Tim Haller: Zwischen Job und Leistungssport
Reich werden wenige Leistungssportler. Die meisten müssen einem Vollzeitjob nachgehen – wie der Parabadminton-Nationalspieler Tim Haller aus Buxtehude, der sich neben seinem Job den Traum von den Paralympischen Spielen 2020 in Tokio erfüllen will.
Das aber ist nur möglich, weil sein Arbeitgeber weiß, was es bedeutet, Leistungssportler zu sein.
Tim Haller setzt die Kirsche auf die Torte. Mit diesem Bild beschreibt einer seiner Vorgesetzten, womit Haller von morgens bis nachmittags beschäftigt ist. Nachdem seine Kollegen ein Fahrzeug repariert und lackiert haben, landet es bei Haller. Er reinigt und poliert das Fahrzeug, bringt es zum Glänzen, bevor es dem Kunden übergeben wird. Fahrzeugaufbereitung wird das genannt. „Das Auto muss am Ende schick aussehen“, sagt Haller. Er mag den Anblick eines frisch polierten Sportwagens, wenn sein Spiegelbild auf der Motorhaube klar zu erkennen ist. Dann sieht er das Ergebnis seiner Arbeit.
Haller, 23, trägt Arbeitshose und Pullover. Er ist Fahrzeugpfleger bei Pankel in Harsefeld, einem Lackier- und Karosseriefachbetrieb mit sechs Niederlassungen und 80 Mitarbeitern. Nach seiner Ausbildung hat Haller dort zunächst einen Praktikumsplatz gefunden, einige Monate später eine Festanstellung. Nun, an einem Donnerstagmittag im Mai, sitzt er an einem Tisch im Büro von Prokuristin Petra Pankel, daneben seine Mutter Rose-Mary Haller und ihr Lebensgefährte Mario Augustin, Lackierermeister und Betriebsleiter bei Pankel. Geschäftsführer Hans-Joachim Pankel steht lieber, verschwindet hin und wieder nebenan in seinem Büro. Eine vertraute Runde, in der gerne und viel gelacht wird.
{picture2s} Petra Pankel erinnert sich: „Wir hatten sofort einen Draht zu Tim“, und dieser Draht war der Sport. Sie und ihr Ehemann Hans-Joachim wissen aus eigener Erfahrung, wie schwierig es ist, Beruf und Leistungssport zu vereinbaren: Ihre Tochter tanzte bis vor Kurzem in der Bundesliga-Lateinformation in Buchholz. Und nun haben sie mit Tim Haller einen Angestellten, der als Parabadminton-Spieler weltweit bei Turnieren antritt, dafür schon mehr als 100 000 Kilometer zurückgelegt hat. „Ich habe viele Jahre gesehen, was einem das neben Ausbildung und Arbeit abverlangt“, sagt Petra Pankel.
Zuletzt spielte Haller in Uganda, der Türkei und Kanada um Weltranglistenpunkte für seinen großen Traum: die Paralympischen Spiele 2020 in Tokio. Dort gehört Parabadminton, die Badminton-Variante für Menschen mit Behinderungen, erstmals zum Sportprogramm. Und Haller, durch eine rechtsseitige Spastik in seiner Beweglichkeit eingeschränkt und nahezu taub, möchte dabei sein.
Um die Turniere, vor allem jene im Ausland, zu bestreiten, reicht Hallers regulärer Urlaub jedoch nicht aus. Daher gibt es lose Vereinbarungen: Wenn Wettkämpfe anstehen, bekommt Haller Urlaub, manchmal unbezahlt, manchmal sogar geschenkt; wenn er zum Training an den Olympiastützpunkt nach Hamburg muss, darf er früher Feierabend machen und dafür zum Beispiel sonnabends „nacharbeiten“. „Wir sind ein Familienbetrieb, da handhaben wir das lockerer“, erklärt Petra Pankel. Der Geschäftsführer sagt: „Wir richten uns nach Tim.“ Bloß: Wie kommt das bei den Kollegen an? Hallers Urlaub, sagen sie, werde auch immer mit den Mitarbeitern abgestimmt. Eine Liste mit den Turnieren liegt auf dem Schreibtisch der Chefs.
