Droht Volkswagen der größte Konflikt der Geschichte?
Dem Wolfsburger Autobauer droht ein Arbeitskampf. (Archivbild) Foto: Julian Stratenschulte/dpa
Bei Volkswagen noch gar nicht über Sparpläne und Stellenabbau verhandelt. Doch nach der Kündigung von Tarifverträgen gewinnt der Konflikt an Schärfe. Dem Auto-Imperium steht ein heißer Winter bevor.
Hannover/Wolfsburg. Im Ringen um schärfere Sparmaßnahmen steuert Volkswagen auf einen heißen Winter zu. Die Tarifverhandlungen zwischen dem Unternehmen und der IG Metall sollen zwar erst in mehreren Wochen beginnen. Doch die Worte von Bezirksleiter Thorsten Gröger klingen bereits nach Sturm: Die Stimmung in der Belegschaft habe einen Siedepunkt erreicht. „Alles deutet auf eine Auseinandersetzung hin, die größer werden könnte als alles das, was dieser Konzern jemals erlebt hat“.
Sparpläne müssen verhandelt werden
Die Unruhe bei Volkswagen ist bereits seit Monaten groß. Im Juni waren erste Einzelheiten eines Zukunftsplans bekanntgeworden, mit dem der Vorstand um Chef Oliver Blume den angeschlagenen Autobauer wieder auf Kurs bringen will. Der VW-Aufsichtsrat beschloss die Pläne Anfang September - es handelt sich nach eigenen Angaben um das „tiefgreifendste Transformationsprogramm“ in der Unternehmensgeschichte. Neben vielen weiteren Maßnahmen umfasst die Rosskur Einsparungen im zweistelligen Milliardenbereich. Dazu soll auch der Wegfall von rund 50.000 Jobs beitragen - davon die Hälfte in Deutschland.
Erstmals hat VW nun auch eine Zielmarke für die Kernmarke genannt. Demnach sollen bei der Volkswagen AG zusätzlich 12.000 Stellen bis 2030 sozialverträglich abgebaut werden. Zu den Instrumenten dafür zählt VW „die Eröffnung von förderfähigen Transfergesellschaften, in die Beschäftigte wechseln können, um sich neue Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt zu erschließen“. Am Zukunftstarifvertrag sowie der darin enthaltenen Beschäftigungssicherung halte das Unternehmen trotz der angespannten, schwierigen Lage fest, versicherte VW.

Bei Volkswagen hatte es zuletzt 2024 Warnstreiks gegeben. (Archivbild) Foto: Moritz Frankenberg/dpa
Seitdem stellt sich die Frage, wann und wie über die Sparpläne - vor allem den Stellenabbau - verhandelt werden soll. Am Freitag haben sich Vertreter von VW, IG Metall und Betriebsrat zwar bereits zum zweiten Mal zu einem sogenannten Überprüfungsgespräch getroffen. Doch verhandelt wird in dem Rahmen nicht.
Grundlage für die Sondierungen ist eine Klausel aus dem Zukunftstarifvertrag von 2024. Denn die Arbeitnehmer sehen durch die Sparbeschlüsse Zusagen aus dem Tarifwerk in Gefahr - vor allem in Bezug auf die drei bedrohten VW-Werke Emden, Zwickau und Hannover. Die Manager nutzten die Gespräche in Hannover unter anderem, um zu erklären, warum die damals vereinbarten Einsparungen angesichts der Branchenkrise nicht ausreichen.
Das wirtschaftliche Umfeld hat sich nach Angaben des Personalvorstands der Kernmarke VW, Arne Meiswinkel, für die Branche gravierend verschärft. „Diese Marktveränderungen sind strukturell und tiefgreifend. Unter anderem drängen chinesische Hersteller mit günstigen Exporten nach Europa“, teilte er mit. Die Maßnahmen aus dem Zukunftsplan müssten schnell umgesetzt werden.
Fast alle Tarifverträge bei VW gekündigt
Die Blicke richten sich daher bereits auf die nächsten Monate. Und die dürften haarig werden. Denn Volkswagen hat nach dem ersten Überprüfungsgespräch Ende September zehn Tarifverträge gekündigt - fast alle Vereinbarungen des Haustarifs. Dort sind unter anderem Arbeitszeit, Urlaub und Zulagen geregelt. Das Unternehmen will so einen Verhandlungsraum öffnen, um mit Blick auf den aktuellen Kostendruck verschiedene Regelungen anzupassen. Forderungen hat Volkswagen bislang aber noch nicht vorgelegt.

