Vom Krieg auf den Kiez - Filmstar Aaron Hilmer mit Hamburger Wurzeln
Schauspieler Aaron Hilmer spielte schon einen schüchternen Teenager und einen Republik-Flüchtling. Doch die bisher heftigste Rolle war die eines jungen Soldaten in „Im Westen nichts Neues“. Foto: Riedl/dpa
Es ist grad viel los in der noch jungen Karriere von Aaron Hilmer. Seine aktuellen Filme werden mit Lob und Preisen überschüttet. Doch nach außen bleibt der 23-Jährige cool. Ein Interview über den Erfolg von „Im Westen nichts Neues“, den Oscar und sein Verhältnis zu St. Pauli.
TAGEBLATT: Hand aufs Herz: Kannten Sie Remarques großen Roman eigentlich vor Ihrer Besetzung für den Film?
Aaron Hilmer: Nein, in der Schule haben wir uns mit einer anderen Zeit beschäftigt. Ich habe den Roman aber sofort gelesen, als es in die erste Casting-Runde ging. Für mich war sofort klar, dass der Film ein besonderes Projekt ist. Und es in diesem Fall besonders wichtig war den Roman zu kennen, weil er neben den Grausamkeiten des Krieges das Soldatenleben erzählt, in dem es vor allem um die Menschen und die einzelnen Schicksale geht. Das kannte ich so noch aus keiner anderen Quelle.
Es gab bereits große Anti-Kriegsfilme vor dem Hintergrund des Ersten Weltkrieges. Was hat Sie an der Produktion so gereizt?
Mehrere Gründe. In einem Anti-Kriegsfilm mitwirken zu können war mir wichtig, und vor dem Hintergrund gerade dieses Buches war es natürlich eine riesengroße Herausforderung. Dann ist der Film ja das erste Mal 1930 verfilmt worden und dann noch mal Ende der Siebziger. Es ist also ein Stück Filmgeschichte. Es war klar, wir werden das Thema mit allen modernen Mitteln, die uns zur Verfügung stehen, mit aktuellen Möglichkeiten ausreizen. Das fand ich sehr spannend.
Der Film zeigt Krieg in seiner ganzen Grausamkeit. Wie ging es Ihnen damit bei den Dreharbeiten?
Wir haben im Winter in eins zu eins nachgebauten Schützengräben gedreht. Es war kalt, matschig, anstrengend. Was die Menschen damals durchgemacht haben müssen, ist unvorstellbar. Menschen sind nicht nur im Gefecht gestorben, das wurde uns da auch schmerzhaft bewusst.
Hat sich Ihre Haltung zum aktuellen Krieg in Europa und Russlands Angriff auf die Ukraine durch die Erlebnisse beim Dreh verändert?
Es war auch vor dem Krieg schon so, dass ich mich als Pazifist bezeichnen würde. Dass Krieg nie die Lösung ist, dahinter stehe ich natürlich voll und ganz. Und nach diesem Projekt noch einmal stärker. Auch wenn es nur ein Film ist. Am Ende sind es die einfachen Menschen, die im Krieg draufgehen, und nicht die Kriegstreibenden mit ihren Interessen.
Haben Sie mit dem großen Erfolg bei den British Academy Film Awards mit sieben Baftas und den Nominierungen zum Oscar in neun Kategorien gerechnet?
Das kann man gar nicht, das ist schon etwas ganz Einzigartiges.
Wie fühlt sich das an, auf einmal Teil so eines Welterfolgs zu sein?
Das ist für mich persönlich schwer nachzuvollziehen, dass ich irgendwie Teil davon bin. Es war nicht so, dass ich gleich dachte „Wow!“. Es hat einen Moment gedauert, die ganze Bandbreite nachzuvollziehen, zumal ich bei der Verleihung auch nicht vor Ort war.
Macht Sie die Oscar-Verleihung, wo der Film in neun Kategorien nominiert ist, ein bisschen nervös?
