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Balje

Streitbar und kein Stück geduldig: Herrmann Bösch ausgezeichnet

Horst Wartner (rechts), Ehrenvorsitzender des Städte- und Gemeindebundes, überreichte vergangene Woche am Ende der Sitzung des Samtgemeinderates Hermann Bösch die Ehrenmedaille für 40 Jahre Ratszugehörigkeit in Samtgemeinde und Gemeinde. Fo

Horst Wartner (rechts), Ehrenvorsitzender des Städte- und Gemeindebundes, überreichte vergangene Woche am Ende der Sitzung des Samtgemeinderates Hermann Bösch die Ehrenmedaille für 40 Jahre Ratszugehörigkeit in Samtgemeinde und Gemeinde. Fo

Mit Mitte 20 war er mit Stader Kommunisten auf Bildungsreise in der DDR und hatte prompt darauf den Staatsschutz zu Besuch. Jetzt, mit 69, wurde Baljes Bürgermeister Hermann Bösch für 40 Jahre Ratsmitgliedschaft geehrt.

Von Susanne Helfferich Donnerstag, 11.11.2021, 14:00 Uhr

Die DKP hatte die Landjugend zu einer Reise in die DDR eingeladen. „Wir wollten die DDR sehen und die DKP hat uns die Tür geöffnet“, erzählt Bösch. Die Kommunisten aus Stade nahmen die Junglandwirte aus Kehdingen mit „und acht Tage später stand der Staatsschutz vor der Tür und hat mich mindestens eine halbe Stunde befragt“, erinnert sich Bösch.

Politik liegt ihm im Blut

Die Landjugend sei damals sehr politisch gewesen, habe Podiumsdiskussionen und Vorträge organisiert. So sei er in die Politik gekommen, erzählt Bösch. Wobei es wohl auch in der Familie liegt: der Vater saß im Rat, sein jüngerer Bruder Hans-Wilhelm Bösch war viele Jahre Bürgermeister von Drochtersen, sein Sohn Malte ist Ratsherr in Wischhafen.

Als Hermann Bösch vor 40 Jahren auf Anhieb in den Rat gewählt wurde, wurden gerade Schule und Dorfgemeinschaftshaus gebaut. Im Dorf gab es noch einen Friseur, eine Post, zwei Kaufmannsläden, mehrere Bäcker und einen Schlachter; ebenso in Hörne, der Ortsteil der Gemeinde, in dem Bösch lebt. Die Mehrheit im Rat hatte damals die SPD. Wilfried Ahlf war Bürgermeister. „Balje war lange Zeit eine SPD-Hochburg“, erzählt der 69-Jährige. Genährt von den vielen landwirtschaftlichen Mitarbeitern auf den großen Höfen. „Die sind nicht überall fair behandelt worden“, weiß Bösch. Und so wählten sie nicht die bauernfreundliche CDU, sondern die Arbeiterpartei SPD. Bis 2006, als Hermann Bösch zum Bürgermeister gewählt wurde.

Ein klein wenig Monarchie

Möglicherweise wurde Bösch damals Ratsvorsitzender, weil er zuvor als CDU-Fraktionsvorsitzender und stellvertretender Bürgermeister loyal zur SPD-Bürgermeisterin Anita Grell stand, die es in der eigenen Fraktion oft nicht leicht hatte. Sie legte 2004 ihr Amt nieder, worauf SPD-Ratsherr Gerhard von Ahn nachrückte. Zwei Jahre später gewann Bösch die Kommunalwahl und ist seither Bürgermeister. „Aber die Zusammenarbeit mit der SPD war danach schwierig“, sagt er und fügt hinzu: „Ich will mich nicht schuldlos sprechen.“

Hermann Bösch sieht sich als Bürgermeister aller Baljer. „Wenn einer ein Problem hat, wird das angegangen, egal wo er politisch steht“, sagt Bösch. Er habe das Gefühl, dass das die Baljer auch an ihm schätzen. Er kümmert sich – und zwar sofort. „Ich bin kein Stück geduldig“, sagt er. Und so fällt es ihm über die Jahre durchaus schwer, Dinge zu delegieren. Bevor er lange warten muss, macht er es lieber selbst. Das schlägt sich mitunter auch in seiner Wortwahl nieder, wenn er im Rat berichtet: Dann ist ziemlich oft das Personalpronomen „ich“ zu hören. Fast könnte der Beobachter den Eindruck gewinnen, in Balje herrsche ein klein wenig die Monarchie ...