Sie werden bald neu verhandelt: Die Tarifverträge bei Volkswagen. (Archivbild) Foto: Moritz Frankenberg/dpa
Betroffen von dem Schritt sind rund 130.000 Beschäftigte der Volkswagen AG in Deutschland. Dazu gehören die Marken Volkswagen Pkw und Nutzfahrzeuge, die Komponentensparte und zentraler Konzernbereiche. Die Verträge wurden zum 31. Dezember 2026 gekündigt.
IG Metall droht mit Arbeitskampf
VW-Betriebsratschefin Daniela Cavallo nannte das Vorgehen von Volkswagen einen „Riesenaffront“. IG-Metall-Bezirksleiter Gröger wertet den Schritt als Vertrauensbruch. Er forderte, dass VW das bis Ende Oktober rückgängig macht. „Eine Kündigung, die man übermittelt hat, kann man auch zurücknehmen“, sagte Gröger. Nur dann könne man konstruktiv über Lösungen reden. Falls das nicht geschehe, rolle „eine gewaltige Maschinerie“ an, die den Arbeitskampf bei Volkswagen vorbereite.
Die anstehenden Tarifverhandlungen zwischen Volkswagen und der IG Metall beginnen am 24. November in Emden. Ein zweiter Termin ist für 15. Dezember in Zwickau angesetzt. Beide Orte gehören zu den bedrohten Standorten. „Tarifverhandlungen gehören nicht in die Wohlfühlzone der 13. Vorstandsetage“, sagte Gröger. Sie gehörten dorthin, wo die Zukunft der Standorte auf dem Spiel stehe.

Die Stimmung in der Belegschaft hat laut IG Metall einen Siedepunkt erreicht Foto: Julian Stratenschulte/dpa
Die IG Metall fordert in der Tarifrunde fünf Prozent mehr Geld. Dabei muss es den Angaben nach aber nicht bleiben. Durch die Kündigungen sei der Raum für Forderungen eröffnet, sagte Gröger. Es gebe genaue Vorstellungen darüber, was man alles an diesen Tarifverträgen verändern oder verbessern könne. Als Beispiele nannte er eine Verlängerung der Altersteilzeit-Regelungen oder die Frage, wie weit man die Beschäftigungssicherung in die 2030er Jahre hinein fortschreiben könne. Die Gewerkschaft will demnach „zu gegebener Zeit“ ein umfassendes Konzept für die Zukunft von Volkswagen vorlegen.
VW und IG Metall stellen sich auf lange Verhandlung ein
Alles deutet also auf eine Mega-Verhandlung hin, in der auch die Zukunft der bedrohten VW-Werke nicht ausgeklammert werden kann. Alles hänge mit allem zusammen, heißt es aus Unternehmenskreisen. Denn in den unterschiedlichen Verhandlungsrunden sitzen sich oft dieselben Personen gegenüber.
Wie lange das dauern wird? Die IG Metall spricht mittlerweile nur noch von der Tarifrunde 2026/27. Im Unternehmen hoffen manche zwar auf ein schnelles Ergebnis, stellen sich aber auf Warnstreiks ein. Gröger zufolge bereitet die Gewerkschaft die Eskalation vor. Nicht weil man es wolle, sondern weil man es müsse. „Wir suchen den Konflikt nicht, aber wir sind vorbereitet“, sagte er. Die Friedenspflicht endet am 31. Dezember.

Meiswinkel: Die Maßnahmen aus dem Zukunftsplan müssen schnell und konsequent umgesetzt werden. (Archivbild) Foto: Julian Stratenschulte/dpa