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Serie: der Weg nach Tokio - Teil 5

Tim Haller misst sich mit der Weltelite

In Irland ging Haller in allen drei Disziplinen an den Start: im Einzel, Doppel und Mixed. Fotos Herbert Rongen / Scholz (8) / Logo Scholz (Federball-Icon von Pixel perfect/flaticon.com)

In Irland ging Haller in allen drei Disziplinen an den Start: im Einzel, Doppel und Mixed. Fotos Herbert Rongen / Scholz (8) / Logo Scholz (Federball-Icon von Pixel perfect/flaticon.com)

Parabadminton-Nationalspieler Tim Haller aus Buxtehude hat bei dem internationalen Turnier in Dublin ein gewaltiges Pensum abgespult. Darunter das „ewige Duell“ gegen den  Ausnahmespieler Lucas Mazur, den er bislang noch nicht besiegt hat. Und diesmal?

Von Tim Scholz Freitag, 28.06.2019, 23:59 Uhr

Beim Stand von 7:11 wird aus dem Spieler Tim Haller der Trainer Tim Haller. Er lässt sich auf einen Stuhl am Spielfeld fallen, vergräbt sein Gesicht in einem Handtuch, trinkt Wasser und redet. Zu sich selbst. Haller bewegt die Lippen, bewegt seine flach ausgestreckten Hände auf und ab, als wolle er ausdrücken: Ruhig, Tim, ruhig! Kühlen Kopf bewahren! Dann beendet der Schiedsrichter die Pause, die in jedem Satz vorgesehen ist, sobald der erste Spieler elf Punkte erreicht. Haller kehrt zurück auf das Feld. Aus dem Trainer wird wieder der Spieler Tim Haller.

Im Einzel gegen Weltmeister Lucas Mazur aus Frankreich muss Haller sich selbst coachen. Seine Trainer betreuen bei dem Turnier in Irland elf deutsche Nationalspieler, die auf einem der neun Felder teilweise parallel zueinander spielen. Somit kann es vorkommen, dass die für das Trainerteam vorgesehenen Stühle am Spielfeldrand leer bleiben. So wie beim Einzel in der Gruppenphase gegen Mazur. „Dann spreche ich halt mit mir selber“, sagt Haller. „Ich überlege dann, was ich falsch mache.“ Zumal er seinen Gegner inzwischen in und auswendig kennen dürfte. In den vergangenen Jahren sind Haller und Mazur mehrfach bei internationalen Turnieren aufeinandergetroffen. Wie oft, das kann keiner der beiden sagen. Klar ist nur, dass sich immer der Franzose durchsetzte.

Die Weltelite des Parabadminton, einer Sportart, die im kommenden Jahr in Tokio zum ersten Mal paralympisch ist, hat sich fünf Tage in Blanchardstown getroffen, gut zehn Kilometer vom Zentrum Dublins entfernt. Wer von dort anreist, fährt kilometerweit an gedrungenen Reihenhäusern mit ungepflegten Vorgärten vorbei, sieht hin und wieder ein geflecktes Pippi-Langstrumpf-Pferd am Straßenrand grasen und steuert schließlich über die Snugborough Road auf den National Sports Campus zu. Auf dem weitläufigen Areal haben Irlands Spitzensportler moderne Trainingsstätten: eine Schwimmhalle mit zehn 50-Meter-Bahnen, Spielfelder für Fußball, Rugby und Gaelic Games, eine Pferde-Arena und viele mehr.

Die Parabadminton-Elite tritt in der vor zwei Jahren eröffneten und vollständig in blau gehaltenen National Indoor Arena an, um Punkte für Tokio zu sammeln. So auch Tim Haller. Er ist einer der besten deutschen Spieler seiner Klasse SL 4 für die stehend Spielenden, die durch ihre Einschränkung leicht hinken. „Er tut der Mannschaft richtig gut“, sagt Christopher Skrzeba, ein lang gewachsener, sportlicher Mann. Seit anderthalb Jahren ist er Bundestrainer und beobachtet einen allmählichen Mentalitätswandel innerhalb der Nationalmannschaft. „Zuerst waren es nur einige Spieler, die verstanden haben, was es heißt, Leistungssport zu treiben.“ Haller gehörte dazu. Er erhöhte sein Trainingspensum, fand einen Arbeitgeber, der ihm flexible Arbeitszeiten ermöglicht, und akquirierte Spendengelder. „Bei anderen Spielern hat das länger gedauert“, sagt Skrzeba, so lange, bis Spieler aus anderen Nationen vorbeigezogen seien.

