Radsport

Französische Revolution: Seixas verzückt die Grande Nation

Paul Seixas bei seinem Sieg beim Flèche Wallonne. (Archivbild)

Paul Seixas bei seinem Sieg beim Flèche Wallonne. (Archivbild) Foto: David Pintens/Belga/dpa

Der Auserwählte, der Messias, ein Phänomen: Paul Seixas lässt Frankreich ein wenig durchdrehen. Dabei ist der Radprofi erst 19 Jahre alt. Er hat einen großen Auftrag.

Von Tom Bachmann, dpa 27.04.2026, 10:45 Uhr

Leipzig/Lüttich. Letztlich soll sogar Monsieur le Président zum Hörer gegriffen haben. Schließlich darf in dieser delikaten Angelegenheit von mindestens nationaler Tragweite rein gar nichts schiefgehen. Emmanuel Macron klingelte also angeblich bei Paul Seixas durch und warb bei dem Radprofi dafür, doch bei seinem jetzigen Team zu bleiben. Als Franzose ist man doch bei der größten Equipe des Landes am besten aufgehoben.

Seixas ist wohlgemerkt erst 19 Jahre alt. Der nie offiziell bestätigte Anruf Macrons zeigt ganz wunderbar, wie sehr sie in Frankreich gerade ein wenig durchdrehen. Auf die nette Art und Weise, versteht sich. Denn so einen wie Seixas hat man in der Grande Nation womöglich noch nie gesehen. Er wird wahlweise als Auserwählter oder Phänomen bezeichnet. Er soll dem Land nichts weniger als den ersten Sieg bei der Tour de France seit 1985 bescheren.

Selbst Hinault schwärmt

Damals gewann Bernard Hinault. Der meinungsstarke Bretone ist ein Nationalheld und geht mit seinen Erben auf dem Rad nicht gerade zimperlich um. Doch dann kam Seixas. „Es kann kein Zufall sein, dass man auf dem Niveau so gut und konstant fährt. Hut ab, wirklich Hut ab“, sagte Hinault. Dabei ist die Sieg-Statistik des in Lyon geborenen Seixas, sein ungewöhnlicher Nachname rührt von den portugiesischen Wurzeln des Vaters, noch recht übersichtlich. Der Gewinn des Halbklassikers Flèche Wallonne vom vergangenen Mittwoch ragt heraus.

Es sind eher zwei zweite Plätze, die Frankreich verzücken. Sowohl bei der Strade Bianche Anfang März als auch beim schweren Ardennenklassiker Lüttich-Bastogne-Lüttich war Seixas der einzige Fahrer, der mit Tadej Pogacar mithalten konnte. Am Sonntag in Lüttich schüttelte der neben Eddy Merckx kompletteste Profi der Geschichte den acht Jahre jüngeren Seixas erst am letzten Anstieg ab. „Der wird mal ein Monster“, meinte Pogacar.

Nur Tadej Pogacar (vorne) konnte Paul Seixas bei Lüttich-Bastogne-Lüttich abhängen.

Nur Tadej Pogacar (vorne) konnte Paul Seixas bei Lüttich-Bastogne-Lüttich abhängen. Foto: Pool Bernard Papon/Belga/dpa

Und hier könnte es für die Beziehung zwischen Seixas und Frankreich heikel werden. Denn Pogacars Team UAE möchte den Wunderknaben gern verpflichten - ebenso wie das deutsche Team Red Bull übrigens. Geld war in dem Scheich-Rennstall noch nie ein Problem, Teamchef Mauro Gianetti soll bereits Gespräche mit dem bis 2027 gebundenen Seixas und dessen Entourage geführt haben. Auf acht Millionen Euro sollen sich die Gehaltsforderungen belaufen - so viel verdient nur Pogacar.

Tour oder Giro?

Seixas‘ Team Decathlon ist auch nicht gerade knapp bei Kasse. Und Präsident Macron soll der Mannschaft in Sachen Seixas seine volle Unterstützung zugesichert haben. Schon einmal griff Macron bei einem Sportstar des Landes ein. Als Kylian Mbappé sich 2022 in Richtung Real Madrid verabschieden wollte, bat Macron den Stürmer, in Frankreich zu bleiben. Der Wechsel fand dann erst zwei Jahre später statt.

Auch Seixas sollte bis mindestens 2027 bei Decathlon bleiben. In der Zeit muss man ihm ein Team zusammenstellen, mit dessen Hilfe er die Tour gewinnen kann. „Das ist mein großer Traum“, sagte Seixas. Wie gut er bereits ist, verdeutlichte Alexandre Roos, Radsport-Chef der Sporttageszeitung „L’Équipe“: „Er ist ein Vorreiter der französischen Revolution. Paul Seixas ist das fortschrittlichste Modell des Radsports, eine ausgereiftere Version von Tadej Pogacar. Der war in diesem Alter noch nicht einmal Profi und aß noch Pizza.“

Ob er bereits in diesem Jahr die Tour fahren wird, möchte Seixas in den kommenden Tagen offenbaren. Einer ist jedenfalls dagegen. „Ich bin nicht überzeugt“, meinte Hinault. „An seiner Stelle würde ich erst den Giro d’Italia fahren, um ein Gespür für ein dreiwöchiges Rennen zu bekommen.“ Für ein Duell mit Pogacar bei der Tour sei Seixas noch nicht bereit. Erst recht, weil der Slowene in diesem Jahr den Rekord von fünf Gesamtsiegen einstellen kann.

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