Er überzeugt kämpferisch

Ohne Frage hat Hermann Bösch mit seiner streitbaren Art viel erreicht: So setzte er mit dem Förderverein des Baljer Leuchtturms beim Landkreis mit Beharrlichkeit Besuchszeiten im Naturschutzgebiet durch. Auch das Radfahren im Außendeich ist ihm zu verdanken. Immer wieder setzte er sich mit dem früheren obersten Naturschützer des Landkreises Uwe Seggermann auseinander. Dinge, die dieser zuvor strikt abgelehnt habe, wurden dann doch im Kleinen möglich, „aber man muss aufpassen“, sagt er, „wenn man das übertreibt, wird man irgendwann nicht mehr gehört“. Oft sei er polemisch gewesen, gesteht er ein, „das habe ich dann irgendwann abgestellt und bin zur Sachlichkeit zurückgekehrt.“ Und wenn er mal wieder übers Ziel hinausschießt, „dann ärgere ich mich hinterher am meisten“.

Die Auseinandersetzung mit dem Naturschutz hat er auch im Arbeitskreis der Landwirte mit ausgetragen, der mit dem Landkreis einen Vertrag über die Natura 2000-Gebiete verhandelt hatte. 20 Jahre war er dabei, schon bevor er Bürgermeister war. „Es war interessant zu erfahren, wie die Leute in der Landkreisverwaltung ticken“, sagt er.

Der Vertrag kam zustande, doch das Land erkannte ihn nicht an, da nicht alle Landwirte unterzeichnet hatten. Bösch lernte daraus: „Man muss sich kümmern, um Paroli bieten zu können.“ Manche Abende habe er damit verbracht, Gutachten und Stellungnahmen zu lesen, immer auf der Suche nach „Möglichkeiten, die Argumente der Gegenseite auszuhebeln“.

Seeadler verhindern Windpark

Nicht gelungen ist es ihm beim Windpark Hörne. Den hat der Landkreis im Entwurf des Regionalen Raumordnungsprogramms als Vorrangfläche für Windenergie gestrichen, weil die Seeadler regelmäßig aus dem Ostewatt am Windpark vorbei zu ihrem Schlafplatz bei Neuhaus fliegen. „Seit 22 Jahren stehen die Windräder und haben noch keinen Seeadler geschreddert“, sagt der Baljer. Bei seinen Recherchen stieß er auf Abschaltmöglichkeiten mit Kamera, die Seeadler und Milan erkennen können. Doch der Landkreis habe diese Variante als nicht tauglich abgeschmettert.

Obwohl der Bürgermeister, der auch Gemeindedirektor ist, ständig mit dem Landkreis zu tun hatte, habe er sich nie für den Kreistag aufstellen lassen. „Das wäre beruflich nicht drin gewesen“, meint der 69-Jährige, der auch heute noch im Schweinemastbetrieb seines Sohnes Sönke mitarbeitet.

Die letzte Wahlperiode im Baljer Gemeinderat war nicht einfach. Die SPD war im Aufwind, hatte 2016 vier von neun Ratssitzen geholt und kritisierte Hermann Böschs Führungsstil. SPD-Fraktionsvorsitzender Christian Otten (später Frischer Wind) wurde zum Gegenspieler Böschs. Und der ging nicht immer souverän damit um.

SPD-Kandidaten fehlen

Diese Auseinandersetzungen wird er im neuen Rat nicht führen müssen. Der Frische Wind ist aufgelöst, und die SPD fand nicht genügend Kandidaten. Nun ist sie im Baljer Rat nur mit Henning Ohlendorf vertreten. Nach Wählerstimmen wären es zwei weitere SPD-Ratssitze, die nun ganz wegfallen – und damit auch ein Stück Demokratie. „Mir wäre es lieber gewesen, alle Sitze wären besetzt“, so der wiedergewählte Bürgermeister.

Für ihn sei es nun die letzte Wahlperiode, sagt Bösch. Er wolle jetzt den Generationswechsel anschieben. Drei junge, engagierte Frauen sitzen nun in seiner Fraktion. „Ich werde nicht zu den Leuten gehören, die nicht loslassen können.“

Horst Wartner ehrt Hermann Bösch für 40 Jahre Ratszugehörigkeit.

Horst Wartner ehrt Hermann Bösch für 40 Jahre Ratszugehörigkeit.

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