TDas Jugend-Sinfonie-Orchester Buxtehude lässt den Barock grooven
Die Macher von „Dies Irae“, von links: Hinnerk Otten, Jasper Mörchen, Andreas Désor, Jonas Krarup und Tim Hofmann. Fotos: Winter
Das Sommerkonzert des Jugend-Sinfonie-Orchesters endete mit einem Weltmusik-Knaller. Ein Buxtehuder sorgte zuvor mit seiner Komposition für reichlich Spannung.
Die Dramaturgie blieb spannend bis zuletzt: Rechtzeitig zum Sommerbeginn hatten die Programm-Planer des diesjährigen Sommerkonzerts des Jugend-Sinfonie-Orchesters Buxtehude den Griff zur Königsdisziplin an den Beginn der zweiten Hälfte gesetzt. So wurde dann an zwei Abenden des Wochenendes vor vollem Haus die Eigenkomposition des Orchestermitglieds Jasper Mörchen nach der Pause präsentiert. Genug Zeit also, sich darauf zu freuen und den klanglichen Leckerbissen der postcoronaren Orchesterarbeit zu lauschen - und zu genießen. Wohlgemerkt, das kann man durch die gute Arbeit an und mit diesem über 60-köpfigen bemerkenswerten Klangkörper als echter Buxtehuder Perle nun schon seit über 35 Jahren, und jetzt eben auch.
Kompakter Klang als Ergebnis harter Arbeit
Es war sofort zu hören – und man konnte es auch sehen – warum das so ist, gleich beim ersten Stück: Hochkonzentriert intonierte das Ensemble das „Concerto grosso opus3“ von Georg Friedrich Händel und verschmolz förmlich mit der Musik, bewahrte dabei die Leichtfüßigkeit plus den Groove des Barock und entfachte bei diesem 300 Jahre alten Stück die ganz aktuellen Strahlen, die ein Händel verdient und auch haben muss. Man musste kein Musiker sein, um zu bemerken, dass hier die Barock-Kompetenz des Dirigenten und Oboisten Andreas Désor zweifellos ihre sichere Hand mit im Spiel hatte.
Der Funke sprang über – rauschender Beifall, wahrscheinlich auch für den kompakten Klang des Orchesters, der keineswegs eine Selbstverständlichkeit ist, sondern das Ergebnis harter Arbeit. Gerade für ein Ensemble, bei dem eine gewisse Unstetigkeit durch den Schulbetrieb gewissermaßen vorprogrammiert scheint, weil eben immer jemand gerade Abitur macht.
Jugend-Sinfonie-Orchester überzeugt mit neuen Interpretationen
Doch nichts fiel auseinander. Auch im folgenden „Valse triste op.44“ vom hymnischen Komponisten schlechthin, dem Finnen Jean Sibelius. Unter der sicheren Leitung durch den Co-Dirigenten Hinnerk Otten, der sich auch als Musiklehrer am Gymnasium Süd unter anderem mit dem Aufbau von Bläserklassen einen Namen machte, gelang eine bemerkenswert geschlossene, ausgesprochen zarte Interpretation dieses tragischen Totentanzes, der ursprünglich als Bühnenmusik geschrieben wurde.
Sozusagen als positiv-idealer Kontrast dazu Tschaikowskis „Blumenwalzer“, der durch ein opulentes wohlgestaltetes Intro auf der Konzertharfe von Nele Brunswig eindrucksvoll eröffnet wurde und in der für den Komponisten typischen lieblichen Magie vom Orchester weitergeführt wurde.
Vor der Pause begab man sich erst einmal wieder in Abgründe: „Danse macabre“ – nomen est omen – mit dem „Teufelsintervall“ im Zentrum, wie heute beim Heavy Metal. Der Vater des „Karnevals der Tiere“, Camille Saint-Saens, ließ dereinst dafür die hohe Saite der Solo-Violine herunterstimmen, damit sich der Abstand von drei Ganztönen zur Nachbarsaite ergab und damit das Schräge praktisch eingebaut schien. Mit wunderbar warmem Ton entlockte Konzertmeisterin und Solistin Antonia Sibila ihr dennoch eine überzeugende Interpretation – ganz anders als der Meister früher selbst, der ab und an deshalb ausgebuht wurde.
Dank an Antonia Sibila: Die Konzertmeisterin spielte die Solo-Violine im Stück „Danse macabre“ mit warmem Ton.
Eigenkomposition für Orchester und Klavier
Und dann – dann kam er, der Gang in die Königsdisziplin, nämlich der Komposition. Derjenige, der ihn angetreten war in der Folge eines Workshops für Komposition bei Andreas Désor, vor allem in der Corona-Zeit, sowie eines Leistungskurses in Musik bei Hinnerk Otten, hieß Jasper Mörchen, spielte seit 2014 und auch an diesem Abend Fagott im Jugendsinfonieorchester und studiert seit einiger Zeit in Dresden Verkehrsingenieurswesen.
Heraus gekommen war dabei „Dies irae“ ein Konzert für Klavier und Orchester, und das nicht nur einfach, sondern zu vier Händen, in drei Sätzen. Die vier Hände am Steinway wurden dabei beeindruckend bedient von den Solisten Jonas Krarup und Tim Hofmann - keine leichte Aufgabe, zumal sich in der Ideenfindung hörbar auch an einem der bekannten Titanen an den Tasten orientiert wurde, keinem Geringeren als Rachmaninoff.
Das Publikum ist begeistert
Die Möglichkeit, seiner Kreativität freien Lauf zu lassen und ihr Ergebnis wurden dann auch mit kräftigem Applaus bedacht – zurecht, denn es ist schon etwas ganz Besonderes, dass sich eine Stadt wie Buxtehude solch ein vielfach unterstütztes, künstlerisch offenes Ensemble leistet, in dem man nicht nur gemeinsam auswählt und interpretiert, sondern darüber hinaus auch noch lernen kann, wie Komposition geht, selbstverständlich auf der Grundlage der gleichen Wertschätzung aller Arten der Weltmusik jenseits des Kommerzes.
In diesem Sinne wird dann zum Glück auch der im Zuge des immer wiederkehrenden Generationenwechsels neu gewählte Vorstand mit Alexander Büttner, André Grossehelweg und Birgit Schmidt die erfolgreiche Arbeit nicht zuletzt der beiden Maestros Andreas Désor und Hinnerk Otten fortsetzen.
Saties „Gymnopedies #1“, Tschaikowskis „Serenade für Streicher“ und die „Danse Bacchanale“ von Saint-Saens rundeten das lange Programm ab und vor und zwischen dem lang anhaltenden Applaus verabschiedete sich das Orchester mit einem rassigen Danzon als zweite Zugabe, ein echter Weltmusik-Knaller um 22.45 Uhr.