TWolf reißt 16 Tiere in Oederquart – Schäferin: „Ich wollte hinschmeißen“
Steffi und Marleen Lemke mit ihrem Flaschenschaf Rosalie.
Seit den Wolfsrissen überlegten Marleen und Steffi Lemke, ihre kleine Herde aufzugeben. Sie hatten die 45 Muttertiere fast verkauft. Doch ihre Kunden überredeten das Paar, weiterzumachen – und spendeten Geld zum Schutz der Herde.
Lange haben sich Marleen und Steffi Lemke aus Balje keine Sorgen wegen des Wolfs gemacht. Doch vor fünf Wochen wurden in Isensee zwei ihrer Schafe gerissen. Zwei Wochen später hörten sie von den 16 toten Schafen in Oederquart. Plötzlich war die Gefahr greifbar nah. „Ich wollte hinschmeißen“, sagt Marleen. Doch es kam anders.
Seit 2019 sind Marleen und Steffi Lemke - beide 31 Jahre alt - ein Paar. Sie und ihre vier Kinder leben mit Schafen, Hunden und Hühnern in Balje. Marleen arbeitet als landwirtschaftliche Angestellte bei ihrem Bruder. Steffi, eine gelernte Krankenschwester, kümmert sich um Haus und Kinder.
Mit zwölf Jahren kaufte Marleen ihre ersten Schafe
Marleen liebt Schafe. Im Alter von zwölf Jahren kaufte die gebürtige Baljerin von ihrem Taschengeld ihr erstes Mutterschaf mit zwei Lämmern. 100 Euro bezahlte sie dafür. „Das war viel Geld für eine Zwölfjährige“, gibt sie zu.
Seither hat sie Schafe, wollte ursprünglich Schäferin werden, machte eine Ausbildung zur staatlich geprüften Wirtschafterin mit Schwerpunkt Landwirtschaft und arbeitet auf dem elterlichen Hof, den inzwischen ihr Bruder führt.
Seit zwei Jahren vermarktet das Paar unter dem Namen „Weidefleisch für Mensch und Tier“ ihre Tiere und Rinder des Bruders. Dabei setzen sie auf Nachhaltigkeit: Schaf, Rind oder Huhn werden erst zum Schlachter gebracht, wenn alles vom Tier komplett vorbestellt ist. Der Vorteil: Es bleibt nichts übrig. Innereien und Knochen werden als Tierfutter verwertet, und die Kunden können exakt bestellen, was sie benötigen. In diesem Jahr haben Marleen und Steffi nach diesem Prinzip neun Rinder und 50 Schafe und Lämmer schlachten lassen.
Dabei berücksichtigen sie das Tierwohl: Der Weg zum Schlachter in Osten ist nicht weit. Und bei der medizinischen Versorgung der Tiere setzt das Paar auf Naturheilkunde aus der Nachbarschaft.
Ein Bio-Siegel wollen sie dennoch nicht. „Ich finde nicht alles gut, was von so einem Siegel gefordert wird“, sagt Marleen Lemke, „wir könnten mit unseren Schafen nicht mehr die Grünlandflächen meines Bruders, der konventionell wirtschaftet, nachweiden. Die müssten dann maschinell bearbeitet werden.“
Nach dem Wolfsriss vor fünf Wochen haben sich Marleen (links) und Steffi Lemke zwei fünf Monate alte Herdenschutzhunde, hier Dexter, gekauft.
Mit dem Angriff des Wolfes auf ihre Schafe in Isensee kam das Geschäftsmodell ins Wanken. „Wir können keine festen Zäune für unsere Schafe ziehen, weil wir auf ganz vielen Weiden unterwegs sind“, sagt Marleen. Das Paar dachte auch über Herdenschutzhunde nach, hatte eine Züchterin der als familientauglich geltenden Maremmano-Herdenschutzhunde gefunden. Doch 1100 Euro pro Hund überstieg ihre finanziellen Möglichkeiten.
Schafe waren schon fast verkauft
Der Entschluss stand: „Auf Social Media verkündeten wir, dass wir aufhören“, erzählt Steffi. Doch hatten sie nicht mit der Reaktion ihrer Kunden gerechnet. „Wir bekamen so viel Feedback, sogar aus Schweden und den Niederlanden, und wir bekamen Bestellungen en masse, weil alle noch was von unserem Fleisch bekommen wollten“, so Steffi. Da hatte Marleen ihre hochtragenden Schafe bereits ins Internet gestellt und sofort einen Käufer gefunden.
Kunden unterstützen mit Spenden
„Ich war todunglücklich und wachte nachts weinend auf“, erzählt Marleen. „Es sollte ja jetzt mit dem Lammen losgehen. Da freuten wir uns das ganze Jahr schon darauf“, so Steffi. Sie ruderten zurück und riefen die Züchterin an, die tatsächlich zwei fünf Monate alte - aber immerhin schon 30 Kilo schwere - Welpen hatte. Parallel startete das Paar einen Spendenaufruf. 835 Euro waren bis Ende vergangener Woche eingegangen.
Inzwischen sind die Hunde Dexter und Jack in Baljerdorf eingezogen und werden langsam an die Herde gewöhnt, indem Marleen und Steffi mit ihnen täglich über die Weide mit den Schafen laufen. Nach der Lammzeit sollen sie mit in die Herde und dafür sorgen, dass das Paar keinen Gedanken mehr an den Wolf verlieren muss.
Steffi und Marleen Lemke mit ihrem Flaschenschaf Rosalie.