Hamburger Schauspielerin Carolin Spieß gilt als "Hans Dampf in allen Gassen“
Schauspielerin Carolin Spieß verkörpert in den Schmidt-Häusern viele Charaktere, deren Alter sie noch gar nicht erreicht hat.
Schauspielerin Carolin Spieß ist seit mehr als 20 Jahren an den Hamburger Schmidt Theatern engagiert. Auf der Bühne gibt die gebürtige Hannoveranerin meistens die quirlig-lauten Charaktere, hinter den Kulissen schaltet sie gern mal einen Gang herunter.
Carolin Spieß mag knallige Farben. In ihrer roten Hose, ihrem lila Oberteil und ihrer rosa Strickjacke sticht sie selbst aus der Ferne ins Auge. Zum Interview im Restaurant Reep auf dem Kiez hat Carolin Spieß ihren Sohn mitgebracht. Er zieht sich mit einem Tablet in eine ruhige Ecke zurück, während seine MutterTAGEBLATT-Mitarbeiterin Dagmar Leischow Rede und Antwort steht.
TAGEBLATT: Sie sind in Ahrensburg aufgewachsen. Stand für Sie schon als Kind fest, dass Sie Schauspielerin werden wollten?
Carolin Spieß: Nein. In meiner Familie gab es keine Künstler, deshalb konnte ich mir die Schauspielerei gar nicht als Beruf vorstellen. Obwohl ich relativ schnell meine Leidenschaft für das Theater entdeckt habe - durch das Schultheater an der Stormarnschule. Meine erste Hauptrolle bekam ich in der fünften Klasse in James Krüss „Die gestohlene Uhr“. Ich habe einen Mann gespielt. Meinen Text kann ich bis heute auswendig.
Waren Sie ein extrovertiertes Mädchen, das daheim alle Besucher unterhalten hat?
Ich habe zu Hause keine Kasperle-Vorstellungen gegeben. Aber ich habe Geige gespielt, sehr intensiv. Ich bin in Konzerten aufgetreten und habe sogar darüber nachgedacht, vielleicht Geige zu studieren. Bei „Jugend musiziert“ sollte ich auch mitmachen, das war mir jedoch ein bisschen zu viel Druck.
War es nicht ebenso stressig, nach dem Abitur an einer Schauspielschule vorzusprechen?
Das habe ich mich anfangs überhaupt nicht getraut. Erst mal habe ich Romanistik und Germanistik studiert, allerdings nicht sehr lange. Sehr gute Freunde haben immer zu mir gesagt: „Mach doch das, was du am liebsten tust.“ Tatsächlich hat sich in meiner Freizeit alles um Theater gedreht, das war meine wahre Leidenschaft. Ich bin oft ins Theater gegangen, ich habe Kabarett gemacht. Über den Thalia Treffpunkt konnte ich an einem europäischen Theatertreffen teilnehmen, dafür wurden aus jedem Land sechs Leute ausgewählt. Ich habe einen Nibelungen-Workshop belegt - das war richtig toll. Eines Morgens bin ich dann aufgestanden und wusste plötzlich: Jetzt bewerbe ich mich an einer Schauspielschule. Ich habe direkt einen Platz bekommen.
Wie schwierig war es für Sie, nach Ihrem Studium am Hamburger Schauspielstudio Frese als Schauspielerin Fuß zu fassen?
Das war nicht so leicht. Ich war nie ein Gretchen oder eine Julia, ich war halt kein zartes Mädchen. Für die dünnen Figuren war ich zu dick, für die dicken zu dünn. Man erklärte mir: „Für dich wird es ab 30 einfach. Bis dahin musst du durchhalten.“ Das stimmte. Ich bin der klassische Typ für eine Alterskarriere. Für viele Frauen ist zumindest im Fernsehen ab 40 die Zeit abgelaufen. Ich glaube, für mich gilt das nicht. Denn ich habe nie die Superschöne gespielt. Auch in den Schmidt-Häusern verkörpere ich viele Charaktere, deren Alter ich noch gar nicht erreicht habe. Insofern ist da noch viel Luft nach oben.
