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Adventsserie

TEin Pferd aus diesem Harsefelder Stall startete schon bei Olympia

Das Tor zum Zuchtstall und zu den Weiden ist geöffnet. Michaela Böhn, die Prämienstute Happy Millennia (von Millennium/a.d. Hakuna von der Heide), Gerd Böhn, Andrea und Stephan Böhn, die Stute Fähre (von Millennium/ a.d. Freundlichkeit), Ma

Das Tor zum Zuchtstall und zu den Weiden ist geöffnet. Michaela Böhn, die Prämienstute Happy Millennia (von Millennium/a.d. Hakuna von der Heide), Gerd Böhn, Andrea und Stephan Böhn, die Stute Fähre (von Millennium/ a.d. Freundlichkeit), Ma

Der Trakehner gilt als die älteste Reitpferderasse Deutschlands. Was macht die Tiere so besonders? Ein Blick hinter Türen des Zuchtstalls Böhn, dem größten in der Region.

Von Miriam Fehlbus Dienstag, 13.12.2022, 14:00 Uhr

Die Holzpforte schwingt langsam auf. Happy Millennia scheint noch einmal genauer über das Schild an ihrer Stalltür lesen zu wollen. Kurz schnaubt die schwarze Stute ihrem Besitzer Gerd Böhn warme Luft über die Finger, als sie mit den dunklen Augen nach unten blickt. Es gibt Menschen, die behaupten, wenn ein Pferd lesen könnte, wäre es ein Trakehner.

Gerd Böhn öffnet die Tür, und Stute Happy scheint lesen zu wollen.

Gerd Böhn öffnet die Tür, und Stute Happy scheint lesen zu wollen.

„Sie sind unglaublich intelligent und sensibel“, sagt Andrea Böhn. Sie und ihr Mann Stephan wohnen in Issendorf. Dort haben sie selbst eine kleine Zuchtstätte. Gerd Böhn, Ehefrau Michaela und Sohn Max betreiben den Stall in Harsefeld, an der Grenze zu Kammerbusch. Die Brüder haben einst die Pferdezucht von ihrem Vater übernommen. Ihr bisher sportlich erfolgreichstes Zuchtprodukt: Der Trakehner Wallach Merlin, der 1996 in Atlanta mit der Österreicherin Caroline Hatlapa an den Olympischen Spielen teilnahm.

Zwar hat es über die Jahre auch das Oldenburger Brandzeichen auf den Stein der Familie Böhn in Harsefeld geschafft. „Aber ich würde niemals die Reinzucht der Trakehner infrage stellen“, sagt Max Böhn, Züchter in der dritten Generation. Nicht zuletzt die Basis der ursprünglichen Blutlinien brachte dem Trakehner Pferd den Titel „Unesco-Kulturerbe“ ein. Als immaterielles Kulturgut in Deutschland wurde die Trakehner Pferdezucht im März dieses Jahres in den Katalog aufgenommen.

Wenige Pferde schafften es über das zugefrorene Haff

„Es ist die Geschichte, die Besonderheit, dass aus wenigen Pferden diese Zucht wiederaufgebaut wurde“, sagt Michaela Böhn. Trakehnen, Dampfross, Tempelhüter, Pythagoras - das sind Begriffe und Pferdenamen, die Menschen mit der besonderen Vorliebe für diese Tiere in eine andere Zeit versetzen können. Es begann im Jahr 1732, als Friedrich Wilhelm I. das „Königliche Stutamt Trakehnen“ gründete. Der Soldatenkönig wollte die Kavalleriepferde selbst züchten. Das Land rund um den Gründungsort habe Trakischken, übersetzt Lichtung, geheißen, so der Trakehner Verband, der sich drei Jahre lang darum bemüht hatte, als Kulturerbe eingestuft zu werden.

Die doppelte Elchschaufel steht als Symbol für die Trakehnerzucht mit den Wurzeln in Ostpreußen.

Die doppelte Elchschaufel steht als Symbol für die Trakehnerzucht mit den Wurzeln in Ostpreußen.