Tim Haller führt zu seinem Arbeitsplatz, vorbei am Empfangsbereich und einem in blaue Folie gehüllten Kleinbus, in eine lichtdurchflutete Halle. Neonröhren an der Decke, ein Gemisch aus Radio-Werbung und dem Zischen der Druckluft im Hintergrund. Haller beugt sich nun über die Motorhaube eines schwarzen BMW-Gran-Coupés – und sieht sein Spiegelbild: Es hat feine Kratzer. Haller quetscht einen Klecks Politur auf den Lack und lässt die Poliermaschine mit kreisenden Bewegungen über die Motorhaube gleiten. „Man muss ein gutes Auge haben“, sagt er.
Tim Haller hat seinen Hauptschulabschluss in Buxtehude gemacht, „auch wenn das letzte Schuljahr mit der Abschlussprüfung sehr hart war“, sagt er. Den Weg dahin beschreibt seine Mutter als steinig. Denn Haller konnte dem Unterricht durch seine Schwerhörigkeit nur schwer folgen, und durch die Spastik fiel ihm auch das Mitschreiben schwer. Ein Zivildienstleistender, der ihn im Schulalltag begleiten sollte, sei ihm jedoch nicht bewilligt worden, sagt Mutter Rose-Mary Haller. Das habe sich erst nach einem zweijährigen Rechtsstreit geändert.
Die Ausbildung zum Fahrzeugpfleger hat Haller am Berufsbildungswerk in Husum absolviert. Menschen mit Behinderungen können dort verschiedene Berufe erproben, bevor sie sich festlegen. Hallers Wunsch war zunächst ein Bürojob. Nach einem Jahr aber war klar, dass er sich zum Fahrzeugpfleger ausbilden lässt. Die theoretische Prüfung für diesen Beruf hat er bestanden.
Die Ausbilder am Berufsbildungswerk haben Tim Haller als freundlichen, hilfsbereiten, engagierten und zuverlässigen Menschen in Erinnerung – eine gute Eintrittskarte ins Berufsleben.
„Tim ist von seinem Naturell eine Ausnahmeerscheinung“, sagt Michael Schwarz, 51. Der Buchverleger hat Tim Haller in Husum kennengelernt, als dieser dort im Rahmen des betreuten Wohnens auf sich alleine gestellt war. Schwarz erzählt, dass der Sohn einer befreundeten Familie, der ebenfalls durch eine Spastik eingeschränkt ist, als Praktikant am Berufsbildungswerk erst am Rand stand, dann von Haller „an die Hand genommen“ und so in die Gruppe integriert wurde. Haller falle es leicht, auf andere Menschen zuzugehen.
{picture3s} Schwarz war es auch, der Haller beim Lernen für die Führerscheinprüfung unterstützte, der ihn nach seiner Ausbildung auf seiner Couch übernachten ließ, als er in Husum keine Bleibe hatte. Michael Schwarz lernte einen Menschen kennen, der selbstbewusst und freundlich auftritt, aber auch immer Zuspruch brauche, der es schaffe, seine Mitspieler bei Niederlagen durch eine Art Teambuilding aufzubauen. Und Schwarz steht auch heute mit Rat und Tat zur Seite: Er richtete die Unterstützerseite tim-fuer-tokio.de ein. Haller sagt, Schwarz sei ein Manager, ein Macher.
Tim Haller streift mit seiner rechten Hand den linken Ärmel nach oben. Mit einem Schwamm trägt er eine Flüssigkeit auf die polierte Motorhaube auf, sie soll den Lack versiegeln. „Das schützt zum Beispiel vor Steinschlägen“, sagt Haller, „es gibt weniger Kratzer.“ Anschließend lässt er Wasser auf die Motorhaube tropfen, der Abperltest. Wie bei einer Lotuspflanze perlt das Wasser in Tropfen von der Oberfläche ab, ohne Rückstände. Haller ist zufrieden. Test bestanden.
Geschäftsführer Hans-Joachim Pankel lobt Haller dafür, wie zielorientiert und gewissenhaft er seine Aufgaben erledigt. Im Zuge des Umbaus am Harsefelder Standort soll sein Arbeitsplatz mit einer Hebebühne und einem automatischen Hallentor ausgestattet werden. Die Pankels haben sich dabei vom Integrationsamt beraten lassen. „Wir unterstützen Menschen mit Handicap deshalb, weil jeder die gleiche Chance verdient hat, und es auch für die Mitarbeiter ein Zeichen ist, dass jeder dazugehört“, sagt Hans-Joachim Pankel.