Zunächst bekamen Sie aber Engagements in der Provinz, oder?
Genau. Ich war am Theater Combinale in Lübeck, dort war es sehr nett. In Nürnberg am Gostner Hoftheater war ich ebenfalls engagiert. Außerdem hatte ich zusammen mit Axel Pätz ein eigenes Chansonprogramm, mit dem wir in ganz Deutschland aufgetreten sind. Kindertheater habe ich auch gemacht. Wenn ich damit auf Tournee war, musste ich um 4 Uhr morgens aufstehen und aufbauen.
Wie sind Sie schließlich ans Schmidt Theater gekommen?
1999 habe ich am Imperial Theater eine Late Night Show gespielt. Annett Eiselt, die damals Produktionsleiterin im Schmidt war, hat mich gesehen und zum Vorsprechen bei Thomas Matschoß eingeladen. Lustigerweise war ich zusammen mit Heiko Wohlgemuth bei diesem Termin. Wir streiten bis heute, wer als Erster an der Reihe war. Auf jeden Fall kamen wir direkt hintereinander dran, wir sind jetzt immer noch beide im Schmidt. Hier arbeiten wir eng und viel zusammen.
Sie scheinen eher auf die lauten, schrillen Rollen abonniert.
So bin ich besetzt. Auf der Bühne gelte ich als Hans Dampf in allen Gassen. Doch ich könnte auch mal eine ruhigere Figur spielen. Privat bin ich nämlich gar nicht so schrill. Zu Hause prokele ich viel herum. Weil ich schnell durch Lärm überlastet bin, suche ich zwischendurch die Stille. Dann schließe ich in meiner Wohnung in Ottensen alle Fenster und brauche absolute Ruhe.
Wird Ihnen der Trubel im Theater auch gelegentlich zu viel?
Auf der Bühne habe ich es gern laut. Was ich am Theater so schätze, ist das Gemeinschaftserlebnis. Natürlich wird bei einer Vorstellung geklatscht und mitgesungen. Gerade von Kindern kommen Zwischenrufe. Sie sagen Nein oder warnen die Akteure vor etwas. Das mag ich total gern, trotzdem brauche ich ab und zu Auszeiten.
Können Sie nach einem Auftritt sofort wieder herunterfahren?
Ich kann nicht von der Bühne ins Bett gehen, weil ich zu aufgeputscht bin. Auf der anderen Seite stehe ich durch den Schulalltag meines Sohnes früh auf und bin deshalb früher müde als manch anderer.
Also ziehen Sie nachts nicht mehr über den Kiez?
Das schaffe ich bei meinem Pensum gar nicht. Ich konzentriere mich vor allem auf die Schmidt-Häuser. Hier kann man nett zusammensitzen und gut essen. In unseren Theatern besuche ich gern Gastvorstellungen. Ich gehe auch manchmal in die umliegenden Theater. Im St. Pauli Theater habe ich mir „Nebenan“ und „Die Dreigroschenoper“ angeguckt. Bei „Hamilton“ im Operettenhaus war ich ebenfalls.
Wenn Sie sich Fremdproduktionen ansehen, ist das gewiss für Ihre Arbeit als Regisseurin spannend. Haben Sie sich danach gesehnt, eines Tages Regie zu führen?
Es gab eine Phase, in der ich kurz darüber nachdachte, mich auf Regie zu konzentrieren. Ich habe mich damals bei der Filmakademie nach diesem Studiengang erkundigt, dachte aber: Ach, das schaffe ich eh nicht … Ich habe mir diese Aufgabe nicht zugetraut. Mit der Zeit habe ich dann im Schmidt die Abendspielleitung übernommen. Irgendwann sagt Corny Littmann zu mir: „Du kriegst jetzt dein eigenes Stück.“ Meine erste Inszenierung war „Cinderella“ im Winterhuder Fährhaus, eine Co-Produktion mit dem Schmidt. Damit war der Funke entfacht, ein vergrabener Traum ist in Erfüllung gegangen.
Nun inszenieren Sie alle Kindertheaterstücke im Schmidt. Sind Kinder als Publikum eine Herausforderung, weil sie so ehrlich sind?
