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Fußball

Videobeweis light: Pro und Kontra der Trainer-Challenge

Bayern-Trainer Vincent Kompany spricht mit Schiedsrichter Christian Dingert. (Archivbild)

Bayern-Trainer Vincent Kompany spricht mit Schiedsrichter Christian Dingert. (Archivbild) Foto: Federico Gambarini/dpa

Schneller, günstiger, spannender - aber auch gerechter? Wenn Coaches im Fußball den Impuls für eine Video-Überprüfung geben, ändert sich einiges. Für kleinere Ligen bietet sich eine große Chance.

Von Jörg Soldwisch, dpa Mittwoch, 22.04.2026, 08:40 Uhr

Berlin. Laut Jürgen Klopp ist die Trainer-Challenge eine „interessante Idee“. Aber der Deutsche Fußball-Bund (DFB) sieht hier auch die Gefahr einer „noch größeren Enttäuschung“ beim ohnehin schon hochemotionalen Thema Videobeweis. Was passiert, wenn die Schiedsrichter nicht vom Video Assistant Referee (VAR), sondern von den Trainern auf potenzielle Fehlentscheidungen aufmerksam gemacht werden? 

Laut der „Sport Bild“ diskutiert die 3. Liga über die Einführung des Football Video Support (FVS). Auch die Frauen-Bundesliga zeige demnach Interesse an dem Pilotprojekt des Weltverbands FIFA, das in einigen kleineren Wettbewerben bereits getestet wurde. Die abgespeckte VAR-Variante könne „für mehr Gerechtigkeit bei klaren Fehlentscheidungen sorgen“, meinte Trainerin Eva Virsinger von der TSG Hoffenheim. In der Männer-Bundesliga ist der Einsatz vorerst nicht geplant - und das hat Gründe. 

Das spricht für die Einführung:

Geringere Kosten

Die Drittligisten und Frauen-Bundesligisten beschäftigen sich auch deshalb mit der Challenge, weil sie im Vergleich zum VAR deutlich günstiger ist. Es kämen deutlich weniger Kameras zum Einsatz, oft nur die der TV-Produktion. Zudem entfallen die Kosten für den sogenannten Kölner Keller, der VAR-Schaltzentrale. Es würden also nicht alle spielentscheidenden Szenen überprüft, sondern nur die, bei denen die Trainer von ihrem Überprüfungsrecht Gebrauch machen. 

Größere Transparenz und Akzeptanz

Einer der größten Kritikpunkte am VAR ist, dass Fans und Betroffene kaum nachvollziehen können, wann eingegriffen wird und warum. Legt man diese Verantwortung in die Hände der Trainer, ist beides schnell ersichtlich. Wenn es über die Coaches läuft, dürfte die Akzeptanz bei den Fans auch größer werden.

„Das Spiel ist in den meisten strittigen Szenen eh unterbrochen. Es nimmt viel Diskussionen heraus. Das einzuführen, ist für mich eine sehr gute Idee“, sagte Trainer Lars Kornetka von Zweitligist Eintracht Braunschweig.

Positive Erfahrungen

In den 3. Ligen in Italien und Spanien sowie in Kanadas Eliteliga wird die Challenge bereits getestet. Auch bei der U20-WM im Vorjahr in Chile wurde das FIFA-Projekt umgesetzt, die Trainer konnten pro Spiel je zwei Challenge-Karten ziehen. Beim Halbfinale zwischen dem späteren Weltmeister Marokko und Frankreich kam es so zu einem Foulelfmeter und Tor für die Nordafrikaner. Man sei durch die bisherigen Erfahrungen „sehr ermutigt“, sagte Pierluigi Collina, Vorsitzender der FIFA-Schiedsrichterkommission.

In der Volleyball-Bundesliga (VBL) ist das technische Hilfsmittel längst akzeptiert. „Insgesamt hat sich das Challenge-System als wichtiger Baustein für mehr Fairness und Transparenz im Spiel erwiesen“, sagte Geschäftsführerin Kim Oszvald-Renkema der Deutschen Presse-Agentur. Sie verriet, dass Vertreter anderer Sportarten sich deswegen bei der VBL bereits erkundigt haben.