Ende des Zweiten Weltkrieges mussten die Trakehner fliehen

Die Gestütanlagen lagen auf 10.000 Hektar Fläche. Landwirtschaft, aber auch Handwerksbetriebe, Krankenhaus und Apotheke, Schulen und Friedhöfe gehörten dazu, als um 1940 an die 1000 Menschen in Trakehnen arbeiteten. Zum Ende des Zweiten Weltkrieges mussten die Trakehner aus Ostpreußen fliehen. Im Kriegswinter 1944/45 flohen Mensch und Tier mit Sattel und Wagen durch Schnee und Eis über das zugefrorene Haff. Einige wenige Pferde schafften den Treck in den Westen und sicherten den Fortbestand der Rasse. Im Jahr 1947 wurde in Hamburg der Trakehner Verband gegründet. Heute hat er seinen Sitz in Neumünster.

Die Stutenstämme lassen sich noch heute lückenlos rückverfolgen. Kein Hannoveraner Hengst, kein Holsteiner, keine Oldenburger Stute und kein Westfale wurden eingezüchtet. Ein Trakehner darf nur mit Vollblut veredelt werden. Das unterscheidet ihn maßgeblich von den anderen Warmblutpferdezuchten. Außerdem herrscht bei den Trakehnern das Matriarchat, sozusagen. Die Stuten, also die Muttertiere, geben den Buchstaben vor, nach dem das Fohlen benannt wird. Happy Millennias Mutter Hakuna hat sich so verewigt. Weil der Elitehengst Millennium mit weltweit über 100 gekörten Söhnen in allen Verbänden sprichwörtlich ein Jahrhunderthengst ist, hat auch er diesmal seine Spuren im Namen hinterlassen.

Ein besonderer Hengstmarkt in Neumünster

Viele Zuchtverbände setzen heute ihrerseits Trakehner ein, um zu veredeln. Sie sind die ungekrönten Majestäten der schönen Pferdeköpfe. Was in den Köpfchen los ist, bringt nicht mehr jedem Freude. Mit unüberlegter Grobheit, mit bloßem Erfolgsdenken kann ein Trakehner nicht umgehen. Vielleicht braucht es ein paar sensible Diskussionen auf Augenhöhe. „Aber wenn man einen Trakehner einmal auf seiner Seite hat, stellt er das nicht mehr infrage“, sagt Antonia Wendt. Die Freundin von Max Böhn hat selbst eine Trakehnerstute. Im Frühjahr wird das Fohlen erwartet. Es ist eins von bis zu acht Fohlen, die die Familie Böhn jedes Jahr züchtet und aufzieht. Damit gehört sie zu den größten Trakehnerzüchtern der Region.

Hengstmarkt in Neumünster ein Erfolg

Merlin TSF aus dem Stall Böhn startete mit Caroline Hatlapa 1996 bei den Olympischen Spielen.

Merlin TSF aus dem Stall Böhn startete mit Caroline Hatlapa 1996 bei den Olympischen Spielen.

Gerade war Hengstmarkt in Neumünster. Die Jubiläumskollektion zur 60. Veranstaltung dieser Art. Aber diesmal war doch alles anders. Sonst fand die Körung, die Auswahl der besten Vatertiere, im Oktober statt. Aber der Tierschutz wollte den Pferden zwei Monate mehr Zeit für die Entwicklung geben. Das Problem: Im Dezember sind die Tiere im Stall, nicht mehr auf der Weide. „Wir waren dreimal namentlich als Züchter und Aussteller vertreten und zu sechst in Neumünster“, sagt Gerd Böhn, der ehrenamtlich im Delegiertenkreis und der Bewertungskommission des Verbands tätig ist. Damit die Züchterfamilie die erforderlichen Tage vor Ort sein konnte, brauchte sie „Personal“ zum Füttern und Ausmisten; bei Privat- und Hobbyzüchtern eher unüblich. Irgendwie fand sich aber eine Lösung. Am Ende war die Veranstaltung ein Erfolg. Laut wurden die Pferde gefeiert. „In einigen Hallen wird gesagt, bitte warten Sie mit dem Applaus. Ein Trakehner aber blüht dabei umso mehr auf“, sagt Stephan Böhn.

Die Adventsserie

Im Dezember öffnet das TAGEBLATT bis Heiligabend 24 Türen, hinter denen sich interessante Menschen und spannende Geschichten aus der Region verbergen. Alle Folgen der Serie gibt es unter www.tageblatt.de/adventsserie.

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