Bestseller-Autorin Carmen Korn: „Die Sechzigerjahre sind sehr präsent“
Schriftstellerin Carmen Korn kann sich nicht vorstellen, einen festgelegten Abgabetermin für ein Buch nicht einzuhalten. Foto: Schreiber
Da, wo auch viele ihrer Familiengeschichten mit angesiedelt sind, trifft TAGEBLATT-Mitarbeiter Manfred Ertel die Schriftstellerin Carmen Korn zum Gespräch. Im Arbeitszimmer ihrer Wohnung auf der Uhlenhorst in Hamburg.
TAGEBLATT: Was war eigentlich Ihr erster Gedanke, als Bundeskanzler Olaf Scholz die Zeitenwende ausrief?
Carmen Korn: Das hat mich vor allem sehr erschreckt, denn ich hatte eigentlich in der großen Illusion gelebt, spätestens seit 1989 und der Wiedervereinigung, dass wir in friedlichen Zeiten leben und ich nicht mehr mit Krieg in Berührung kommen würde. Natürlich kam mir auch mein letzter Buchtitel der Trilogie in den Sinn und ich habe kurz gedacht: Guck an, hast ja doch einen sehr aktuellen Titel gehabt. Aber die Aussage von Scholz hat mich doch vor allem entsetzt.
Ihre „Zeitenwende“ in Band drei der Jahrhundert-Trilogie beginnt Ende der Sechziger-, Anfang der Siebzigerjahre. Waren Sie der Zeit ein bisschen hinterher?
Das Buch endet ja in der Silvesternacht 1999, und damit war auch der Jahrtausendwechsel angesprochen. Ich finde gerade, dass die zweite Hälfte der Sechzigerjahre bis heute sehr präsent ist in unserem Leben. Die Leserinnen und Leser fühlen sich da auch unheimlich aufgenommen, weil die Thematik dieses Jahrhunderts zum Teil ihre eigene Kindheit und Jugend ist. Gerade im ersten Band gab es ein großes „Aha“ bei vielen Lesern, weil die sagten, unsere Eltern haben überhaupt nichts erzählt: nichts vom Krieg, nichts von Hitler, den Nazis oder von Verfolgung. Nachdem sie dann das Buch gelesen hatten, fühlten sich viele in der Lage, ihrer Mutter oder den Eltern Fragen zu stellen. Dieser Mechanismus wurde mir immer wieder erzählt.
Ihr aktueller Titel „Zwischen heute und morgen“ spielt auch in der Zeit. Haben die Fünfziger- und Sechzigerjahre es Ihnen besonders angetan?
Ich bin 1952 geboren und Ende der Fünfziger dann mit der eigenen Nase mitten im Leben gewesen. Ich fand das sehr faszinierend, zumal ich das Glück einer leichten Kindheit hatte. Ich habe immer wieder von Leserinnen gehört, dass die Zeit, die ich da so pastellfarben erzähle, doch eigentlich düster war. Aber ich hatte das Glück, sehr junge Eltern zu haben, die enorm erleichtert waren, dass sie so heil aus diesen Zeiten herausgekommen waren. Mein Vater war Unterhaltungskomponist. Ich scheue mich immer vor dem Titel Schlagerkomponist, weil der so banal klingt. Und meine Eltern waren voller Energie und Lebenslust, es war eine gute Atmosphäre bei uns. Die Sechzigerjahre, an deren Anfang ich noch ein sehr braves Kind gewesen bin, haben mich dann mitgerissen und fasziniert.
Schreit die aktuelle Situation mit ihren multiplen Krisen und Herausforderungen nicht geradezu nach einer neuen Trilogie oder einer Fortsetzung?
Im Hier und Jetzt? Ja, das ist genau das, was mich reizen würde. Es gibt Überlegungen, die ich im Kopf hin und her schiebe. Aber es ist alles noch in den Anfängen und nichts ist spruchreif. Ich habe mir außerdem vorgenommen, erst mal eine ganz große Pause zu machen. Ich habe seit 2015 fünf dicke Bücher geschrieben. Und da mich der Erfolg etwas spät im Leben erreicht hat, merke ich, dass ich die Belastung rein physisch nicht so gut verkraftet habe. Ich habe große Rückenprobleme und muss dringend mal was anderes tun, als am Schreibtisch rumzusitzen.
Warum sind Frauenromane derzeit so erfolgreich? Oder ist es despektierlich, Ihre Trilogie und die nachfolgende Drei-Städte-Saga als Frauenromane zu bezeichnen?
