24-Stunden-Reportage: Toller Blick und dunkle Brühe
Da kommt der Seefahrer in ihm hoch: Hauptkommissar Ralf Delventhal auf der Brücke der „Patricia V“ im Stader Seehafen. Fotos Beneke
Ihr Revier sind die Nebenflüsse der Elbe und ihre Häfen: die Beamten der Stader Wasserschutzpolizei. Regelmäßig sind sie im Seehafen in Bützflethersand anzutreffen. Das TAGEBLATT hat sie bei der Kontrolle eines Massengutfrachters begleitet.
„Unsere Station hat den schönsten Ausblick“, sagt der Leiter der Stader Wasserschutzpolizei, Ralf Delventhal. Wenn abends zum Sonnenuntergang die Kreuzfahrtschiffe auf der Elbe gen Nordsee fahren, ergeben sich malerische Bilder. Der Hauptkommissar arbeitet nach Stationen beim Bundesgrenzschutz und in Hamburger Wachen seit 1993 in Stadersand.
Heute Morgen besuchen Ralf Delventhal und Torben Kubik einen Frachter im Stader Seehafen, der das rötliche Erz Bauxit als Rohstoff für die Aluminiumproduktion bei AOS anliefert. Mit dem Pick-up fahren sie von der Station in Stadersand zum Seehafen nach Bützflethersand. Bei Streifengängen und Kontrollen tragen auch die Wasserschutzpolizisten ihre Pistole immer bei sich. Die Zufahrt zu den Anlegern ist abgeriegelt – eine Folge der verschärften Sicherheitsbestimmungen nach den Terroranschlägen in New York von 2001. Für den Polizeiwagen öffnet sich die Schranke. Roter Staub hat sich über das gesamte Areal gelegt. Die Beamten parken direkt am Terminal. Über einen wackeligen Steg gehen sie an Bord der „Patricia V“, die unter liberischer Flagge fährt. Freundliche philippinische Besatzungsmitglieder in gelben Overalls verteilen Besucherausweise und zeigen ihnen den Weg ins Büro des Kapitäns.
Kommissar Torben Kubik überprüft die Aufzeichnungen der Besatzung des Bulkerschiffes „Patricia V“ im Stader Seehafen.
Die Kontrolle beginnt mit Smalltalk auf einem Sofa im Nebenraum. Ein Philippiner reicht Kaffee und Cola. Die Verständigung läuft auf Englisch. Torben Kubik lässt sich an die 20 Dokumente zeigen: Prüfbescheinigungen und Protokolle, die Aufschluss über den Inhalt der verschiedenen Tanks an Bord geben. Was mit Schweröl, Diesel, Abwasser und Müll passiert, muss lückenlos dokumentiert werden. Die Entsorgung ist streng geregelt, die internationale Verordnung trägt den Namen Marpol 73/78. Auch Dutzende Sicherheitsvorschriften müssen beachtet werden. „Wir können häufig nur kontrollieren, ob ein Zeugnis da ist – nicht, ob der Inhalt stimmt“, sagt der Kommissar. „Ich kann Dokumente überprüfen, aber ich bin kein Maschinist.“ Auf den ersten Blick scheint alles in Ordnung zu sein, die Bücher sind akkurat geführt. Die Polizisten nehmen Kopien zu ihren Akten. Aber Torben Kubik und Ralf Delventhal wollen es genau wissen. Durch endlos wirkende Gänge und über unzählige Treppen gehen sie unter Deck. Im Maschinenraum prüfen sie den Füllstand in einem Tank für Öl- und Kondenswasser.
Die Ermittler werden stutzig. Das Messergebnis, mit einem Zentimetermaß in einem speziellen Kontrollrohr festgestellt, stimmt nicht mit den Aufzeichnungen überein. Bei einer Kontrolle über einen anderen Zugang zum Tank zeigen sich abermals andere Werte. Mehrere Hundert Liter sind verschwunden. „Das ist sehr merkwürdig“, sagt Torben Kubik. Der Kommissar nutzt die Gelegenheit und lässt sich eine Probe aus dem Abwassertank geben. Normalerweise müsste das Wasser fast klar sein. Chlor- oder UV-Filter sollen es reinigen. Die Schiffe entleeren den Tank ganz legal auf hoher See. Doch an Bord der „Patricia V“ ist die Kläranlage offenbar außer Betrieb. Eine dunkelgraue, übel riechende Brühe tritt zutage. „Das darf nicht sein“, sagt Torben Kubik.
Zurück im Büro erklären die Polizisten dem Kapitän und seiner Mannschaft die Probleme. Bei eingehender Kontrolle weiterer Protokollhefte finden sie zudem lückenhafte Aufzeichnungen. Die Überführten flüchten sich in Ausreden. Damit geben sich die Beamten nicht zufrieden, telefonieren mit den Kollegen des Bundesamtes für Seeschifffahrt und Hydrographie. Die Mitarbeiter der Hamburger Behörde setzen die Bußgelder fest. Bei den festgestellten Verstößen handelt es sich um Ordnungswidrigkeiten, die mit mehreren Hundert Euro geahndet werden. Wegen der defekten Kläranlage wird außerdem die Berufsgenossenschaft Verkehr eingeschaltet. Ralf Delventhal und Torben Kubik bleiben ruhig, verteilen Handzettel und geben Tipps zum richtigen Ausfüllen der Unterlagen.
