TAuf sie wartet am frühen Morgen der Todesstern
Die BSV-Talente Solveig Dmoch (links) und Leonie Schumacher haben sich schnell an das frühe Training gewöhnt. Fotos: Scholz
Wer Bundesliga-Handballerin werden will, braucht Ehrgeiz, Disziplin und einen Wecker. Die Talente des Buxtehuder SV treffen sich bereits um sechs Uhr morgens zum Krafttraining. Die Spielerinnen sind daran gewöhnt, optimal aber ist diese Situation nicht.
Solveig Dmoch wirkt entspannt. Hier, im ersten Stockwerk des Fitnessstudios, sitzt sie zurückgelehnt auf dem Sattel eines Ergometers, die Ärmel des blauen Trainingsshirts hochgezogen, in der Lage, sich durch zwei Plexiglasscheiben mit einer Mitspielerin zu unterhalten. Dmoch umschließt die Haltegriffe mit den Händen, tritt die Pedale mit den Füßen. Neun Minuten lang, der Puls liegt bei 140. Sie fängt an zu schwitzen.
Dmoch nimmt einen Schluck aus der Wasserflasche, steigt hinauf in den dritten Stock. „Power Area“ steht auf dem Treppenabsatz. Ein Raum im Industriedesign, zu einer Seite verspiegelt, zu den anderen Seiten verglast, mit Blick über das Buxtehuder Industriegebiet. Dmoch legt sich mit dem Rücken auf eine Hantelbank, greift die Stange über ihrem Kopf, führt sie vorsichtig zur Brust und drückt sie hoch. Immer und immer wieder.
Jede Spielerin trägt beim Training einen Fitnessgurt .
Viel Aufwand für die Jugendspielerinnen
Solveig Dmoch, 19, ist eines der vier Handball-Talente, die an diesem Montagmorgen in den Sommerferien zum Krafttraining im Fitnessstudio „Clever fit“ zum Krafttraining erschienen sind. Sie spielen für den BSV in der A-Jugend-Bundesliga, der höchsten deutschen Jugendspielklasse, und/oder mit der zweiten Mannschaft in der dritten Liga – und nehmen dafür einen großen Aufwand in Kauf. Sie stehen für das Krafttraining früh auf, absolvieren am Abend eine weitere Einheit mit der Mannschaft, dazwischen sitzen viele von ihnen im Schulunterricht.
„Alle Spielerinnen haben eine hohe Eigenmotivation“, sagt Trainer Adrian Fuladdjusch. Dmoch, die nach ihrem Abitur ein Freiwilliges Soziales Jahr in der Geschäftsstelle der Handball-Abteilung absolviert, hat kein Problem mit der frühen Trainingseinheit, „man gewöhnt sich schnell daran“. Und außerdem könne sie dann am Abend noch Vollgas geben. 37,5 Kilogramm wiegt die Hantel, die Dmoch nach oben drückt; dieses Gewicht findet sich im speziell auf sie zugeschnittenen Trainingsplan wieder. Leonie Schumacher steht neben der Hantelbank und pusht ihre Mitspielerin: „Maschine! Komm, noch einen!“ Dmoch presst die Lippen zusammen, sie schafft jeweils zehn Wiederholungen in den vier Durchgängen. Nun ist Schumacher dran.
Die BSV-Trainer Natascha Kotenko und Adrian Fuladdjusch.
Der BSV ist ein Ausbildungsverein, eine der Top-Adressen im Mädchenhandball. Die Nachwuchsteams haben bereits mehrere deutsche Meisterschaften gewonnen, immer wieder schaffen BSV-Spielerinnen den Sprung in die erste und zweite Liga. Und das hat sich herumgesprochen, die Talente kommen inzwischen aus dem ganzen Land. Dmoch selbst durfte in der vergangenen Saison bereits im Tor der Bundesliga-Mannschaft aushelfen. „Hier würde keine Spielerin auf diesem Niveau trainieren, wenn die erste Mannschaft in der vierten Liga spielt“, sagt Fuladdjusch.
Sieben Mal Training in der Woche
Damit die Spielerinnen bestmöglich auf den hochklassigen Frauenhandball vorbereitet werden, trainieren sie sieben Mal in der Woche, davon zwei Mal morgens im Fitnessstudio. Fuladdjusch hat jeder Spielerin einen Trainingsplan erstellt, mit individuellen Anforderungen und Zielen. Mit Hilfe von Übungen wie dem Bankdrücken, Kreuzheben oder Kniebeugen trainieren die Handballerinnen in dieser frühen Phase der Saison die Maximal- und Schnellkraft.
