So sicher ist die Gasversorgung noch in der Region
Ein Mitarbeiter geht an einem Teil einer Erdgasleitung am Gelände der Gas Connect Austria Verdichterstation. Foto: Harald Schneider/APA/dpa
In der vergangenen Woche hat Wirtschaftsminister Robert Habeck die Frühwarnstufe für den Notfallplan Gas ausgerufen. Grund zur Panik gibt es aber derzeit laut Christian Bartsch, Pressesprecher der EWE AG, noch nicht.
Von Sarah Schubert
An das Erdgasnetz der EWE als fünftgrößter Energieversorger Deutschlands sind rund 600 000 Haushalte und Industriekunden im Ems-Weser-Elbe-Bereich und auch in Brandenburg und Rügen/Nordvorpommern angeschlossen. Und die Landkreise Wesermarsch, Cuxhaven und Rotenburg gehören zum Versorgungsgebiet. Etwa zwei Drittel der Kunden (440 000) im gesamten Versorgungsgebiet beziehen derzeit noch L-Gas aus niederländischen und deutschen Produktionen. Die Umstellung auf H-Gas ist noch immer in vollem Gange. Da die Niederlande aufgrund von Erdbeben schnellstmöglich aus der L-Gas-Versorgung aussteigen wollen, greifen sie schon jetzt auf Konvertierungsanlagen zurück. „Sie importieren H-Gas und mischen es mit Stickstoff zu L-Gas-Qualität“, sagt Christian Bartsch. Dementsprechend würde ein Gasmangel im Ernstfall auch diejenigen, die L-Gas beziehen, treffen.
Konsequenzen ab der dritten Stufe des Notfallplanes
Kommt es tatsächlich dazu, dass die Gas-Lieferungen aus Russland gestoppt werden und die dritte Stufe des Notfallplanes Gas ausgerufen wird, hat das aber in erster Linie Konsequenzen für Industriebetriebe. „Dann greift die Bundesnetzagentur ein, die schaut, wo es Engpässe im Netz gibt und was getan werden muss, um den Verbrauch an der Stelle zu reduzieren“, sagt Christian Bartsch. Eine von der Behörde festgelegte Reihenfolge, welcher Betrieb zuerst und zuletzt reduzieren oder ganz runterfahren müsse, gebe es derzeit leider nicht. „Wir wünschen uns da klarere und möglichst rechtssichere Vorgaben – ansonsten bleibt uns nur, die beauftragte Reduzierung nach bestem Wissen und Gewissen vorzunehmen. Lange Diskussionen wird es unter dem dann herrschenden Zeitdruck ja nicht geben können“, sagt der EWE-Pressesprecher. Eins stehe fest: Private Haushalte sind besonders geschützt, ebenso Krankenhäuser, Pflegeeinrichtungen und ähnliche Institutionen.
EWE: Vorbereitungen auf den Ernstfall laufen
Auf den Ernstfall bereitet sich die EWE auf Hochtouren vor. „Unser Krisenstab tagt täglich seit Beginn des Krieges“, so Christian Bartsch. Auch an den Wochenenden habe das Unternehmen die Lage im Blick. Mit den großen Industrieunternehmen sei die EWE bereits im Gespräch. „Wir schaffen Kommunikationskanäle, benennen Ansprechpartner, stehen aber in erster Linie erst mal nur im Austausch“, sagt der EWE-Pressesprecher. Die EWE selbst bezieht nur eine geringe Menge Gas aus direkten Verträgen mit Russland. Entsprechend überschaubar ist die unmittelbare Risikoposition im Vergleich zu den großen Gasimporteuren laut Christian Bartsch. Die Effekte etwaiger Marktverwerfungen träfen aber letztlich natürlich auch die EWE und andere Energieversorger, denn das meiste Gas wird an der Energiebörse eingekauft. „Dort ist nicht ersichtlich, woher das Gas stammt, es kann also auch aus Russland sein“, sagt der Pressesprecher.