Klar, schon die Nominierung ist ein Riesenerfolg, ein großer Moment. Ich war völlig von den Socken, als ich davon erfuhr.
In vielen Rollen der Vergangenheit waren Sie der Abiturient, der Lehrling, der talentierte Schüler oder komplizierte Teenager. Sind Sie mit dem Film erwachsen geworden?
Das würde ich schon sagen, obwohl ich in dem Film ja auch einen Abiturienten im Krieg spiele. Aber der Film und die Dreharbeiten haben mich schon sehr geprägt und mich schauspielerisch weitergebracht.
Fast parallel dazu haben Sie die St. Pauli-Serie „Luden - Könige der Reeperbahn“ gedreht. Haben Sie Hamburg da nochmal neu kennengelernt?
Auf jeden Fall. Ich kannte die Namen und Figuren zwar. Die Reeperbahn und ihre Geschichte spielten für mich immer eine Rolle. Als Hamburger kommt man nicht wirklich daran vorbei. Aber wenn man mit dem Rotlicht-Milieu direkt vor der Haustür aufwächst, fragt man sich natürlich, wie war das damals eigentlich alles.
Thematisch war der Dreh ein harter Bruch. Wie konditioniert man sich emotional auf so einen Stimmungswechsel?
Das Wichtigste für mich war, dass mein Instrument gestimmt ist. Das ist in meinem Fall mein Körper, mein Kopf, dass ich da klar bin und ganz in die Figur reingehen kann. Alles, was im Kopf abgeht, muss auf einer stabilen physischen und auch psychischen Basis stattfinden, um sich nicht zu verlieren.
Sie kennen den Kiez der Achtziger doch bestenfalls vom Hörensagen. Wie haben Sie sich in die Rolle des „Schönen Klaus“ hinein gefühlt?
Ich habe ein bisschen was dazu gelesen, zum Beispiel die Bücher „Im Rotlicht“ über das Leben der Kiezgröße Stefan Hentschel oder „Meine Davidwache“ vom ehemaligen St.Pauli-Zivilfahnder Waldemar Paulsen. Ich habe auch Foto-Archive durchgearbeitet, um mich anhand der Aufnahmen in diese Zeit reinzudenken. Und Dokumentationen gesehen, um dieser Zeit etwas näher zu kommen.
Von St. Pauli ist bei den Dreharbeiten nicht viel geblieben, denn die fanden vor allem in München statt.
Das war nur anfangs etwas komisch. Gleichzeitig habe ich aber schnell verstanden, dass es mir in dieser extremen Figur auch ein Stück Freiheit gibt, gerade weil alles um mich herum gar keinen Bezug zu St. Pauli hatte. Das hat mir ein bisschen den Druck genommen.
Ihre erste Rolle bekamen Sie schon als Kind, wollten Sie schon damals Schauspieler werden?
Mir war die Schauspielerei eigentlich nicht so nahe, bis ich mit elf Jahren der kleine Tarzan im Musical „Tarzan“ in der „Neuen Flora“ wurde. Das kam über unseren Nachbarn zustande, der dort Bühnentechniker war. Der war zusammen mit mir und meinem Bruder viel klettern und sagte eines Tages: „Du kletterst doch so gern, geh‘ doch mal zum Casting.“ „Tarzan“ hat Spaß gemacht, und ich habe das ein Jahr gemacht. Und durch einen weiteren Zufall bin ich danach an meine erste Filmrolle gekommen, in einem Kurzfilm, das hat mich sehr geprägt. Außerdem waren Kunst und Kultur immer Teil meines täglichen Lebens. Mein Vater war Maler und hatte eine Malschule, meine Mutter malt auch und hat Ausstellungen organisiert.
Welches Verhältnis haben Sie persönlich zu St. Pauli und zum Kiez?
