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Interview

Campino: „Ich bin nicht mehr auf der Suche nach Stress“

Tote-Hosen-Frontmann Campino. Foto: dpa

Tote-Hosen-Frontmann Campino. Foto: dpa

Vor knapp 40 Jahren schlichen sich die frisch gegründeten Toten Hosen zu einem Geheimkonzert nach Ost-Berlin. Frontmann Campino erinnert sich im Interview mit Kai-Oliver Derks an jene Tage. Und er spricht über heute, da der Traum von der einigen Welt vorüber ist.

Sonntag, 24.04.2022, 17:00 Uhr

Wie darf man sich den Campino von damals vorstellen?

Es fällt mir schwer, mich selbst zu beschreiben, da müssten Sie besser die anderen fragen. Was sicher ist: Ich habe meine Unsicherheiten durch Großmäuligkeit kaschiert. Ein bisschen spielte ich auch immer die Rolle des Clowns. Außerdem war ich immer sehr abenteuerlustig, das zeigt sich ja auch bei unserer Ost-Berlin Reise.

Sie hatten also keine Angst, da rüberzufahren?

Nein. Was zählte, war das Wagnis. Ich hatte keine Bedenken. Wir alle hielten uns aber auch an das, was zu tun war. Es gab durchaus den nötigen Funken Vernunft in uns. Es war klar: Wenn wir dort negativ aufgefallen wären und Ärger machten, wären wir wahrscheinlich bald wieder raus und nach Hause gekommen. Aber die Leute, die in der DDR gelebt und uns eingeladen hatten, würden womöglich jahrelang in den Knast gehen. Das hielt uns davon ab, zu randalieren, eine große Nummer abzuziehen. Als wir zurück in Westdeutschland waren, haben wir lange nichts über das Konzert erzählt, um die Leute nicht zu gefährden, die das damals organisierten.

War es alles in allem nicht vielleicht doch ein bisschen unbeschwert?

Eigentlich nicht. Aber solche Aktionen waren stets Teil unserer Geschichte. Sehen Sie, wir waren als Band immer auf der Suche, wollten immer Begegnungen mit der jeweiligen Untergrund-Szene knüpfen.

Welche anderen Orte fallen Ihnen da ein?

Wir waren in einigen autokratischen Ländern. Ob es nun die DDR war, Polen, Kuba oder später Myanmar und Tadschikistan. Wir setzten uns immer zum Ziel, die Polizei ein bisschen an der Nase herumzuführen. Vor allem aber wollten wir die Leute dort durch Präsenz, Loyalität und Solidarität stärken. Auch in Peking ist es uns erst vor wenigen Jahren gelungen, abseits unseres normalen Konzerts in die Stadt zu fahren und einen Punk-Club ausfindig zu machen. Dort haben wir ein richtiges Set vor den Pekinger Punks abgeliefert. Klar, solche Aktionen bergen immer ein gewisses Risiko, aber es stand stets in Relation zu dem, was wir erreichen wollten. Momente wie diese haben unserer Band immer einen Sinn gegeben.

Wie blicken Sie auf die Punkszene in der DDR zurück?

Die Punks im Osten hatten es natürlich deutlich schwerer als wir. Sie wurden als dekadente Erscheinung des Westens betrachtet. So etwas durfte es in der DDR nicht geben. Also versuchte das Regime, diese Bewegung zu zerreiben. Wir im Westen hatten den Luxus, demonstrieren zu können und uns beschweren zu dürfen, es gab einen anderen Umgang mit Autoritäten. Wir durften uns von Anwälten helfen lassen. Das war für Punks im Osten fast undenkbar.

 „Scheiß Wessis“ heißt die neue Single der Hosen, Marteria hat parallel dazu „Scheiß Ossis“ veröffentlicht. Es ist tragisch, dass unsere Kinder, die diese Spaltung niemals kennenlernen mussten, jetzt etwas erleben, was wir längst überwunden zu haben schienen. Was sind Ihre Gedanken dazu?

Es ist bis aufs Mark erschütternd, dass wir von Putin in einem Zeitraum von 48 Stunden wieder um 50 Jahre zurückkatapultiert worden sind. Dass wir alte Traumata spüren, von denen wir dachten, sie lägen längst hinter uns. Dass vieles von unserer Grundeinstellung plötzlich auf den Kopf gestellt ist. Wir hielten es für idiotisch, Geld für Rüstung auszugeben. Wir hatten gelernt, dass ein Miteinander in jedem Fall besser ist als ein Gegeneinander. Und all diese Erkenntnisse scheinen plötzlich nicht mehr zu stimmen. Ein einziger Despot hat das erreicht, und er hat es über Jahre vorbereitet. Wir müssen nun erkennen, wie schnell ein großer Machthaber Unheil über die ganze Welt bringen kann.

Was bedeutet das für uns?

Sicher ist es geboten, in einer Art Alarmbereitschaft zu leben oder zumindest in einer Wehrfähigkeit, die wir uns über Jahrzehnte nicht vorstellen konnten. Aber natürlich haben diese Themen die Menschheit immer schon geprägt: Kriege führen, Geltungssucht, Machthunger – das sind Dinge, die schon tausende Jahre existieren und die wir offensichtlich nicht abstellen können, nur weil wir irgendwann gelernt haben, mit Messer und Gabel zu essen.

Das haben Sie ja mit Erfolg gemacht. Gäbe es noch was anderes? Haben Sie etwas versäumt?

Ich muss zugeben: Seine Grenzen auszuchecken, hat natürlich auch etwas Juveniles. Ich bin nicht mehr auf der Suche nach Stress. Sicher gibt es ein paar Graubereiche: eine schöne Party mit Ruhestörung… so etwas. Es geht für mich allerdings nicht mehr darum, eine Befriedigung darin zu finden, etwas Verbotenes zu tun. Das kickt mich schon lange nicht mehr. Aber wer weiß: Wenn eine Aktion sinnvoll ist, dann wäre die Frage, ob sie erlaubt oder verboten ist, womöglich sekundär.

Am 22. Juni haben Sie Geburtstag. Campino wird 60 …

Ich beschäftige mich nicht sehr damit. Das kam schleichend auf mich zu. Über Nacht passiert so etwas ja nicht. Ich muss feststellen, es hat sich im Laufe der Zeit angebahnt. Und es ist auch nicht schlimm. Das gehört zu den Dingen, die sich nicht ändern lassen. Es gibt Sachen, von denen ich mich verabschieden muss. Aber das bedeutet auch, dass es Raum für Neues gibt. 

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