Die Bücher haben überwiegend weibliche Leserinnen, das stimmt. Ich hatte kürzlich eine Lesung auf einer Matinee mit vielleicht 100 Gästen, darunter ein Dutzend Männer. Aber die Bücher sind keine Frauenliteratur. Es geht um Zeitgeschichte, wie wir sie alle in großen Teilen des 20. Jahrhunderts erlebt haben. Zudem gibt es dabei für mich auch ganz starke Männerfiguren. Ich bin außerdem immer wieder sehr überrascht, dass gerade auch jüngere Männer zwischen 30 und 50 oft sehr positiv auf die Bücher reagieren.
Warum segeln Frauenromane und Familiensagas trotz des jeweiligen Erfolgs eigentlich so beharrlich unter dem Radar der großen Kulturkritik und des Feuilletons?
(lacht) Ich weiß nicht, warum das so ist. Das Feuilleton fremdelt mit vielen Bestsellern und hat Berührungsprobleme. Ich glaube, dahinter steckt auch ein großes Stück Arroganz. Diese gewollte Unterscheidung zwischen „U“ und „E“, also Unterhaltungskunst und sogenannter ernster Kunst, ist ein altes Thema und ein typisch deutsches Problem. Wenn ich von meinem Vater spreche, der sicher auch viel Blödsinn geschrieben hat, aber eben auch viele schöne Lieder, zögere ich deshalb ja auch, zu sagen, er war Schlagerkomponist. Weil das bei vielen ein bisschen „igitt“ ist. In Italien war meine Trilogie auch sehr erfolgreich. Da habe ich die ganze Zeit Anfragen von den wichtigen großen Tageszeitungen bekommen.
Ärgert Sie die Distanz der Kulturkritiker?
Ach, ein Kulturchef hat mal gesagt: „Wenn ich solche Auflagenzahlen hätte, wäre mir das völlig wurscht, ob ich vom Feuilleton wahrgenommen werde.“ Meine ersten beiden Bücher waren düstere Kammerspiele, ein ganz anderes Genre. Dennoch liegen mir diese beiden Titel noch sehr am Herzen. Aber ich hatte längst nicht solch gute Verkaufszahlen.
Sind Sie eine Vielschreiberin?
Das weiß ich nicht. Immerhin bin ich jetzt ja schon 70 Jahre alt. Ich hatte lange genug Gelegenheit zu schreiben. Ich habe das ja gemacht, um Geld zu verdienen. Ich bin auf jeden Fall keine Schnellschreiberin.
Sind Sie sehr diszipliniert?
Ich komme ja aus dem Journalismus. Und die Vorstellung, dass ich zu einem festgelegten Abgabetermin nicht fertig werde, gibt es für mich nicht. Und wenn mir die Welt auf den Kopf fällt, dann werde ich das trotzdem. Das ist die einzige Disziplin, die ich habe. So habe ich das gelernt.
Nach den beiden Beziehungsdramen haben Sie es mit Krimis versucht, aber nach einigen Bänden wieder aufgehört, warum?
Das stimmt. Als es nachließ mit dem Journalismus und die Aufträge zurückgingen, habe ich mir gesagt, ich muss mein anderes Terrain vergrößern. Dann hatte ich die Idee für fünf Bücher mit einer Frau, die zufällig in Kriminalfälle hineingeriet. Da fing es richtig an, dass ich Bücher schrieb. Die waren alle kein großer Erfolg, was ich nicht richtig verstehe. Ich habe vor kurzem noch mal reingeguckt und finde die schön. Mein großer Wunsch wäre, dass Rowohlt die noch einmal veröffentlicht, gerne in einer liebevolleren Ausstattung.
Spüren Sie Leistungs- und Erfolgsdruck?
Der ist jetzt gekommen. Es ist keine Frage, dass die beiden neuen Bücher nicht mehr die Erfolge der Trilogie erreichen. Sie laufen immer noch gut, ich bin mit dem neuen seit über 13 Wochen auf der Spiegel-Bestsellerliste. Aber es ist nicht mehr so wie bei der Trilogie. Die Trilogie war der absolute Höhepunkt, was meine berufliche Laufbahn angeht. Als ich eine Lesung zum neuen Buch hatte, meldete sich eine Frau und fragte etwas zögerlich: „Wann kommt denn der vierte Band der Trilogie?“ Vielen Menschen sind die Figuren aus den drei Büchern so nahe gekommen, sie wollen mehr von ihnen lesen und hoffen, dass ich das vertraute Personal und die Familienstrukturen immer weiterführe. Aber ich glaube nicht, dass sich das noch mal so fortsetzen lässt. Die Trilogie war der Höhepunkt. Und zu meinem Erstaunen komme ich klar damit und kann mich damit ganz gut abfinden.
