Ein Herzog aus Buxtehude und seine Skandale
Der Kleidernachlass des Herzogs Moritz gab den Anstoß für das Forschungsprojekt. Auch diese roten und grünen Samtkostüme hat der Adlige einst getragen. Fotos: Reinhard Gottschalk
Seit drei Jahren wird in Hannover zum Leben des Herzogs Moritz von Sachsen-Lauenburg geforscht, der viele Jahre seines Lebens in Buxtehude verbrachte. Nun ist Moritz gewissermaßen nach Hause gekommen - bei einem Vortrag im Buxtehude Museum. Und der stieß auf viel Interesse.
Er war Kriegsunternehmer, lebte in einer Dreiecksbeziehung und hatte jede Menge Schulden: Herzog Moritz von Sachsen-Lauenburg, der von 1551 bis 1612 lebte, war eine schillernde Persönlichkeit. Ein gemeinsames Forschungsprojekt des Historischen Museums Hannover und der Hochschule Hannover befasst sich mit dem Leben dieses Adligen, der in vielerlei Hinsicht besonders war. Schon lange bestand der Wunsch, das Projekt „Moritz aus Buxtehude“ auch in der namensgebenden Stadt vorzustellen - die Corona-Lage kam stets dazwischen. Nun war es soweit. Und der Vortrag im Buxtehude Museum kam gut an - der Vortragssaal war ausverkauft.
Die Projektverantwortlichen Maya Brockhaus und Dr. Jan Willem Huntebrinker gaben einen Überblick über Moritz’ Leben, mit besonderem Blick auf den sehr gut erhaltenen Kleidernachlass, der Ausgangspunkt für das Forschungsprojekt war. 24 Kleidungsstücke und eine Brosche sind es. Und die können dem Herzog Moritz eindeutig zugeordnet werden, was selten ist. Noch nicht bei allen Kleidungsstücken ist die genaue Verwendung klar. „Moritz hatte eine Hausjacke aus grüner Seide. So etwas haben wir vorher noch nie gesehen“, berichtete Brockhaus.
Maya Brockhaus und Dr. Jan Willem Huntebrinker bei ihrem Vortrag im Buxtehude Museum. Foto: Frank
„Moritz aus Buxtehude“ ist ein offenes Forschungsprojekt. Jeder, der etwas zu dem Thema weiß, kann sich beteiligen. Hinsichtlich der Kleidung erwies sich das schon als Vorteil: Ein Student, der fachlich zwar nichts mit Geschichte zu tun hat, sich aber hobbymäßig der historischen Fechtkunst widmet, konnte die Verwendung von besonderen Brusttüchern erklären, die sich im Nachlass von Moritz fanden.
Ménage-à-trois am Schweinemarkt
Aber auch eher spielerische Beteiligung geht: Auf dem Insta-gram-Account „Der verschobene Herzog“ lässt ein Nutzer den Herzog als Lego-Figur wiederauferstehen und zeigt in seinen Fotos, was Moritz erlebte, würde er in der heutigen Zeit leben.
Herzog Moritz stammte aus einer zerstrittenen Familie. Immer wieder gab es Konflikte um die Herrschaft im Herzogtum Sachsen-Lauenburg. Für Moritz blieb letztlich nichts übrig - sich mit einem Adligen zu beschäftigen, der eben nicht herrschte, ist eine weitere Besonderheit des Forschungsprojekts. 1585 zog Moritz nach Buxtehude. Dort wohnte er bei Adam Tschammer, einem ehemaligen Zöllner des Herzogtums, und dessen Frau Gysell, mit der Moritz schon länger eine Affäre hatte. Auch ein gemeinsames, uneheliches Kind soll mit im Haushalt gewohnt haben. Die ungewöhnliche Gemeinschaft lebte in einem Haus am Schweinemarkt - heute befindet sich dort der Petri-Platz.
Glücksfund im Buxtehuder Stadtarchiv
In Liebesdingen legte der Herzog aber schon vorher ein fragwürdiges Verhalten an den Tag. 1581 heiratete er die Dienerin Katharina von Spörck. Nachdem es Beschwerden über diese Ehe mit einer nichtadligen Frau gab, sagte Moritz sich von der Ehe wieder los und bezichtigte seine Frau der Zauberei. Auch die Trauung selbst soll skurril vonstattengegangen sein: Der Priester wurde in ein extra angemietetes Wirtshaus bestellt. Als er die beiden nicht trauen wollte, das Hochzeitspaar und die Mutter der Braut aber insistierten, versuchte er noch, aus dem Fenster zu klettern und zu fliehen - vergeblich. Insbesondere diese Anekdote sorgte beim Vortrag für viele Lacher.
Der Herzog hatte häufig Ärger mit der Stadt Buxtehude. Drei Jahre lang durfte er sogar gar nicht einreisen. Denn er beschäftigte Handwerker, die keiner Zunft angehörten, kaufte ständig auf Kredit ein - und zwang die Wachen, nachts die Stadttore für seine Freunde zu öffnen.
Sonderausstellung im Buxtehude Museum gewünscht
Und Moritz hatte jede Menge Schulden. Als er starb, wurde eine Inventarliste seines Besitzes erstellt, eine Bestandsaufnahme Raum für Raum. Diese konnten Brockhaus und Huntebrinker bei einem Besuch im Buxtehuder Stadtarchiv begutachten - für das Forschungsprojekt ein Glücksfall.
Nach dem Vortrag kam mehrfach die Frage, ob man zu diesem Projekt einmal eine Sonderausstellung im Buxtehude Museum machen könnte. Das würden alle Beteiligten gern tun - der Transport der empfindlichen Textilien ist jedoch nicht so einfach. Ob „Moritz aus Buxtehude“ also tatsächlich nach Hause kommt, wird sich zeigen. Eins machte der Vortrag deutlich: Das Interesse an dem besonderen Herzog ist in Buxtehude da.
Jetzt die neue TAGEBLATT-Nachrichten-App für's Smartphone herunterladen