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Tim Haller, durch eine rechtsseitige Spastik in seiner Beweglichkeit eingeschränkt und nahezu taub, lebt den Badminton-Lifestyle. Auf seinem linken Unterarm prangt ein Tattoo, das er sich vergangenes Jahr hat stechen lassen. Es zeigt die Weltkugel und einen Federball, der mit Tempo hindurchfliegt. „Ich liebe diese Sportart und ich liebe es, um die Welt zu reisen“, sagt er. Und diesmal führte ihn die Reise nach Irland.

Hier tritt er in allen drei Disziplinen an: Einzel, Mixed und Doppel. Eine Premiere, die Haller am ersten der fünf Spieltage sechs Spiele beschert. Bislang habe er sich immer nur auf Einzel und Mixed, ein gemischtes Doppel mit einem Mann und einer Frau, konzentriert, weil dafür in Tokio Startplätze vorgesehen sind, für das Doppel der Männer hingegen nicht. Warum tut Haller sich das an? „Ich fühle mich bereit, auch wenn ich das Doppel nur zum Spaß spiele“, sagt er und fügt hinzu, dass er so ein straffes Programm bei noch keinem Turnier absolviert habe: drei Mixed bis zum Mittag, zwei Doppel am Abend und dazwischen das Einzel.

Haller gegen Mazur also. Vor vier Jahren noch standen sie sich im Finale gegenüber. Haller erinnert sich, dass er damals unter Zeitdruck gestanden habe. „Mein Rückflug ging zwei Stunden später, ich musste das Finale irgendwie bestreiten.“ Er verlor, holte die Silbermedaille.

{picture3s} Der Sport ist die eine Seite dieser Turniere, die soziale Komponente die andere. In den Gesprächen mit Spielern, Trainern und Funktionären wird deutlich, dass sie sich hier wohlfühlen, die Behinderungen keine Rolle spielen und sich die meisten gut verstehen trotz der zunehmenden Konkurrenz um die Startplätze für Tokio. Auch Tim Haller fällt es leicht, Kontakte zu knüpfen. Er hat Geschichten über nahezu jeden Spieler parat, der ihm in der Halle begegnet. In einer Pause zwischen seinen Spielen unterhält er sich mit einer Gruppe Ukrainern via Google-Übersetzer und begrüßt einen kleinwüchsigen Brasilianer mit Ghetto-Faust.

Haller nimmt auf der Tribüne Platz. Wischt mit dem Daumen über sein Smartphone. „Hallo Tim, für die nachfolgenden Sätze wünsche ich dir gute Konzentration. Und viel Erfolg. Herzlich Michael“, liest er in der WhatsApp-Gruppe „Turnierbericht Irland“, in der sich Familienmitglieder, Freunde und Bekannte versammeln. Sie schreiben hier, um Haller zu motivieren, zu beglückwünschen oder wieder aufzubauen. Oder um zu erfahren, wie er bei den Turnieren abschneidet.

Das „ewige Duell“ beginnt in wenigen Minuten. Lucas Mazur, der durch eine Missbildung des Sprunggelenks gehandicapt ist, wirkt in sich gekehrt, trägt Kopfhörer, hüpft in einer Ecke der Halle von einem Fuß auf den anderen. Haller kramt währenddessen den Schläger aus seiner Tasche hervor, lässt seine Handgelenke kreisen, dehnt seine Bänder im Schneidersitz, plaudert nebenbei mit einem Spieler aus Peru. Dann nimmt er seine Hörgeräte raus, um sie vor dem Schweiß zu schützen, und die im Spiel eh nur rauschen. Haller ist jetzt bei sich. Sein eigener Trainer.