Fuladdjusch und Trainerkollegin Natascha Kotenko korrigieren die Körperhaltung der Spielerinnen bei der Krafteinheit, achten darauf, dass sie Pausen einhalten. Unter dem Shirt trägt jede Handballerin einen Gurt, der beispielsweise die Herzfrequenz, Belastungsdauer oder Laufgeschwindigkeit misst. Fuladdjusch kann die Werte über das I-Pad abrufen und selbst dann überprüfen, wenn sich die Talente mit Läufen im Urlaub fithalten sollen. „Es geht nicht um Überwachung“, sagt er, „wir können so besser sehen, ob die Belastung stimmt.“
Lykka Lipka hebt 40 Kilogramm mit der Langhantel.
Die Talente sind davon überzeugt, dass dieser Trainingsaufwand sie ans Ziel führen kann. „Man sieht hier in Buxtehude, was rauskommen kann, wenn man dranbleibt“, sagt Lykka Lipka. In der Regel absolviert die 17-Jährige an der Sportschule in Hamburg ein Training am Morgen und kommt dann am Abend für das Mannschaftstraining nach Buxtehude. „Das ist anstrengend, aber ich kann Sport und Schule gut miteinander vereinbaren“, sagt Lipka. Jetzt, in den Sommerferien, absolviert sie das Krafttraining in Buxtehude.
Zeitpunlt für das Training nicht ideal
Lipka steht mit ihren weißen Sportschuhen schulterbreit auf einem Streifen Kunstrasen in der Mitte des Raumes und hebt die 40 Kilogramm schwere Langhantel vom Boden an. Die Arme sind nach unten ausgestreckt, der Oberkörper nach vorne gebeugt. Die Hantel wird nah am Körper hochgezogen, der Rücken bleibt gerade. Lipka schaut während der Übung fokussiert in den Spiegel.
So ein Krafttraining anzubieten, ist inzwischen normal in den führenden Nachwuchsvereinen. „Allerdings hinken wir in der Belastungssteuerung hinterher“, sagt Bundesliga-Trainer Dirk Leun. Der Zeitpunkt des Trainings sei wegen der geringeren Leistungsfähigkeit am Morgen nicht ideal. Es sei vielmehr ein Kompromiss, so Leun. Sollte das Gymnasium Süd mal eine „Partnerschule des Leistungssports“ werden, wie vom BSV forciert, könnte sich die Situation für die Talente möglicherweise verbessern.
Solveig Dmoch trainiert mit der „Seestern“-Übung die Bauchmuskeln.
Die Handballerinnen sind bei der letzten Aufgabe ihres Trainingsplans angelangt. Solveig Dmoch liegt auf einer roten Matte, abwechselnd greift sie mit der rechten Hand zum linken Fuß, mit der linken Hand zum rechten Fuß, ohne abzusetzen. Das trainiert die Bauchmuskulatur. Phasen der Belastung und Pausen wechseln sich zwei Minuten lang ab. „Hut ab“, sagt Trainerin Kotenko, „das muss man erst mal aushalten. Ich bin begeistert.“ Dmoch erklärt, dass diese Übung Seestern genannt wird, die Spielerinnen nennen sie Todesstern.
Serie: Die 24-Stunden-Reportage
Für die Serie „24 Stunden: Reportagen rund um die Uhr“ verbringen TAGEBLATT-Redakteure je eine Stunde an einem Ort in der Region. Start und Ende der Serie ist um 0 Uhr, was 24 Stunden und damit 24 Serienteile ergibt. Und das sind die geplanten Folgen in diesem Sommer:
Teil 1: Andruck beim TAGEBLATT
Teil 2: In der Rettungsleitstelle
Teil 4: In der Intensivstation
Teil 7: Krafttraining beim BSV
Teil 8: Packen des Verkaufswagens
Teil 9: Der Spül- und Saugwagen
Teil 10: Rattenfänger bei der Arbeit
Teil 11: 1000 Essen in der Küche
Teil 12: Im Oste-Sperrwerk
Teil 13: Beim Mittagstisch
Teil 14: Auf der Greundiek
Teil 15: Bei der Wasserschutzpolizei
Teil 16: Beim Minigolf
Teil 17: Die DJ’s von der Elbe
Teil 18: Im SUP-Club Stade
Teil 19: Beim Strandwächter
Teil 20: Ausbildung zum Jagdhund
Teil 21: Am Lühe-Anleger
Teil 22: Katzen fangen
Teil 23: Kneipen-Kehraus
Teil 24: Der letzte Zug