Zähl Pixel
Gleichstellungsbeauftragte

Abschied von Karina Holst: Sie kämpfte meistens lächelnd

Karina Holst hat in Stade für Frauen vieles bewegt . Foto: Helfferich

Karina Holst hat in Stade für Frauen vieles bewegt . Foto: Helfferich

Nach 30 Jahren geht Karina Holst, Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Stade, in Ruhestand. Und sie sagt: Die Stelle ist wichtiger denn je. Sie kam aus der Wirtschaft und bewegte mit ihrem Aktionismus ganz Stade. Ihre Nachfolgerin steht schon fest.

Von Susanne Helfferich Freitag, 01.04.2022, 08:00 Uhr

Wenn Karina Holst heute ihren Kalender aufschlägt, strahlt eine von ihr skizzierte Sonne sie an. Ein Werktag ohne Termin. 30 Jahre lang gab es solche Tage meist nur im Urlaub. Böse Zungen lästerten über ihren Aktionismus. Die Frauen der Stadt – und auch im Landkreis – schätzten ihren Tatendrang und die dadurch gewonnenen Errungenschaften, wie Frauen- und Mütterzentrum, das landkreisweite Frauennetzwerk, niedersächsische Modellprojekte wie „Du bist wichtig“ oder „Existenzsicherung von Frauen“. Seit heute ist die erste Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Stade im Ruhestand.

Karina Holst war Gymnasiallehrerin

Als die Gymnasiallehrerin für Französisch und Sport vor 30 Jahren im Rathaus ihren neuen Job antrat, erklärte der damalige Stadtdirektor Jürgen Schneider während der ersten Dezernentenrunde: Wenn Karina Holst erfolgreich arbeite, mache sie die Gleichstellungsstelle der Stadt bald überflüssig. „Diese Stelle ist notwendiger denn je“, sagt die 63-Jährige an ihrem letzten Arbeitstag, „aber wir haben andere Probleme.“

Die gesetzliche Lage habe sich zwar deutlich verbessert. Aber es gebe nach wie vor Gewalt gegen Frauen – jeden dritten Tag wird in Deutschland eine Frau ermordet; Rollen und Klischees, die längst überwunden schienen, aber über die digitale Welt schon Kindern vermittelt werden; und ein Rückgang von Frauen in Führungspositionen, gerade im öffentlichen Dienst. Da muss sie nur ins eigene Rathaus schauen, hier gibt im Verwaltungsvorstand und auf der Fachbereichsebene nur eine Frau.

„Frauen erfahren noch immer tägliche Ungleichbehandlung, die sie davon abhält, ihr volles Potenzial zu entwickeln“, sagt Karina Holst. 30 Jahre hat sie dagegen gekämpft. Meistens lächelnd. Die Gleichstellungsbeauftragte, die zuvor bei der Handwerkskammer für Öffentlichkeitsarbeit und die Arbeitskreise Unternehmerfrauen im Handwerk zuständig war, verlor ihre Ziele nie aus den Augen.

 

Per Anhalter über die Elbe zum Konzert

Sie gilt als hartnäckig, pragmatisch und setzt sich durch. Ein Beispiel: Als sie mal mit einer Delegation aus Lakewood in Blankenese festsaß und noch rechtzeitig zum Konzert in Stade zurück sein wollte, hielt sie kurzerhand ein Sportboot auf der Elbe an, ließ die Delegation übersetzen und brachte sie per Anhalter just in time nach Stade.

Was sie an Förderungen und Projekten in den 30 Jahren angestoßen hat, füllt reihenweise Aktenordner. Das Mentoring-Projekt „Frauen in die Politik“, eine Koordinierungsstelle für Frauen und Wirtschaft bei der Handwerkskammer, den Gute-Aussichten-Treff, woraus Jahre später die Idee für ein Existenzgründungszentrum entstand oder das Modellprojekt „Step by step“, um Frauen in Führungspositionen zu holen. Sie sorgte mit dafür, dass es im Alten Schlachthof eine Mädchenpädagogin gab, sie bot Wendo-Kurse für Mädchen an und organisierte 1997 den ersten Mädchentag.

Karina Holst kam nicht aus dem Feminismus, sondern aus der Wirtschaft. „Ich habe schon immer strukturell und strategisch gearbeitet. Es war mir wichtig, dass Frauen nicht defizitär gesehen werden. Es gibt strukturelle Diskriminierung, die wir gemeinsam mit den Männern überwinden müssen.“

Immer mehr Männer setzten familiäre Prioritäten

Wie emanzipiert ist Stade nach den 30 Jahren? „Es gibt Lichtblicke“, sagt Karina Holst mit Blick in die eigene Verwaltung. Es gebe immer mehr junge männliche Kollegen, die Prioritäten auch bei der Familie setzen. Hinzu kommt der Fachkräftemangel, der den gut ausgebildeten Frauen neue Chancen bietet. Und es gibt einen Gleichstellungsplan der Stadt, der verfolgt werde.

Darum wird sich ab heute ihre Nachfolgerin kümmern. Jacqueline Jugl ist die neue Gleichstellungsbeauftragte. Die 45-jährige Geografin ist Mutter einer vierjährigen Tochter und übernimmt die Aufgabe mit einer 19-Stunden-Stelle, Christine Boge bleibt mit einer halben Stelle Stellvertreterin, wie bisher bei Karina Holst. Die Bereiche Städtepartnerschaften und Europa, die Karina Holst auch innehatte, übernimmt Christoph Grünberg, Andrew Hanke kümmert sich um die Fördermittelakquise.

Weitere Themen

Die Redaktion empfiehlt
Weitere Artikel