Erst mal bin ich Fußballfan des FC St. Pauli (lacht). Im Ernst: Jeder hat dazu eine andere Beziehung. Bei mir geht das trotz meines Alters weit in die Vergangenheit zurück. Hamburg als Hafenstadt spielte für mich immer eine große Rolle. St. Pauli ist für mich direkt mit dem Hafen verbunden. Es gibt da für mich noch einen gewissen Nachklang, der bis heute am Leben geblieben ist. Ich mag St. Pauli, ich laufe da gerne in den kleinen Seitenstraßen rum, ich mag die kleinen zweistöckigen Häuser zum Beispiel in der Paul-Roosen-Straße. Es hat was Gemütliches, fast, als wäre es nicht Hamburg.
Trauern Sie den alten Zeiten des Kiezes hinterher, in denen die Amazon-Serie „Luden“ spielt?
Ich kann ja nur erahnen, wie es früher war, und glaube schon, dass ein gewisser Charme nicht mehr da ist. Die Verbindung zum Hafen zum Beispiel. Die Brutalität im Umgang mit Frauen im Rotlichtmilieu darf man aber damals wie heute nicht unter den Tisch kehren.
Was reizt Sie an St. Pauli?
Für mich war St. Pauli immer ein Ort, wo Menschen Zuflucht finden, die ein bisschen anders sind und sich nicht allen Konventionen beugen. Das ist bis heute immer noch aktuell. Ich bin da viel unterwegs, ich wohne dort. Ich sehe da ganz viele spannende Menschen rumlaufen, die ich sonst in Altona oder anderen Vierteln niemals sehen würde. Die Reeperbahn interessiert mich persönlich nicht, das war vor 30, 40 Jahren wahrscheinlich anders. Heute findet da der Tourismus statt, und das echte St. Pauli wird immer weiter in die Seitenstraßen verdrängt. Ich werte das aber nicht.
Bitte ergänzen Sie ...
Wenn ich mal nicht vor der Kamera stehe, … bin ich mit meinen Freunden zusammen oder auf Reisen.
Besucher müssen auf St. Pauli unbedingt … einen schönen Abend am Hamburger Berg erleben.
Meiden sollten Besucher auf dem Kiez … Stress.
An meiner Stadt mag ich besonders … den Hafen.
An Hamburg stört mich … das Wetter.
Fischbrötchen und Labskaus sind … für mich zwei verschiedene Paar Schuh: Fischbrötchen ja, Labskaus auf gar keinen Fall.
Zur Person
Gleich in neun Kategorien wurde die Neuverfilmung von „Im Westen nichts Neues“ nach dem Romanerfolg von Erich Maria Remarque für den Oscar nominiert. Im Mittelpunkt des Kriegsdramas aus dem Ersten Weltkrieg stehen drei 17-jährige Freunde, die sich aus patriotischem Übereifer freiwillig zum Kriegsdienst melden. Einer von ihnen wird gespielt von Aaron Hilmer (23). Die Oscar-Verleihung findet nach deutscher Zeit in der Nacht zum Montag in Los Angeles statt. Bei den renommierten British Academy Film Awards vor einigen Wochen wurde die Netflix-Produktion des Anti-Kriegsfilms bereits mit sieben Preisen ausgezeichnet, unter anderem als bester Film.
Hilmer wurde in Freiburg (Breisgau) geboren, kam aber bereits mit anderthalb Jahren mit seiner Hamburger Mutter zurück an die Elbe. Wegen seines Vaters hat er auch die australische Staatsbürgerschaft. Seine erste Rolle hatte der Darsteller bereits mit elf Jahren. Danach ging es Schlag auf Schlag. Jugend- und Kinofilme, Fernsehreihen, Serien. Zu seinen großen Erfolgen zählt unter anderem die deutsch-dänische Fernsehserie „Sløborn“ mit 14 Folgen in zwei Staffeln. Seit Anfang März ist er bei Amazon Prime in der Kiez-Serie „Luden - Könige der Reeperbahn“ in der Rolle des berüchtigten Zuhälters „Schöner Klaus“ Barkowsky zu sehen. Hilmer lebt aktuell auf St. Pauli.