Bundestrainer Christopher Skrzeba sagt, dass Haller von seinem Spielverständnis und der Schlag- und Lauftechnik schon sehr weit sei. In puncto Athletik müsse er noch zulegen. „Er wirkt zwar drahtig, ihm fehlt aber die Stabilität im gesamten Körper“, sagt Skrzeba. Daher sei Haller auch dazu angehalten, beim Training im Hamburger Olympiastützpunkt den Fokus auf das Krafttraining zu legen. Und wie steht es um Tokio? „Die Chance für Tim ist da“, sagt der Bundestrainer, die Klasse SL 4 sei allerdings eine der härtesten im Parabadminton. Es wird also schwierig für den Buxtehuder.

Lucas Mazur liegt im ersten Satz schnell mit 8:1 vorne. Haller spielt den Federball knapp ins Seitenaus, schlägt mit der flachen Hand auf den Oberschenkel. Er verfehlt den Ball mit dem Schläger, starrt entnervt an die Hallendecke. Mazur spielt nahezu fehlerfrei, löffelt den Ball mit seinem Schläger vom Boden. Nächster Aufschlag, nächster Punkt. Der Franzose mit dem Vollbart gewinnt den Satz mit 21:6.

Was Mazur Haller voraus hat: „Es gibt nicht viele Möglichkeiten, ihn laufen zu lassen“, sagt Haller. Das liege an dessen Größe, zum anderen habe Mazur durch gezieltes Kraft- und Athletiktraining seit dem letzten Aufeinandertreffen wieder einen Sprung nach vorne gemacht.

Als Tim Haller im zweiten Satz das 3:3 mit einem präzisen Drive-Schlag erzielt, ballt er die Hand zur Faust und stößt ein lang gezogenes Ja in die Halle. Nachdem Mazur drei Punkte in Folge nachgelegt hat, murmelt Haller: „Komm! Komm! Jetzt Gas geben!“ Er hält den Anschluss, lässt Mazur laufen: langer Ball, kurzer Ball, Punkt. Nach der Satzpause jedoch, in der Haller sich selbst coachen musste, zieht der Franzose davon.

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Haller lässt sich auf den Stuhl am Spielfeldrand fallen und vergräbt sein Gesicht im Handtuch. Er hat Mazur auf dem Weg zum Turniersieg nicht aufhalten können, wie alle anderen Gegner in Irland auch nicht. Für Haller ein schwacher Trost. Die Chance auf Tokio besteht aber weiter.

Tim Haller hat im Einzel (SL 4) trotz der Niederlage gegen Mazur in der Gruppenphase das Achtelfinale erreicht, musste sich dann seinem Gegner aus Indien geschlagen geben. Im Mixed (SL 3-SL 4) mit Spielpartner Oleksandr Chyrkov aus der Ukraine verbuchte er drei Gruppensiege und schied im Viertelfinale aus. Im Doppel (SL 3-SU 5) mit Spielpartnerin Thory Wieben aus Kiel war nach drei Niederlagen in der Gruppenphase Schluss. Co-Trainer Fabian Gruss zieht dennoch ein positives Fazit: „Trotz einer unglücklichen Auslosung hat Tim sich gut im Einzel präsentiert.“ Im Doppel mit ungewohntem Partner könne das Viertelfinale als Erfolg gewertet werden. Bundestrainer Christopher Skrzeba hält das Abschneiden der deutschen Mannschaft insgesamt aber für ernüchternd: „Keiner hat es ins Finale geschafft.“ Bronze gab es für Deutschland zwei Mal bei den Rollstuhlfahrern, einmal im Männer-Doppel, einmal im Mixed.

Das TAGEBLATT begleitet den Buxtehuder Parabadminton-Nationalspieler Tim Haller (23) auf dem Weg zu den Paralympischen Spielen 2020 in Tokio durch verschiedene Bereiche seines Lebens:

Teil 1: Das Leben mit Einschränkungen

Teil 2: Als Jugendtrainer und Vorbild

Teil 3: Zwischen Job und Sport

Teil 4: Am Olympiastützpunkt

Teil 5: Auf internationaler Bühne

 

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