Im Gegenteil: Sie sind ein dankbares Publikum. Zumindest bis zur vierten, fünften Klasse erlebe ich Kinder durchweg positiv. Sie sind unglaublich fröhlich, sie freuen sich auf das, was sie erwartet. Das Problem sind eher die Erwachsenen, die in den Kindervorstellungen ihre E-Mails checken. Ich habe den Ehrgeiz, die Eltern dazu zu bringen, dass sie ihr Handy beiseitelegen. Das passiert meistens wirklich.
In Ihren Rollen kultivieren Sie den Hamburger Slang. Fühlen Sie sich mittlerweile als Hamburgerin?
Die Hamburger sind ja fies streng. Wenn man nicht hier geboren ist, darf man sich eigentlich nicht Hamburger nennen. Ich sehe das anders. Ich fühle mich als Urhamburgerin und bin zugleich Schleswig-Holstein verbunden. Denn ich habe einen Zweitwohnsitz in Ostholstein, ich besitze ein kleines Haus in einer autofreien Zone an der Ostsee. Um es auf den Punkt zu bringen: Ich bin ein nordischer Mensch, ich gehöre in den Norden.
Können Sie am Wasser am besten entspannen?
Ich gehe in allen Jahreszeiten an der Elbe spazieren. Von Ottensen aus bin ich in zehn Minuten in Övelgönne. Als Theaterschauspielerin habe ich einen anderen Arbeitsrhythmus als der Durchschnittsbürger. Das heißt, ich muss nicht Sonntagnachmittag an die Elbe, da ist es mir dort zu voll. Aber unter der Woche habe ich das Gefühl, am Elbstrand im Urlaub zu sein. Genauso gern gehe ich mit meinem Mann oder meinem Sohn an der Ostsee spazieren. Ich mag es, in meinem Garten herum zu puzzeln. Vielleicht streiche ich mal ein Schränkchen, ich lese auch viel. Wenn mein Mann und mein Sohn morgens die Wohnung verlassen haben, pflege ich ein lieb gewonnenes Ritual: Ich hole mir eine Tasse Kaffee und lese eine halbe Stunde Zeitung oder ein Buch.
Bitte ergänzen Sie...
Meine Lieblingsorte in Hamburg... sind Övelgönne und der Jenischpark.
Heidi Kabel... war eine richtig gute Schauspielerin, die ihr Handwerk beherrscht hat. Ihre Schlagfertigkeit und ihre Herzlichkeit waren bewundernswert.
Hamburger Platt... finde ich unglaublich liebenswert. Ich höre es sehr gern.
Als Bürgermeisterin von Hamburg... würde ich auf jeden Fall noch viel mehr Autos abschaffen und sichere Radwege bauen. Hamburger Schietwetter... ist manchmal schon lästig. Vor allem, wenn man klatschnass bei der Arbeit ankommt. Aber das gehört eben dazu. Als Hamburger muss man damit umgehen können.
Zum Lachen... bringen mich uneitle Menschen.
Zur Person
Carolin Spieß wurde am 4. August 1970 in Hannover geboren. Sie wuchs in Ahrensburg auf, heute lebt sie mit ihrer Familie in Hamburg-Ottensen. Von 1991 bis 1994 machte sie ihre Schauspielausbildung am Hamburger Schauspielstudio Frese. Seit 1999 ist sie am Schmidt Theater engagiert. Dort stand sie unter anderem in „Heiße Ecke“ oder „Die Königs vom Kiez“ auf der Bühne. Ihr Regiedebüt gab sie 2009 mit „Cinderella“ im Winterhuder Fährhaus. Im Schmidt inszeniert sie alle Kindertheaterstücke, sie hat aber auch bei „Cindy Reller“ Regie geführt. Ihre Produktion „Der kleine Störtebeker“ läuft noch bis zum 4. Juni im Schmidt Theater. Im Fernsehen wirkte sie zum Beispiel in „Neues aus Büttenwarder“, „Die Pfefferkörner“ oder „Stubbe“ mit. Außerdem steht sie für Filme wie zuletzt „Mittagsstunde“ vor der Kamera.