Der größte Hit Ihres Vaters war „Mit 17 hat man noch Träume“. Welche Träume haben Sie mit 70?
Mein Vater hat die Zeitungsausschnitte immer gesammelt, wenn das Thema aufgegriffen wurde. Der „Stern“ brachte zum Beispiel mal eine Doppelseite über einen Politiker mit der Zeile: „Mit 70 hat man noch Träume“. Ich konnte mir überhaupt nicht vorstellen, das mal auf mich zu beziehen. Aber was wäre die Alternative? Wenn ich einen Anspruch an mich habe, dann möchte ich gelassener werden, was mir wohl sehr schwerfällt. Vor allen Dingen gelassener, was die Gedanken, Sorgen und Ängste um meine Kinder und Enkel angeht. Und ich hoffe, noch mal etwas zu schreiben, ohne den Druck zu haben, die ganz großen Erwartungen bei der Leserschaft erfüllen zu müssen. Es muss jetzt nicht ein Stück große Literatur sein, wie man das gerne nennt, aber ein Stück, das bewegt.
Was macht Ihnen mehr Angst, dass der 1. FC Köln wieder absteigt oder der HSV wieder nicht aufsteigt?
Dass der HSV nicht aufsteigt, das macht mich grimmig. Ich habe eine Zeit lang gebraucht, bis ich mich dem HSV näherte und habe lange dem FC die Treue gehalten. Spätestens seit Mitte der Achtzigerjahre hat sich das geändert. Aber es deprimiert. Ich gucke beim Nachbarn, der auch HSV-Fan ist, immer noch die Spiele und ich leide mit dem HSV. Nun überwintern sie auf Platz zwei, jetzt könnten sie es doch endlich mal schaffen.
Bitte ergänzen Sie...
Meine besten Ideen habe ich... oft morgens, wenn ich zu früh aufwache oder wenn ich Jazzmusik höre, die ich liebe: Chet Baker, Dizzie Gillespie, Duke Ellington, solche Sachen.
Wenn ich mal nicht an neuen Kapiteln sitze... dann füttere ich mich mit den Büchern der anderen. Ich lese querdurch, grad erst zum Beispiel „Isidor“ von Shelly Kupferberg oder Ian McEwans „Lektionen“ fand ich sehr toll.
Zum Abschalten vom Schreiben... spaziere ich idealerweise um die Alster. Ich bin leidenschaftliche Hamburgerin geworden und die Alster ist für mich ein ganz wichtiger Anziehungspunkt.
Zeit für Hobbys... gibt es, weil ich Lesen auch als Hobby ansehe. Ich kann alle Maigret-Krimis von Simenon noch mal lesen und empfinde das als reines Vergnügen. Aber ich muss wieder mehr auf die Beine kommen und die großen Gänge um die Alster machen.
Dass bei Treffen mit Freunden über meine Bücher gesprochen wird... ist selten der Fall, es gibt so viele andere Themen.
Zur Person
Die sogenannte Jahrhundert-Trilogie war ihr wohl größter Erfolg. Es ist die Lebensgeschichte von vier starken Hamburger Frauen, die aus ganz unterschiedlichen Verhältnissen stammen und deren Schicksal nach dem Ersten Weltkrieg bis zur Jahrtausendwende doch eng verknüpft ist.
Die drei Bände („Töchter einer neuen Zeit“, „Zeiten des Aufbruchs“ und „Zeitenwende“) standen wochenlang in den Bestsellerlisten, zeitweilig sogar alle zugleich.
Die Journalistin ist 1952 als Tochter des bekannten Schlagerkomponisten und Liedtexters Heinz Korn („Mit 17 hat man noch Träume“) in Düsseldorf geboren und kam 1975 nach Hamburg.
Nach der Henri-Nannen-Journalistenschule arbeitete sie unter anderem für den „Stern“, für „Brigitte“, „Viva“ und die „Zeit“, bis sie sich auf das Schreiben von Büchern konzentrierte.
Sie verfasste Essays, Kurzgeschichten, zwei Beziehungsdramen, Kinder- und Jugendbücher, Krimis und zuletzt Frauen- und Familienromane.
Aktueller Bestseller ist der zweite Band einer Drei-Städte-Saga: „Zwischen heute und morgen“. Es geht um drei Familien in den Sechzigerjahren in drei Städten, die auch ihr Leben geprägt haben: Köln, San Remo und Hamburg. Und wieder um starke Frauen.
Korn ist verheiratet mit dem Journalisten und Übersetzer Peter Christian Hubschmid, Sohn des Schauspielers Paul Hubschmid, und hat zwei erwachsene Kinder. Sie ist leidenschaftlicher Fußballfan, früher des 1. FC Köln, aber inzwischen des HSV.