte ich 2004 meine erste Beatles-Tour. Anfangs war das eher eine lustige Idee. Denn ich träumte eigentlich davon, als Singer/Songwriterin mit meiner eigenen Musik bekannt zu werden. Doch dann merkte ich ziemlich schnell, dass ich mit meiner Beatles-Tour eine Lücke geschlossen hatte. Mittlerweile bin ich wohl die Beatles-Expertin Hamburgs.

Wie haben Sie sich auf Ihre Beatles-Tour vorbereitet?

Seit meiner Kindheit habe ich alles über diese Band gelesen, was ich in die Hände kriegen konnte. Das reichte allerdings nicht. Ich begab mich in Hamburg auf Spurensuche und habe mit Zeitzeugen wie der Fotografin Astrid Kirchherr oder dem früheren Star-Club-Geschäftsführer Horst Fascher gesprochen. Für die Recherche fuhr ich auch nach Liverpool, um mit den Brüdern von Pete Best, dem ersten Beatles-Schlagzeuger, zu reden. Außerdem organisierte ich mir in England Bücher.

Wer kommt nun zu Ihren Beatles-Touren?

Fans aus aller Welt. Es bringt mir total viel Spaß, mit ihnen meine Liebe zu den Beatles zu teilen. Auch John Lennons Schwester Julia oder die Beatles-Sekretärin Fredy Kelly waren schon bei meinen Touren dabei. Einmal hat sich sogar ein Nobelpreisträger eingeschlichen: Bob Dylan. Er hatte nicht regulär gebucht, sondern gesellte sich am Star-Club-Gedenkstein zu meiner Gruppe irischer Fans, als wir gerade „Twist and shout“ sangen. Ich hatte einen kurzen privaten Moment mit ihm, als ich ihm den Weg zum Kaiserkeller wies. Witzigerweise habe nur ich Dylan erkannt. Die anderen hielten diesen Typen mit Hoodie und Sonnenbrille für einen Penner, den ich auf elegante Weise aus der Gruppe hinauskomplimentiert hatte.

Abgesehen von solchen Erlebnissen: Kann man bei den Beatles jetzt noch etwas Neues entdecken?

Auf jeden Fall. Der amerikanische Rolling-Stone-Redakteur Rob Sheffield, der das Buch „Dreaming the Beatles“ veröffentlichte, sagte in einem Interview, er glaube, die besten Beatles-Bücher würden erst noch geschrieben werden. Für diese Theorie spricht, dass die interessantesten Mozart- und Shakespeare-Biografien heute erscheinen. Also mehrere Jahrhunderte nach ihrem Tod. Ich bin mir sicher: Auch die Beatles-Musik ist unsterblich.

Vor allem dank John Lennon?

Weil er den Märtyrertod gestorben ist, stand Paul McCartney immer ein bisschen in seinem Schatten – zu Unrecht! Lennon war eher chaotisch, er hatte wilde Ideen. Oft hat McCartney sie zu einem Popsong geformt. Er war der Mastermind der Beatles und hat sich wahnsinnig gut mit Lennon ergänzt. Paul war für die schönen Melodien zuständig, John für die Ecken und Kanten. Das zeigt sich zum Beispiel bei „Michelle“. In den Refrain wollte Lennon den Blues hineinbringen, ein bisschen Nina Simone. So kam die Zeile „I love you, I love you, I love you“ zustande.

„Celebrating Paul“ findet Sonntag, 19. Juni, 20 Uhr, in der Hamburger Fabrik statt und wird live vom NDR und von Hamburg.de gestreamt.

Bitte ergänzen Sie...

Beatles-Fans... sollten in Hamburg mit mir auf meine Beatles-Tour kommen.

Vor dem Indra... empfinde ich ganz tiefe Freude darüber, dass es diesen Club, in dem die Fab Four ihren allerersten Auftritt als The Beatles hatten, heute noch gibt.

Mit der Jägerpassage... in der Wohlwillstraße, wo John Lennon am Hauseingang für sein „Rock’n’Roll“-Albumcover posierte, verbinde ich meinen persönlichen Lieblingsort auf meiner Tour.

Den Musikladen Rotthoff... am Neuen Pferdemarkt mag ich, weil er seit Anfang der Sechzigerjahre ein Familienbetrieb ist. Außerdem erstand Paul McCartney dort einen Höfner-Bass für Linkshänder.

Ukulele... spiele ich bei meinen Führungen, weil sie das Lieblingsinstrument von George Harrison war und klein und handlich ist.

Mein liebstes Beatles-Buch... ist „Tune in“ von Mark Lewisohn. Der größte Beatles-Kenner der Welt erzählt die Geschichte der Fab Four mit einer Detailverliebtheit, die jeden Fan glücklich macht.

Zur Person

Stefanie Hempel wurde am 10. Februar 1977 in Parchim geboren und wuchs in Grabow (beides DDR) auf. 1989 kam sie zwei Tage vor der Grenzöffnung in den Westen. Hempel studierte an der Musikhochschule in Hamburg Klavier und belegte parallel einen Popkurs. Seit 2004 macht sie ihre Beatles-Touren auf dem Kiez. Mit der Band The Silver Spoons interpretiert die Musikerin Beatles-Songs. Mit „The Joni Project“ erschuf sie eine Hommage an Joni Mitchell. Stefanie Hempel wohnt mit ihrer Familie in Altona.

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