Eine Mega-Schildkröte als Kreuzfahrtschiff: Das sagen die Experten dazu
So könnte die fahrende Mega-Schildkröte für 60.000 Menschen aussehen. Foto: Lazzarini Design Studio
Die „Pangeos“ soll das größte Schiff der Welt werden: 500 Meter lang und 600 Meter breit. Fehlen noch eine Werft und Investoren, die acht Milliarden Dollar dafür zahlen. Drei Kreuzfahrt-Experten aus Bremerhaven sagen, welche Chancen das Schiff hätte.
Das italienische Designstudio Lazzarini hat eine verrückte Idee: Die Römer haben ein Schiff entworfen, das einer Schildkröte gleicht und als Tera-Yacht bezeichnet wird. Für 60.000 Menschen könnte Platz sein in Hotels, Casinos, Appartements und Villen an Bord der „schwimmenden Stadt“ , die so riesig wäre, dass sie wohl keinen Hafen anlaufen könnte. Die größten Containerschiffe der Welt sind gut 400 Meter lang und rund 60 Meter breit.
So bewerten Bremerhavens Kreuzfahrt-Experten die Idee, die Mega-Schildkröte auf Kreuzfahrt zu schicken.
Friedrich Norden: Technisch machbar wäre es
<strong>Friedrich Norden ist Geschäftsführer der Lloyd Werft: Technisch wäre der Bau kein Problem. Foto: Scheer</strong>
Friedrich Norden, Geschäftsführer der Lloyd Werft: „Technisch wäre es sicher zu lösen, ein solches Schiff zu bauen. Aber die Größe wäre ein Irrsinn.“ Er hält die Pläne für die „Pangeos“ eher für einen Denkanstoß der Designer, die damit auf sich aufmerksam machen wollen. Für einen Kreuzfahrt-Betrieb hält er die Mega-Schildkröte als ungeeignet, schon allein deshalb, weil sie keinen Hafen anlaufen könnte.
Auch die Lloyd Werft veröffentlicht regelmäßig Design-Ideen - zuletzt für die „Albatross“, Pläne für eine 125 Meter lange Megayacht, die mit Solarmodulen, starren Segeln und Windturbinen besonders umweltfreundlich unterwegs sein soll und im Hafen sogar klimaneutral betrieben werden könnte. „Wenn wir neue Ideen veröffentlichen, könnten die sofort umgesetzt werden“, sagt Norden.
Könnte ein derartiges Schiff überhaupt die Weser hochfahren? Theoretisch schon, urteilen die Nautiker vom Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt. Heute sind die größten Frachter 400 Meter lang und gut 60 Meter breit, das Wendebecken in der Weser ist vor dem Containerterminal 625 Meter breit.
Offiziell gibt es keine Daten, bei welchen Schiffsgrößen auf dem Fluss Schluss ist. Einzige Begrenzung ist der Tiefgang: Bei 15,50 Meter ist heute auch bei Hochwasser Feierabend - und damit wäre Bremerhaven für die Mega-Schildkröte auf alle Zeiten unerreichbar. Die Italiener geben ihren Tiefgang mit bis zu 30 Metern an.
Veit Hürdler: Leben wie in einem „modernen Kloster“
Veit Hürdler, Geschäftsführer vom Kreuzfahrtterminal Columbus Cruise Center: Er beurteilt die Idee als „innovativen, neue Gedankenansatz“, der nicht von vornherein verworfen werden sollte, „nur weil er vielleicht im Augenblick unvorstellbar ist“. „Vielleicht könnte man so ein Gefährt einfach nur ein- oder zweimal im Jahr verlegen.“
Hürdler sieht „Pangeos“ eher als Alternative für eine „neue Gemeinschaft von Menschen“, die sich auf dieser „Insel“ neue Wertvorstellungen im Miteinander gibt und eine komplett autarke Selbstversorgung schafft, auf der dann alle bisher bekannten gesellschaftlichen und politischen Werte neu definiert werden: „Vielleicht ein Leben wie in einem „modernen Kloster“, scherzt er.
Alexis Papathanassis: Die Trends sehen anders aus
Alexis Papathanassis ist Rektor der Hochschule Bremerhaven. Die Trends der Kreuzfahrtbranche sehen anders aus, sagt er. Foto: Scheschonka
Prof. Dr. Dr. Alexis Papathanassis, Hochschul-Rektor und Kreuzfahrt-Experte aus Bremerhaven: Er kennt das Konzept natürlich. Es diene wohl mehr der Inspiration und „steht keineswegs oben auf meiner Rangliste der zu erwartenden Entwicklungen im Kreuzfahrttourismus.“
Dennoch hält Papathanassis es für möglich, dass einiges von den Ideen künftig auf Kreuzfahrtschiffen zum Einsatz kommen wird. Die „schwimmende Stadt“ verdiene es aber nicht, als Kreuzfahrtschiff bezeichnet zu werden. Papathanassis vergleicht das Konzept lieber mit den künstlichen Inseln vor Dubai. Zwischen Konzept, Technik und wirtschaftlicher Realität liege ein weiter Weg. „Hafenlogistik und die Infrastrukturen der Ziele werden durch die heutigen Megaschiffe bereits herausgefordert“, urteilt Papathanassis.
Aber der Professor weiß auch: „Der Kreuzfahrtsektor hat sich in den letzten Jahrzehnten stark weiterentwickelt, ich gehe davon aus, dass sich dies fortsetzen wird.“ Die Trends deuteten auf eine Digitalisierung der Kreuzfahrt hin mit mehr umsatzbringenden Passagieren und noch mehr Erlebnissen auf einem Schiff.
Die italienischen Designer schätzen die Kosten für ihr Projekt auf acht Milliarden US-Dollar. Und sie bräuchte einen geeigneten Bauplatz: Perpaolo Lazzarini meint, dass die Riesenwerft dafür in Saudi-Arabien entstehen könnte. Den Bau zu planen und vorzubereiten, bräuchte noch zehn Jahre, für die eigentliche Bauzeit vergingen weitere acht Jahre.
„Pangeos“
Der Name „Pangeos“ lehnt sich an an Pangea - jenem Urkontinent, dem die gesamte Landmasse der Erde angehörte, bevor die Kontinente auseinanderdrifteten.
Sollte die „Schildkröte“ tatsächlich gebaut werden, wäre sie das größte schwimmende Bauwerk der Welt.
In der Animation grünen schon die Bäume im Park an Bord. Foto: Lazzarini Design Studio