Auch im nordamerikanischen Profisport geben die Trainer den entscheidenden Impuls für eine Überprüfung - und kein Videoschiedsrichter. In der NFL gibt es das System bereits seit 1999; die Trainer werfen rote Flaggen aufs Spielfeld, wenn sie eine Situation überprüft haben wollen. 

NFL-Trainer Mike Tomlin wirft die rote Challenge-Flagge aufs Feld. (Archivbild)

NFL-Trainer Mike Tomlin wirft die rote Challenge-Flagge aufs Feld. (Archivbild) Foto: Gene J. Puskar/AP/dpa

Zusätzliche Spannung

In der NFL verliert der Trainer eine Auszeit, sollte er seine Challenge-Karte nicht erfolgreich gezogen haben. Im Fußball müssen die Coaches ihre wenigen Challenge-Chancen auch im richtigen Fall nutzen, ansonsten gehen sie verloren und fehlen womöglich in der Schlussphase, wenn es vielleicht sogar zu einer Fehlentscheidung kommt. Das gibt dem Spiel eine neue, spannende Komponente.

 

Das spricht gegen die Einführung:

Mehr Druck für Trainer

Liegt die Hauptverantwortung des Eingreifens beim Trainer statt beim Videoschiedsrichter, erhöht das zweifelsohne den ohnehin schon immensen Druck auf die Coaches. Diskutiert werden nicht mehr nur dessen taktische und personelle Entscheidungen, sondern auch die zum Videobeweis. Einer Umfrage des „Aktuellen Sportstudio“ zufolge stehen die Bundesliga-Trainer diesem Konzept daher auch eher kritisch gegenüber. Auch Hoffenheims Trainerin Virsinger meinte: „Das Challenge-System beim VAR sehe ich kritischer, das würde ein Fußballspiel komplett verändern.“

Taktischer Missbrauch droht

Trainer wie José Mourinho würden alles für den Erfolg tun - also auch den Grundgedanken der Challenge missbrauchen? Klar ist: Trainer könnten ihre Challenges bewusst in der Schlussphase nutzen - auch bei eigentlich unstrittigen Szenen -, um bei einer Führung Zeit von der Uhr zu nehmen oder den Spielrhythmus zu brechen. 

Zweifel an der Notwendigkeit 

Während in der 3. Liga und Frauen-Bundesliga die Challenge aufgrund des fehlenden VAR durchaus ihre Berechtigung haben dürfte, stellt sich in der Bundesliga und 2. Liga die Sinn-Frage. Denn dort wird aktuell ohnehin jede strittige Entscheidung in spielentscheidenden Situationen überprüft. 

„Wir haben eine permanente Challenge“, sagte der ZDF-Schiedsrichterexperte Thorsten Kinhöfer: „Die Chance, dass der Trainer was sieht, was der VAR in Köln im Keller mit zig Monitoren nicht sieht, das würde ich bei zwei Prozent in Betracht ziehen. Deswegen sehe ich noch nicht den Mehrwert.“ 

Potenzial für noch mehr Frust

Selbst wenn nur die Trainer mit ihrem Veto-Recht über den Einsatz des Videobeweises entscheiden, löst das nicht zwingend das Frust-Problem. In der 3. Liga und Frauen-Bundesliga kämen nur wenige Kameras zum Einsatz, die in strittigen Szenen mitunter gar nicht hilfreich sind. Und dann? „Mögliche Folgen könnten zusätzliche Diskussionen und eine noch größere Enttäuschung der Betroffenen sowie der Öffentlichkeit sein“, warnte der DFB.

In der Volleyball-Bundesliga-Hauptrunde der Männer wird aktuell für die Challenge die bestehende Livestream-Produktionstechnik genutzt. Diese Lösung stoße „bei komplexeren Szenen an technische Grenzen“, sagte Geschäftsführerin Oszvald-Renkema. Zur Saison 2026/27 wird die vollwertige Video-Challenge eingeführt.

Schiedsrichter Slavko Vincic aus Slowenien beim Videocheck. (Archivbild)

Schiedsrichter Slavko Vincic aus Slowenien beim Videocheck. (Archivbild) Foto: Tom Weller/dpa

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