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24-Stunden-Reportage

TEr hat immer ein paar Tausend Liter Milch im Tank

Der Tankwagen blitzt und blinkt: Sauberkeit und Hygiene gehören zu seinem Job. Seit fast 36 Jahren fährt Jens Horeis den Milchsammelwagen für die kleine Molkerei Hasenfleet. Fotos: Klempow

Der Tankwagen blitzt und blinkt: Sauberkeit und Hygiene gehören zu seinem Job. Seit fast 36 Jahren fährt Jens Horeis den Milchsammelwagen für die kleine Molkerei Hasenfleet. Fotos: Klempow

Am Himmel mischen sich Nachtblau und graues Dämmerlicht. Plötzlich springt ein Dieselmotor an. Es ist fünf Uhr. Jens Horeis ist startklar. Alles ist an Bord, was er für seine Tour braucht. Die Fläschchen für die Proben zum Beispiel. Los geht’s zum Wetterndeich.

Von Grit Klempow Samstag, 07.08.2021, 19:30 Uhr

Im Verlauf der schmalen Landstraße passiert der Tankwagen der Molkerei Hasenfleet die Landkreisgrenze. Horeis kennt die Strecke in- und auswendig. Seit 1987 fährt er schon für die Molkerei. „Dass das so lange wird, hätte ich auch nicht gedacht“, sagt der gelernte Pferdewirt und grinst. Drei Höfe fährt er in dieser Stunde an. Er ist sowieso Frühaufsteher.

Nur drei Höfe? Das war mal anders. 300 Liter Milch lieferten die einen, andere 2000 Liter. Das waren damals die Großen. Jetzt sind das kleine Betriebe. Heute gibt es Höfe, die täglich 25 000 Liter produzieren. Jens Horeis ist selbst auf einem Bauernhof aufgewachsen, den später sein Bruder übernommen hat. „Landwirt ist wie Gastwirt, sag ich immer. Da muss man reingeboren werden, da gehört viel Idealismus dazu. Einfach ist es nicht. Ganz bestimmt nicht.“

Horeis hat es nicht weit zur Arbeit, er wohnt in Osten-Isensee. Er mag seinen Job sichtlich. „Als ich so anfing, war man als Milchfahrer so bisschen die Tageszeitung für den Landwirt. Hat Neues von einem zum anderen getragen.“ Jens Horeis grinst. „Ich bin ja auch einer, der gerne rumsabbelt.“ Mundfaul oder muffelig geht nicht in diesem Job. „Man ist ja auch eine Service-Person.“

Qualitätsprobleme können zu Lieferstopps führen

Entlang der Krummendeicher Wettern führt der schmale Wetterndeich auf die Oste zu. Von Horeis’ guter Laune bekommt auf dem ersten Hof keiner etwas zu spüren. Alles ist still. Der Milchfahrer kennt sich aus, streift seine Handschuhe über und schließt den blauen Schlauch des Tankwagens an den Hoftank an. Als die Milch abgepumpt ist, beginnt automatisch die Tankreinigung. Der ist dann wieder sauber für die nächste Ladung Milch nach dem Melken. Hygiene und Sauberkeit sind die Grundlage. Gibt es Betriebe, die Probleme mit der Milch haben, wo die Proben nicht stimmen, der Zellzahlwert als Anzeiger für die Eutergesundheit zu hoch ist, oder es permanent Keime gibt, dann kann es durchaus einen Lieferstopp an die Molkerei geben, bis im Betrieb die Qualität wieder stimmt.

„Wir nehmen jeden Tag Proben“, betont Horeis. Das Fläschchen wird in eine Vorrichtung eingespannt. Tropfen für Tropfen wird abgefüllt. Die Geschwindigkeit ist variabel und hängt davon ab, wie viel Milch in den Tank gepumpt wird. Das Verhältnis von Menge und Probenflüssigkeit muss stimmen. Für jeden Hof gibt es einzelne Fläschchen und später eine aus der gesammelten Milchladung.

