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HSV nach dem Derby-Sieg: Baumgarts Wut, Boldts Werbung

Steffen Baumgart rechnet mit seinen Kritikern ab. Foto: Marcus Brandt/dpa

Steffen Baumgart rechnet mit seinen Kritikern ab. Foto: Marcus Brandt/dpa Foto: Marcus Brandt/dpa

Der HSV feiert in der 2. Liga den zweiten Sieg in Serie - und das im Derby gegen St. Pauli. Der Aufschwung kommt aber wohl zu spät. Der Trainer und der Sportvorstand möchten dennoch weitermachen.

Von Claas Hennig, Sebastian Stiekel und Stefan Flomm Samstag, 04.05.2024, 13:00 Uhr

Hamburg. Auf die Hochstimmung rund um den Hamburger SV nach dem Sieg im 111. Stadtderby reagierten Trainer Steffen Baumgart und Sportvorstand Jonas Boldt jeder auf seine Weise. Baumgart nahm sich nach dem verdienten 1:0 gegen den ungeliebten Nachbarn und Zweitliga-Tabellenführer FC St. Pauli am Freitagabend seine Kritiker vor, Boldt machte in erster Linie Eigenwerbung.

Baumgart wütet am Sky-Mikrofon

„Ich habe den Job hier. Ich mache den gerne. Und alle anderen können mich mal da, wo ich noch schöner bin“, wütete der 52-jährige Baumgart wenige Minuten nach dem Schlusspfiff am Mikrofon des TV-Senders Sky. Seine Spieler jubelten, tanzten und sprangen währenddessen vor und mit den Fans in der Nordkurve.

Er wisse, dass er ein guter Trainer sei, „egal ob man Erfolg hat oder nicht. Ich weiß, was ich kann. Da brauche ich keinen von außen“, sagte Baumgart weiter. Seine Kritiker „können erzählen, was sie wollen - ist ihr gutes Recht. Wir sind ja alle froh, dass wir in einem freien Land leben. Jeder darf sich äußern. Es äußern sich ja sogar Leute, die die letzten 20 Jahre gar nicht in Hamburg waren.“

Spekulationen um Auswechslung von HSV-Trainer und Sportvorstand

Seit der erneute Nicht-Aufstieg des einstigen Dauermitglieds der Fußball-Bundesliga immer wahrscheinlicher wird, finden sich der erst im Februar verpflichtete Baumgart und der seit fünf Jahren amtierende Sportvorstand Boldt inmitten von Spekulationen wieder. Jörg Schmadtke (60) und Felix Magath (70) werden als mögliche Boldt-Nachfolger öffentlich genannt oder bringen sich selbst ins Spiel.

Daum nennt Baumgart-Verpflichtung einen „Riesenfehler“

Magath hat angeblich im einstigen Weltstar Raul gleich auch eine Trainer-Lösung parat. Der frühere Meistertrainer Christoph Daum nannte die Verpflichtung Baumgarts in einem „11Freunde“-Interview einen „Riesenfehler“ und kritisierte damit auch Boldts Personalentscheidung.

Schon am Rande des 4:0-Erfolg der Hamburger bei Eintracht Braunschweig hatte Boldt für sich geworben und betont, auch in der kommenden Spielzeit im Amt sein zu wollen. Schließlich habe er noch einen Vertrag bis 2025. Auch nach dem wichtigsten Sieg der Saison gegen den FC St. Pauli gab der 42-Jährige ein Statement vor allem in eigener Sache ab.

„Wenn ich die letzten Wochen so sehe, die Unterstützung erfahre, mit den Menschen, mit denen ich arbeite, und im Umfeld, dann gibt es für die auch nur eine klare Meinung. Alles andere kann ich nicht beeinflussen“, sagte Boldt. „Dass es Unmut gibt, wenn man Spiele nicht gewinnt, wenn man nicht auf einem Aufstiegsplatz steht, weiß ich auch. Das beschäftigt mich aber relativ wenig.“ Er sei ungebrochen in der Energie mit dem Club, der Truppe, den Fans, hier voranzugehen. „Da gibt es sehr, sehr viel Unterstützung.“

Was die Ultra-Anhängerschaft von Gedankenspielen wie mit dem unter anderem von HSV-Investor Klaus-Michael Kühne (86) bevorzugten Magath hält, machte sie während der Partie im Stadion mit einem Banner klar: „Identität und Konstanz statt große Namen und einfache Lösungen. Strippenzieher entmachten, Kühne verpiss dich“.

Dass der HSV wohl nur noch rechnerische Chancen auf den Aufstieg hat, ist ein Fakt. Zum fünften Mal unter Boldts Führung und zum sechsten Mal insgesamt seit dem Abstieg 2018 ist das Scheitern nah. Vier Punkte trennen die Hamburger weiter von Fortuna Düsseldorf auf dem Aufstiegsrelegationsplatz drei.

Dazu haben die Rheinländer auch noch die mit 13 Treffer bessere Tordifferenz. Bei noch zwei ausstehenden Spielen hat es der Verein aus dem Volkspark nicht mehr in der eigenen Hand und muss auf einen Einbruch der Düsseldorfer hoffen. Danach sieht es nach deren 3:1 gegen den 1. FC Nürnberg am Freitag aber nicht aus.

Umso mehr war der Sieg durch den Treffer von Robert Glatzel (82. Minute) in dem so emotionsgeladenen Duell gegen den Nachbarn vom Kiez Balsam für die HSV-Seele. Dass der vorzeitige Aufstieg des FC St. Pauli damit verhindert worden war, machte den Triumph noch süßer.

Wie schon beim Sieg in Braunschweig sechs Tage zuvor zeigte die Mannschaft vor 56 100 Zuschauern eine starke Vorstellung, ließ das in dieser Saison wohl beste Team der Liga kaum zur Entfaltung kommen. „Ich habe Zeit gekriegt zu arbeiten“, sagte Baumgart auf die Frage, warum es nicht schon vor den beiden Partien so gelaufen sei. „Lassen Sie mir mal die Zeit zu arbeiten. Dann bekommen wir die ein oder andere Situation hin.“

Baumgart ist im Februar zu seinem Lieblingsclub gekommen, um zu bleiben. Und hofft dies dem Anschein nach in derselben Konstellation zu tun wie bisher. „Es ist Ruhe im Verein. Ich lese immer nur, und das ist es“, sagte er über die Spekulationen. „Ich habe nicht das Gefühl, dass irgendeiner vom HSV, der hier arbeitet, Handlungsbedarf hat oder sieht.“ Am Ende liegt alles in Händen des Aufsichtsrats. Der schweigt bisher. (dpa)

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