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Unterrichtsausfall

TSchulkrise: Landesamt stellt sich in Harsefeld dem Protest der Eltern

Mit dem Elternprotest an der Rosenborn Grundschule fing eine Diskussion um Lehrermangel an. Foto: Fehlbus

Mit dem Elternprotest an der Rosenborn Grundschule fing eine Diskussion um Lehrermangel an. Foto: Fehlbus

Gut 80 Besucher, deutlich mehr als sonst, verfolgten die Sitzung des Kreiselternrats in der Harsefelder Oberschule. Viele sind wegen eines Themas gekommen, das zuvor an der Rosenborn Schule für Protest gesorgt hat: Homeschooling wegen Lehrermangels.

Von Miriam Fehlbus Mittwoch, 15.06.2022, 19:15 Uhr

„Aus der Presse wissen Sie, dass die Rosenborn Grundschule dieses Jahr besonders betroffen ist. Wir haben immer wieder Hotspots“, sagt Axel Keusemann, zuständiger Dezernent des Regionalen Landesamts für Schule und Bildung. Er und seine für den Nordbereich des Landkreises Stade zuständige Kollegin Kathrin Stüer versuchen in der Aula der Harsefelder Selma Lagerlöf Schule, die Lage zu erklären.

Eltern und teilweise auch Schulleitungen hören aufmerksam zu. Die Fragen bleiben konstruktiv. Wirklich zufrieden geht aber keiner nach Hause.

Corona dramatisiert die Lage bei der Unterrichtsversorgung

Die Harsefelder Rosenborn Grundschule hat viele Lehrkräfte während des laufenden Schuljahrs für den Unterricht verloren. Einer der Hauptgründe: Schwangerschaften. „Damit können wir nicht planen“, sagt Kathrin Stüer. Zusätzlich dramatisiert Corona die Lage. Schwangere Lehrerinnen müssen nun sofort aus dem Präsenzunterricht raus. „Vor Corona haben viele gerne und zuverlässig bis zum Mutterschutz durchgearbeitet“, sagt Keusemann.

Wären personelle Ausfälle wie diese und einzelne Krankheitsfälle in der Versorgung eingerechnet, würden vier Schwangerschaften an einer Grundschule wie der Rosenborn nicht für Probleme sorgen. Aber: „Seit einigen Jahren bekommen wir nicht mehr die Stellen zugewiesen, die wir brauchen“, sagt Keusemann, „wir verwalten den Mangel und müssen die Versorgung in der Fläche sicherstellen.“

Neubaugebiete bringen vor allem Grundschulen viele neue Kinder

Ein Problem ist auch die schlechte Planbarkeit der Klassenstärke. Eltern mit Kindern ziehen häufiger um, nicht selten in große Neubaugebiete. Schulen müssen flexibel reagieren, Zu- und Abgänge von Schülern verändern zusammen mit der Inklusion von einem Moment auf den anderen alles. Nicht selten muss eine Klasse deshalb geteilt werden, eine weitere Lehrkraft fehlt dann. „Wir sehen das ganz massiv an den Grundschulen und besonders dort, wo Orte massiv wachsen“, sagt Keusemann.

Er nennt Apensen und Harsefeld mit ihren Neubaugebieten als Beispiele.

Förderschule Ottenbeck trifft es bei der Unterrichtsversorgung am schlimmsten

Den Förderschulen geht es noch schlechter als den anderen. Die Unterrichtsversorgung über alle allgemeinbildenden Schulen hinweg liegt wie berichtet im Landkreis Stade in diesem Schuljahr bei 95,6 Prozent. Das ist etwas unter dem landesweiten Schnitt von 97,4 Prozent, gemessen am Stichtag 16. September 2021.

In dieser Statistik weist die Förderschule Ottenbeck eine Unterrichtsversorgung von 63,8 Prozent auf. Inzwischen ist eine zusätzliche Lehrkraft aus dem benachbarten Landkreis Harburg an die Förderschule abgeordnet worden. Außerdem konnte eine Vertretungslehrkraft gewonnen werden. „Aber wir können uns keine pädagogischen Mitarbeiter backen und keine Lehrer schnitzen“, sagt Keusemann. Es seien einfach zu wenige bezogen auf den Bedarf da. Da spielt auch ein finanzielles Ungleichgewicht mit hinein.

Ungleiche Bezahlung für Lehrer ein großes Problem

Es gebe noch mehr gymnasiale Lehrer, sagt „Hausherrin“ Nicole Fieger-Metag, die in den vergangenen Jahren zahlreiche Bewerbungsgespräche geführt hat. Nicht selten erfolglos: „Wenn die hören, Oberschule für A12, sagen sie ,nein’.“ 500 Euro monatlich macht der Unterschied für Lehrer zwischen einem Gymnasium und einer Ober-, Real-, Haupt- oder Grundschule aus.

Aber Fieger-Metag sagt auch mit Blick auf die beiden Gäste vom Schulamt: „Wenn uns jemand wegbricht, wird uns geholfen.“ Manchmal geht das nur nicht so schnell, wie alle hoffen. An der Harsefelder Rosenborn Grundschule muss jeweils eine Klasse aus der dritten oder vierten Klassenstufe in den Distanzunterricht, weil keine Lehrkräfte verfügbar sind.