Hier dürfen die Kühe auch nachts auf die Weide

Auf dem Hof der Wienbargs ist kurz nach halb sechs richtig Betrieb. Vor dem Melkstand hat sich eine geordnete Schlange gebildet. Die Kühe warten gelassen auf Eintritt. Einige sind Fleckvieh-Einkreuzungen. „Wir hätten damals auch die Schwarzbunt-Zucht anfangen können“, erzählt Heike Wienbarg. „Weil wir aber auch Bullen mästen und diese gerne leiden mögen, haben wir gesagt, wir gehen auf diese Farbe.“ Zufrieden sehen die braun-weißen Kühe aus. Und rund. Das kommt nicht von ungefähr. „Hier kommen die Kühe noch raus, tagsüber und nachts“, erzählt Christian Wienbarg. Die Bewegung tut der Herde gut, die Kühe fühlen sich sichtlich wohl.

Kleiner Klönschnack mit guter Laune morgens um 5.30 Uhr: Familie Wienbarg ist gerade beim Melken, als Jens Horeis eintrifft.

Kleiner Klönschnack mit guter Laune morgens um 5.30 Uhr: Familie Wienbarg ist gerade beim Melken, als Jens Horeis eintrifft.

Wienbarg macht sich auf den Weg, die Kühe zu holen, die in der Nacht lieber draußen auf der Weide waren und noch nicht gemolken wurden. Im Melkstand arbeiten Heike und Eebke Wienbarg Hand in Hand. Seit zehn vor fünf, sagt Eebke Wienbarg. Die viele Arbeit wuppen sie gemeinsam. „Ich bin Altenteilerin, mein Mann darf ein bisschen länger schlafen“, erzählt Heike Wienbarg. „Der hat dann andere Aufgaben und muss auf die Enkelkinder aufpassen, wenn die wach werden.“ Sie grinst. 30 Kühe sind durch mit dem Melken. Viel Zeit für einen Klönschnack bleibt nicht. Ruckzuck ist der Hoftank leer gepumpt. Horeis schraubt das Ventil des Schlauchs ab, hängt ihn wieder ordentlich in das Seitenfach, greift zum Wassereimer und wischt ihn von außen ab. „Das muss hier sauber und ordentlich sein“, sagt Horeis. Als er vom Hof schaukelt, ist richtig Bewegung im Laster. Aber der ist erst drei Jahre alt und gut gepolstert. Gleich neben dem Fahrersitz ist als Sonderausstattung ein kleiner Kühlschrank eingebaut, in dem die Proben gut aufgehoben sind.

700 Liter pro Minute

Der Sonnenaufgang hat sich hinter der dichten Wolkendecke versteckt. Die Wiesen ziehen sich rechter Hand bis zur Oste. Zurück geht es auf dem schmalen Wetterndeich. Wenn sich hier zwei Fahrzeuge begegnen, ist nicht viel Platz. Einmal, erzählt Horeis, stand er hier einem Polo gegenüber. Die Fahrerin traute sich nicht, zurückzusetzen. „Ich hab das dann für sie gemacht“, sagt Horeis. Er sieht das locker und gehört zu den verwurzelten Menschen, die über höchstens zwei Ecken irgendwie jeden kennen. Zumindest, wenn es um die Menschen zwischen Oste und Elbe geht.

Auf dem Nachbarhof ist alles ruhig. Der 3000-Liter-Tank ist voll, auch der zweite Tank muss geleert werden. An der Stalltür hängt ein verschrammtes Metallschild „Ausgezeichnet für hervorragende Milch-Erzeugung 1978“. Daneben die angenagelten Schuhe vom Polterabend. Ein stilles Bild vom Dorfleben. Knapp fünf Minuten dauert es, bis die Milch aus dem Hoftank im Molkereitank ist. Rund 700 Liter fließen pro Minute durch den Schlauch.