In Deutschland sind Arbeitgeber mit mindestens 20 Arbeitsplätzen gesetzlich dazu verpflichtet, mindestens fünf Prozent der Arbeitsplätze mit schwerbehinderten Menschen zu besetzen. Gelingt das nicht, ist für jeden unbesetzten Arbeitsplatz eine sogenannte Ausgleichsabgabe fällig, das können einige Hundert Euro im Monat sein. „Dass wir auch diese Pflicht erfüllen, ist ein netter Nebeneffekt“, sagt Petra Pankel und betont, dass dies aber nicht der Hauptgrund für Hallers Beschäftigung gewesen sei. Laut der Bundesagentur für Arbeit ist er einer von mehr als 1200 Angestellten mit Schwerbehinderung im Landkreis Stade.
15 Uhr. Tim Haller macht Feierabend, früher als sonst. Er wird mit dem Auto nach Hause fahren, Pullover und Arbeitshose gegen den Trainingsanzug tauschen und in Buxtehude in die S-Bahn Richtung Hamburg steigen, um am Abend am Olympiastützpunkt zu trainieren. Morgen, um 7 Uhr, bringt Haller dann wieder Autos zum Glänzen – und setzt damit wieder die Kirsche auf die Torte.
{picture1s} Herr Mattern, was kommt auf ein Unternehmen zu, das einen Menschen mit Behinderung einstellen möchte?
Der Arbeitgeber muss diesen Menschen zunächst einfach nur einstellen, wie jeden anderen auch. Wichtig ist, dass der Arbeitsplatz leidensgerecht eingerichtet wird, dass es zum Beispiel Rampen für körperlich Behinderte, größere Monitore für Sehbehinderte oder Dolmetscher für Gehörlose gibt. Über das Integrationsamt oder die Bundesagentur für Arbeit kann der Arbeitgeber finanzielle Zuschüsse beantragen, um etwa den Lohn des schwerbehinderten Arbeitnehmers oder die technische Ausstattung des Arbeitsplatzes zu finanzieren.
Aus welchen Gründen landen Arbeitnehmer am häufigsten bei Ihnen?
Am meisten Kontakt haben wir mit Arbeitgebern. Da geht es zum Beispiel um den Kündigungsschutz, zusätzlichen Urlaub von Schwerbehinderten oder die Frage, wie der Arbeitsplatz ergonomisch eingerichtet werden kann. Arbeitnehmer kommen mit ganz gängigen Fragen zu uns: Wie kann ich meine Stunden reduzieren? Muss ich Schichtarbeit leisten? Es gibt aber auch Fälle, da hat der Arbeitnehmer das Gefühl, dass sein Arbeitsplatz gefährdet ist. Dann suchen wir das Gespräch mit dem Arbeitgeber.
Wie kann es gelingen, die Integration von schwerbehinderten Menschen auf dem Arbeitsmarkt voranzutreiben?
Erstens, Arbeitgeber überzeugen, Schwerbehinderte einzustellen, das gelingt meist über finanzielle Anreize. Zweitens, alle Mitarbeiter ins Boot holen, also darüber sprechen, dass ein Schwerbehinderter eingestellt werden soll. Drittens, Arbeitnehmern und Arbeitgebern das Gefühl geben, dass sie nicht alleine sind, dass wir sie gerne beraten und begleiten.
Die Integrationsämter in Deutschland nutzen die Dienste der Integrationsfachdienste, um schwerbehinderte Menschen und ihre Arbeitgeber individuell zu unterstützen, zu begleiten und zu betreuen. Als schwerbehindert gilt in der Regel, wer einen Behinderungsgrad von mindestens 50 aufweist. Mattern betont aber, dass der Grad nichts über die Leistungsfähigkeit des Menschen aussage. „Der Arbeitsplatz muss passen, dann spielt die Behinderung keine Rolle.“ Das zeige auch das Beispiel Tim Haller.
Das TAGEBLATT begleitet den Buxtehuder Parabadminton-Nationalspieler Tim Haller (23) auf dem Weg zu den Paralympischen Spielen 2020 in Tokio durch verschiedene Bereiche seines Lebens:
Teil 1: Das Leben mit Einschränkungen
Teil 2: Als Jugendtrainer und Vorbild
Teil 3: Zwischen Job und Sport
Teil 4: Am Olympiastützpunkt
Teil 5: Auf internationaler Bühne