Schulausschuss-Vorsitzender: Eltern sollten demonstrieren gehen

Die Eltern bleiben an diesem Abend ruhig. Sie hören sich an, was die Zukunft bringen könnte. Ulrich Felgentreu steht auf. Der Vorsitzende des Ausschusses für Schulen und Sport im Rat der Hansestadt Buxtehude will aufrütteln: „Warum gehen Sie nicht auf die Straße?“, fragt er die Teilnehmer der Sitzung. Sie müssten Druck erzeugen, etwas für die künftigen Generationen von Schülern bewegen. „Jede Fraktion im Landtag hat in den vergangenen Jahren versagt“, sagt der Buxtehuder, der für die Grünen im Buxtehuder Rat sitzt: „Seien Sie ungehorsam!“

Standen beim Kreiselternrat in Harsefeld den Anwesenden Rede und Antwort: die Schuldezernenten Kathrin Stüer und Axel Keusemann.

Standen beim Kreiselternrat in Harsefeld den Anwesenden Rede und Antwort: die Schuldezernenten Kathrin Stüer und Axel Keusemann.

In eine ähnliche Richtung geht Keusemann: „Da müssen die politischen Strukturen ran“, sagt er zu den Eltern. Es gebe an den Universitäten zu wenig Ausbilder, zu wenige berufsbegleitende Studiengänge. „Ich würde mir wünschen, dass mit dem Thema Bildung Wahlen zu gewinnen sind.“

Der Lehrermangel wird ein großes Thema bleiben, das wissen die vier Vertreter vom Kreiselternrat auf dem Podium. Aber ob die Dringlichkeit überhaupt schon in den Ministerien angekommen ist, wird in Harsefeld bezweifelt. In Niedersachsen übermitteln die Schulen viermal im Jahr ihre Zahlen an die Behörde. Nur die Daten vom September werden verarbeitet. „Der Monat mit dem geringsten Krankenstand“, sagt Felgentreu. Immer Ende August, Anfang September beginnt nach den Sommerferien das neue Schuljahr. „Das Thema Unterrichtsversorgung hat uns schon häufig beschäftigt, so massiv war es noch nie“, sagt die stellvertretende Vorsitzende des Kreiselternrats, Daniela Viets-Peters.

Gymnasium Harsefeld hinkt beim Breitbandausbau hinterher

Aber nicht nur die Unterrichtsversorgung mit dem drohenden oder schon teilweise umgesetzten Distanzunterricht wie an der Rosenborn Grundschule beschäftigen die Eltern. Es geht in der Sitzung in Harsefeld auch um den Breitbandausbau an den Schulen. Zum wiederholten Mal ist der Erste Kreisrat Thorsten Heinze beim Kreiselternrat zu Gast. Seine Begeisterung ist gering, wieder nur ein neues Datum mitbringen zu können.

Das in Harsefeld beheimatete Aue Geest Gymnasium, das sich in Trägerschaft des Landkreises befindet, soll jetzt Ende des Jahres angeschlossen werden. Es stand eigentlich auf der Prioritätenliste ganz vorne. Elternvertreter und Heinze selbst zitieren aus dem ursprünglichen Schreiben. Seit 2018 läuft das Förderprogramm, immer wieder in veränderter Form.

In der Selma Lagerlöf Schule leuchtet das WLAN-Zeichnen sofort im Smartphone auf. „Wir haben hier Internet bis in die letzte Ecke“, sagt Rektorin Fieger-Metag. „Das liegt daran, dass wir hier so eine bombastische Samtgemeinde haben“, lobt sie in Richtung des anwesenden Ersten Samtgemeinderats Bernd Meinke. Ober- und Grundschulen sind anders als das Gymnasium in Trägerschaft der Samtgemeinde.

Bis auf eine Klasse sind an der Harsefelder Oberschule alle Schüler mit iPads ausgestattet, gelernt wird digital. Da können die Eltern vom 100 Meter entfernten Gymnasium nur staunen. Zwei 50-Megabit-Leitungen gehen ins Gebäude. Die eine ist für das Schulsekretariat. Auf der anderen „surfen“ die Smartboards, auf denen eigentlich unbegrenztes Lehrmaterial – auch in bewegten Bildern – aus dem Internet laufen sollte.

Wer den Kreiselternrat erreichen möchte, findet Kontakt per E-Mail an KER-STD@bildungslotse.info.

Achtmal so viele Besucher wie sonst kamen zur öffentlichen Sitzung des Kreiselternrats. Es ging unter anderem um das Thema Lehrermangel, zu dem viele Harsefelder aus aktuellem Anlass Fragen stellten. Die Rosenborn Grundschule ist besonders

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ARCHIV - 16.12.2020, Schleswig-Holstein, Wentorf: Ein zwölfjähriger Gymnasiast löst am Computer in seinem Zuhause seine Schulaufgaben, die ihm seine Lehrer für jeden Tag über den Schulserver geschickt haben. Lernen vorm Bildschirm: So sah U

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