Sie sammeln Kopien der Ausweise der Führung an Bord ein und verlassen das Schiff, das für drei Tage im Seehafen festgemacht hat. Morgen werden sie wiederkommen und das Bußgeld kassieren.
Ein besonderer Arbeitsplatz: Die Wasserschutzpolizisten Torben Kubik und Ralf Delventhal bei einer Kontrolle im Maschinenraum des Massengutfrachters „Patricia V“.
Ralf Delventhal stammt aus dem Alten Land, hat die Sturmflut 1962 als kleiner Junge auf dem Boden des Fährhauses Kirschenland erlebt. Sein Vater fuhr zur See. Vom Schreibtisch aus hat er jetzt Schwinge und Elbe im Blick. In dem markanten, hellen Gebäude aus dem 19. Jahrhundert am Anleger in Stadersand war einst das Königliche Zollamt untergebracht. Weil Umkleiden und Büros fehlen, soll die Wache um eine ebenfalls zum Haus gehörende, leerstehende Wohnung erweitert werden.
Aktuell verrichten dort acht Beamte ihren Dienst: wochentags von 7 bis 22 Uhr, am Wochenende zu wechselnden Zeiten. Sie sind zuständig für das gesamte Elbe-Weser-Dreieck, also alle Nebenflüsse der Elbe zwischen Hamburg und Cuxhaven, den Elbe-Weser-Schifffahrtsweg von Otterndorf bis Bremerhaven und sämtliche Häfen, Anleger und Liegestellen am niedersächsischen Ufer. Die Stader Ermittler kontrollieren vor allem die Schiffe im Seehafen, für das Hauptfahrwasser ist die Hamburger Wasserschutzpolizei zuständig. Unterstellt sind die Wasserschutzpolizisten der Polizeidirektion in Oldenburg. Stationen gibt es in Emden, Wilhelmshaven, Brake und Stade. Vor ein paar Jahren hat die Landesregierung fünf weitere Standorte geschlossen und Personal abgebaut.
„Wir suchen uns unsere Tätigkeiten selbst“, erklärt Kommissar Torben Kubik. Nur hin und wieder verirren sich Touristen in die Station oder Lkw-Fahrer, die sich im nahen Industriegebiet nicht auskennen. Er hat sieben Jahre im Einsatz- und Streifendienst bei der Stader Polizeiinspektion gearbeitet, ehe er zur Wasserschutzpolizei wechselte. Zusätzlich zur regulären Polizeiausbildung ließ er sich an der Wasserschutzpolizeischule in Hamburg fortbilden, weitere technische Lehrgänge und Seminare zu Umweltgefahren folgten. „Ich möchte hier nicht mehr weg“, sagt er.
Sie wollen es genau wissen: Kommissar Torben Kubik und Hauptkommissar Ralf Delventhal überprüft die Füllstände der Tanks und den Zustand der Kläranlage an Bord des Bulkerschiffes.
Der Job ist abwechslungsreich, spielt sich an Land, auf dem Wasser und manchmal auch in luftigen Höhen ab. Alle zwei Monate fliegen Torben Kubik und seine Kollegen in einem Helikopter über die Region und kontrollieren den Zustand der Gewässer. Das Klima in den Häfen und auf dem Wasser sei ein anderes als an Land. Egal, ob die Beamten im Pick-up, auf dem Schlauchboot oder mit dem großen Einsatzboot unterwegs sind: „Wo immer wir ankommen, grüßen uns die Menschen.“ Ein aggressives Auftreten seines Gegenübers hat er bei Kontrollen bislang nicht erlebt. Unfälle in den Häfen und Flüssen seien, anders als im Straßenverkehr, selten.
Für die Serie „24 Stunden: Reportagen rund um die Uhr“ verbringen TAGEBLATT-Redakteure je eine Stunde an einem Ort in der Region. Start und Ende der Serie ist 0 Uhr, was 24 Stunden und damit 24 Serienteile ergibt. Und das sind die Folgen:
- Teil 1: In der Verpackungsindustrie
- Teil 2: Im Altenheim
- Teil 3: Im Musikladen Heinbockel
- Teil 4: Im Elbe Klinikum
- Teil 5: Mit dem Bevern-Bus on Tour
- Teil 6: Auf dem Wochenmarkt
- Teil 7: Im Tower bei Airbus
- Teil 8: Der Hausmeister
- Teil 9: Die Wasserschutzpolizei
- Teil 10: Bei Stackmann
- Teil 11: Auf der Baustelle
- Teil 12: Der Parkplatzwächter
- Teil 13: Am Bratwurststand
- Teil 14: Der Tierpfleger
- Teil 15: In der Demenz-WG
- Teil 16: Am Strand
- Teil 17: Bei der Orgelführung
- Teil 18: Der Streetworker
- Teil 19: Bei der Ernte
- Teil 20: Beim Party-Service
- Teil 21: Im Freibad
- Teil 22: Beim Kampfsport
- Teil 23: Im Einzelhandel
- Teil 24: In der Kneipe