08.11.2020, 13:54
Terror-Verdacht: Polizei stürmt Wohnung in Drochtersen

DROCHTERSEN. Am Freitag hat sich die Polizei gewaltsam Zutritt zu einer Wohnung in Drochtersen verschafft. Im Zuge der Anti-Terror-Aktion haben die Beamten einen mutmaßlichen Islamisten aus Tschetschenien festgenommen. Zeitgleich schlug die Polizei in den Landkreisen Lüneburg und Stade zu.

Von Daniel Beneke und Björn Vasel

Die Polizisten hatten sich am Freitag gewaltsam und mit der Waffe im Anschlag Zutritt zu der Wohnung in einem heruntergekommenen Wohnblock aus den 1970er Jahren in der Grefenstraße in Drochtersen verschafft. Die Wohnung der Eltern wurde nach Waffen durchsucht.

Im Zuge der Anti-Terror-Aktion in den Landkreisen Lüneburg und Stade haben die Polizisten nahe Lüneburg den Sohn, einen mutmaßlichen Islamisten festgenommen, und aufgrund eines Beschlusses eines Richters am Amtsgericht in Lüneburg auf Grundlage des Niedersächsischen Polizei- und Ordnungsbehördengesetzes in Langzeitgewahrsam genommen. Bei einer „bevorstehenden terroristischen Straftat“ ist eine Freiheitsentziehung laut Paragraf 21 bis höchstens 14 Tage möglich, in Ausnahmefällen kann der Freiheitsentzug um sieben Tage einmalig verlängert werden.

Die Tür zur Wohnung des Verdächtigen steht auch am Tag nach dem Einsatz noch offen. Die Tür zur Wohnung des Verdächtigen ist auch am Tag nach dem Einsatz noch beschädigt.

Mehrere Nachbarn berichteten dem TAGEBLATT von dem Einsatz: Am Freitag rückten unter anderem Streifenpolizisten an, später fuhr ein Spezialeinsatzkommando in dunklen Zivilfahrzeugen vor. Ein Rettungsdienstwagen parkte in einer Nebenstraße. Die Spezialkräfte hatten sich bei der Drochterser Polizeistation im Zentrum gesammelt. Der Islamist soll offenbar Anschläge auf die Polizei geplant haben, das soll aus Chats hervorgehen. Im Internet kursiert ein Video, das Szenen des Einsatzes zeigt. Die Ermittler halten sich mit Details vorerst bedeckt.

Der Sprecher der Stader Polizeiinspektion, Rainer Bohmbach, wollte sich nicht zu dem Vorfall äußern. Sein Kollege, der Polizeioberkommissar Mathias Fossenberger, von der Polizeidirektion Lüneburg wollte am Sonnabend ebenfalls keine weiteren Angaben zu der Anti-Terror-Aktion machen. Er bestätigte lediglich, dass es aufgrund „ernst zu nehmender Hinweise auf unmittelbar bevorstehende schwere Straftaten“ zu polizeilichen Maßnahmen am Freitag gekommen war.

Bezug zum Terroranschlag in Wien „nicht ersichtlich“

Die gesuchte und letztlich lokalisierte Person, „ist der islamistischen Szene zuzurechnen“, sagte Fossenberger. Weil die Person im Zuge der Gefahrenabwehr vorerst lediglich in Langzeitgewahrsam sitze und die polizeilichen Ermittlungen andauern, wollte Fossenberger keine Angaben zu Vorwurf, Alter, Geschlecht und Nationalität des Verdächtigen machen. Möglicherweise werde sich die Staatsanwaltschaft im Laufe der Woche äußern. Aktuell sei ein Bezug zum kürzlich begangenen Terroranschlag in Wien laut Polizeisprecher Fossenberger „nicht ersichtlich“.

Am Wochenende war von dem Zugriff in Drochtersen kaum noch etwas zu sehen, bis Sonnabendmittag observierten Polizeikräfte den Gebäudekomplex. Der Block wirkt trist und marode. Kinder spielen Verstecken auf dem Parkplatz, Nachbarn erzählen bereitwillig von dem Einsatz „bei den Tschetschenen“. Die Eingangstür steht offen, der Rauchabzug ist defekt, die Tür der Wohnung zeigt Aufbruchspuren. Nach Aussagen von Nachbarn sei es wiederholt zu Vandalismus und zu Polizeieinsätzen gekommen. In dem Haus leben seine Eltern. Der Vater soll eingehend von den Ermittlern befragt worden sein; er sei wieder zu Hause, berichteten Nachbarn.

Kriminelle Tschetschenen immer wieder im Visier der Ermittler

Tschetschenen sind in den vergangenen Jahren immer wieder als Kriminelle und Terroristen ins Visier der Sicherheitsbehörden geraten. Der damalige Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Hans-Georg Maaßen, warnte bereits 2017 vor einem hohen Gefährdungspotenzial von kampferprobten Islamisten aus Tschetschenien. Laut Bundesamt für Verfassungsschutz leben rund 50.000 Tschetschenen aus dem Nordkaukasus im Alter zwischen 20 und 50 Jahren in der Bundesrepublik Deutschland, davon sei „eine mittlere dreistellige Personenzahl als Islamisten bekannt“.

Die Gefahr islamistisch motivierter Anschläge sei in Niedersachsen laut Innenminister Boris Pistorius (SPD) weiterhin gegenwärtig. Doch die Festsetzung eines islamistischen Gefährders im Raum Lüneburg angesichts einer „akuten terroristischen Anschlagsgefahr“ habe gezeigt, dass die Zusammenarbeit der Sicherheitsbehörden gut funktioniere. Mit dem gerichtlich angeordneten Langzeitgewahrsam sei die „akute Gefahrenlage entschärft“.

Leserbrief


Weitere Topthemen aus der Region:
  • 26.01.2021, HIMMELPFORTEN
    Diebe stehlen Gartengeräte und Werkzeug
    Mehr
  • 26.01.2021, HAMBURG
    Belohnung für Hinweise nach Überfall auf Geldtransporter
    Mehr
  • 26.01.2021, HARBURG
    Lkw-Fahrer stirbt bei Unfall auf der A1
    Mehr
  • 26.01.2021, HAMBURG
    27-Jähriger stirbt bei Brand in Flüchtlingsheim
    Mehr
  • 26.01.2021, LANDKREIS
    Zeugen nach Wilderei gesucht
    Mehr
  • 26.01.2021, STADE
    Polizei nimmt Einbrecher in Stade fest
    Mehr
  • 26.01.2021, MOISBURG
    Polo-Fahrer weicht aus und landet im Feld
    Mehr
  • 26.01.2021, BUXTEHUDE
    Brandstiftung im Moor bei Buxtehude
    Mehr
  • 25.01.2021, HAMBURG
    Unfall mit gestohlenem Wagen in Wilhelmsburg
    Mehr
  • 25.01.2021, HAMBURG
    Überholmanöver endet mit schwerem Unfall in Hamburg
    Mehr