Die EWE selbst betreibt insgesamt 38 Erdgaskavernen, unterirdische Hohlräume, diese verteilen sich auf die Standorte Jemgum (8), Nüttermoor (21), Huntorf (7), und Rüdersdorf (2) bei Berlin. Gasspeicher seien jedoch wie Parkhäuser zu betrachten, in denen verschiedene Anbieter ihr Gas parken können. Auf das bundesweite Gesamtvolumen könne jeder Anbieter zugreifen. „Deshalb wäre die Angabe des Volumens in den Speichern der EWE für die Situation in der Region nur wenig aussagekräftig“, sagt Christian Bartsch.
Wichtig sei, dass die Speicher zum Winter wieder voll werden. „Im Sommer wird weniger Gas genutzt, dann wird in der Regel eingespeichert, damit im Winter wieder auf die Speicher zurückgegriffen werden kann“, sagt der Pressesprecher.
Daran sei nun allen Anbietern und der Bundesregierung gelegen. „Je voller die Speicher, desto entspannter gehen wir in den nächsten Winter“, sagt der Pressesprecher. Genau deshalb seien auch die privaten Haushalte angehalten, möglichst sparsam mit der Energie umzugehen. „Alles, was im Speicher bleiben kann, hilft“, so Christian Bartsch. „Und auch bei Strom lohnt es sich zu sparen, denn der hängt mit dem Gasverbrauch zusammen, weil er häufig aus den Gaskraftwerken stammt“, sagt Christian Bartsch. (skw)
L-Gas/H-Gas
Seit 2015 ist eines der größten Projekte der deutschen Gas-Versorgung im Gange: die Gas-Umstellung von L-Gas auf H-Gas. L-Gas („Low calorific gas“ mit niedrigem Brennwert) stammt aus Quellen in Deutschland und Holland. Der Rückgang der L-Gas-Aufkommen macht den Wechsel auf H-Gas notwendig. L-Gas wird vorwiegend in Teilen von Hessen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Sachsen-Anhalt sowie in Bremen verbraucht. Der überwiegende Teil Deutschlands wird bereits seit mehreren Jahrzehnten zuverlässig mit H-Gas („High calorific gas“ mit höherem Methangehalt und folglich höherem Brennwert) aus Norwegen, Russland und Großbritannien versorgt. Die Gas-Umstellung der betroffenen Regionen auf H-Gas – die sogenannte Marktraum-Umstellung – soll schrittweise bis zum Jahr 2030 erfolgen.
Tipps zum Sparen
Eine um ein Grad geringere Raumtemperatur spart rund sechs Prozent Energie ein. Die optimale Wohlfühltemperatur in Wohnräumen liegt bei 20 Grad, in weniger genutzten Räumen reichen 15 Grad aus. Wird das Haus für längere Zeit verlassen, lohnt sich die Sternposition am Heizungsregler.
- Auch eine hohe Luftfeuchtigkeit (40 bis 50 Prozent) ist wichtig und kann durch Pflanzen erhöht werden.
- Möbel sollten nicht vor Heizkörpern stehen, da sonst bis zu 20 Prozent der Wärme verloren gehen.
- Die Heizkörper regelmäßig zu entlüften, ist ebenfalls wichtig.
- Und beim Durchlüften der Räume gilt: mehrmals Stoßlüften mit geöffnetem Fenster und kein langes Lüften auf Kippposition.
- Zudem sollten Elektrogeräte nicht auf Stand-by sein und Ladekabel immer von der Steckdose abgezogen werden, wenn kein Gerät geladen wird.
- Auch in der Küche kann gespart werden: Beim Kochen immer einen Deckel auf den Topf, auf ein Vorheizen des Backofens kann verzichtet werden und bei kleineren Mengen lohnt sich die Mikrowelle, weil sie energiesparender ist.