Mit großem Laster auf kleinen Straßen Wege sparen

Die Touren müssen gut geplant sein. Kleine und große Höfe, wie passt die Milchmenge optimal in die Tanks? Wie können zusätzliche Wege gespart werden? „Das versucht man natürlich zu vermeiden, noch mal extra fahren zu müssen, mit so einem großen Laster auf den kleinen Straßen.“ Aus Horeis’ Worten spricht die Verbundenheit der kleinen Molkerei in Oberndorf mit der Region. Horeis selbst ist Ratsmitglied in Osten und weiß, was die Instandhaltung von Straßen und Wegen kostet.

Laut piept es vom Display am Tankwagen. „Voll, dann macht er sofort Stopp“, sagt Horeis. Der Tank ist unterteilt. Die erste und die letzte Kammer fassen 7000 Liter, in der Mitte gibt es noch eine Reserve von 2000 Liter.

Er hat immer ein paar Tausend Liter Milch im Tank

Zu früh darf er nicht kommen

Fünf Fahrer beschäftigt die Molkerei, zu den zwei Milchsammelwagen kommen die Lieferfahrten, damit die regionalen Milchprodukte der Molkerei in Supermärkte oder in die Verkaufswagen und zu den Kunden kommen: Fassbutter, Quarkspeisen, Schlagsahne oder Joghurt. Horeis ist der Einzige, der nur den Tankwagen fährt. Er biegt jetzt rechts wieder auf den Hof der Molkerei ein. Es ist kurz nach sechs Uhr. Der Fahrer klettert vom Wagen und fragt bei seinen Kollegen in der Produktion nach. Wird noch Milch gebraucht? So ist es. Milch vom Wetterndeich fließt jetzt in den Molkereitank.

Horeis wird gleich den Anhänger ankuppeln. Der Fahrer schaut auf die Uhr. Er weiß, auf dem Hüll wird jetzt gemolken, zu früh darf er nicht ankommen, damit die Hoftanks voll sind. Eine kleine Kaffeepause kann er einlegen. „Danach fahre ich mit 25.000 Litern nach Zeven.“ Von dort zurück, geht es ins Moor. Höfe in Asseler- oder Bützflethermoor stehen auf dem Tourenplan. Auch diese Milch wird er heute nach Zeven fahren und abliefern. Nach der zweiten Lieferung wird dort auch der Tank des Wagens gereinigt. Damit er in zwei Tagen früh morgens wieder die Milch vom Wetterndeich holen kann.

Er hat immer ein paar Tausend Liter Milch im Tank

Die 24-Stunden-Reportage

Für die Serie „24 Stunden: Reportagen rund um die Uhr“ verbringen TAGEBLATT-Redakteure je eine Stunde an einem Ort in der Region. Start und Ende der Serie ist um 0 Uhr, was 24 Stunden und damit 24 Serienteile ergibt. Und das sind die geplanten Folgen in diesem Sommer:

  • Teil 1: Andruck beim TAGEBLATT
  • Teil 2: In der Rettungsleitstelle
  • Teil 3: Auf Stadersand
  • Teil 4: Auf der Intensivstation
  • Teil 5: Beim Brötchen-Imbiss
  • Teil 6: Im Molkerei-Tankwagen
  • Teil 7: Krafttraining beim BSV
  • Teil 8: Packen des Verkaufswagens
  • Teil 9: Der Spül- und Saugwagen
  • Teil 10: Rattenfänger bei der Arbeit
  • Teil 11: 1000 Essen in der Küche
  • Teil 12: Im Oste-Sperrwerk
  • Teil 13: Beim Mittagstisch
  • Teil 14: Auf der Greundiek
  • Teil 15: Bei der Wasserschutzpolizei
  • Teil 16: Beim Minigolf
  • Teil 17: Die DJs von der Elbe
  • Teil 18: Im SUP-Club Stade
  • Teil 19: Beim Strandwächter
  • Teil 20: Ausbildung zum Jagdhund
  • Teil 21: Am Lühe-Anleger
  • Teil 22: Katzen fangen
  • Teil 23: Kneipen-Kehraus
  • Teil 24: Der letzte Zug

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