Zähl Pixel
Wetter

TMehr als nur Matsch: Wenn die große Schmelze im Kreis Stade beginnt

Die glitzernde Pracht schmilzt wieder - hier in Jork im Alten Land.

Die glitzernde Pracht schmilzt wieder - hier in Jork im Alten Land. Foto: Richter

Aus der weißen Pracht im Kreis Stade wird nun wieder Wasser. Kann das zum Problem werden? Meteorologen und Naturexperten antworten.

author
Von Anping Richter
Dienstag, 13.01.2026, 11:41 Uhr

Landkreis. Der große Schnee wird zum großen Matsch: Das bringen die milderen Temperaturen mit sich. Laut Marc Wenthe vom Deutschen Wetterdienst (DWD) wird die milde Phase im Landkreis Stade und im Großraum Hamburg am Dienstag und Mittwoch Temperaturen um die 5 bis 7 Grad Celsius bringen. Bis Freitag wird das milde Wetter bleiben, auch wenn es in der Nacht zu Donnerstag wieder ein wenig kälter werden kann.

„Es taut jetzt langsam vor sich hin“, sagt Wenthe. Angesichts der Menge, die heruntergekommen ist, dürfte mit überfluteten Feldern, großen Pfützen und matschigem Boden auf den Feldern und in den Wäldern zu rechnen sein. Hochwasser sei durch das Schmelzwasser laut DWD allerdings nicht zu befürchten: Es sind keine bedeutenden, ergiebigen Regenfälle zu erwarten.

Bodenfrost wird schnell verschwinden

Schon am Dienstag dürfte auch der Bodenfrost verschwunden sein, der am Montagmittag noch eine Tiefe von etwa 5 Zentimetern erreichte. Das ist bei der knackigen Kälte am Wochenende vergleichsweise wenig, aber die Schneedecke isoliert die Schicht darunter, erklärt der Meteorologe vom DWD.

Auf dem Eis im Fleth verendeter Raubfisch.

Auf dem Eis im Fleth verendeter Raubfisch. Foto: Thomas Sulzyc

Auch das Eis auf Flüssen und Teichen taut. Angler freuen sich darüber, sagt Eckhard Block, 1.Vorsitzender des Angelvereins Scheeben Wind von der Este. Denn wenn die Eisdecke an ihren Revieren zufriert, ziehen Kormorane und Reiher an die Obereste. „Reiher stehen am Ufer und hacken im Wasser nach Fischen. Kormorane tauchen beim Jagen, aber nicht unter Eis.“ Ein Opfer eines Reihers könnte der recht große, tote Fisch geworden sein, der am Montag auf dem Eis am Fleth in Buxtehude lag. Ein Hecht - vermutlich, sagt Block angesichts des Verwesungszustands.

Verendeter Raubfisch auf dem Eis des Fleths in Buxtehude - die Möwe findet ihn offenbar noch appetitlich.

Verendeter Raubfisch auf dem Eis des Fleths in Buxtehude - die Möwe findet ihn offenbar noch appetitlich. Foto: Thomas Sulzyc

„Auf jeden Fall war es ein Raubfisch. Die Friedfische, also Weißfischarten und auch Neunaugen, liegen zurzeit ruhig auf dem Grund in der Winterruhe.“ Allerdings könnte der Fisch auf dem Fleth-Eis auch einem anderen Tier aus dem Maul gefallen sein, merkt Block an: „Dem verfluchten Fischotter.“ Der gehört zu den am strengsten geschützten Säugetieren des Landes. Auch der Landkreis Stade ist seit Jahren bemüht, seine Lebensräume zu erhalten und zu verbessern.

Was es mit dem „verfluchten Fischotter“ auf sich hat

„Wo Otter sich wohlfühlen, ist die Natur noch intakt“, sagte die Deutsche Wildtierstiftung 2021, als sie den Fischotter zum Tier des Jahres ernannte. „Ja, auch der Kormoran war mal gefährdet. Aber jetzt nimmt das überhand“, sagt Eckhard Block. Der Äschen-Bestand sei schon bedenklich geschrumpft. Umso froher ist er, dass Kormorane und Reiher wieder in ihre Stammreviere an der Untereste zurückkehren können.

In gefrorenen Gewässern wie hier an der Esteburg in Moorende lässt es sich nicht so gut jagen - Reiher und Kormorane suchen sich dann andere Fischgründe, zum Beispiel an der Obereste.

In gefrorenen Gewässern wie hier an der Esteburg in Moorende lässt es sich nicht so gut jagen - Reiher und Kormorane suchen sich dann andere Fischgründe, zum Beispiel an der Obereste. Foto: Richter

Viele Vögel sind aber auch auf der Flucht, weiß TAGEBLATT-Autor Wolfgang Kurtze. Der harte Winter hat viele Vögel aus der norddeutschen Winterlandschaft vertrieben, sagt der promovierte Biologe und Vorsitzende der Lions-Naturschutz-Stiftung. „Kälteflucht“ nennen Biologen dieses Verhalten. Seit der Schneefall begann, seien viele Reiher aus der Region weggeflogen.

Doch das Schneefallgebiet ist groß. Sie mussten sehr weit fliegen, um aus der Kältezone herauszukommen. Besonders die Silberreiher dürften es schwer haben, denn sie stammen ursprünglich aus Süd- und Südosteuropa und sind erst in den letzten Jahren in Norddeutschland häufiger zu sichten. „Es werden einige sterben“, sagt Kurze.

Biologe sorgt sich um die Vogelbestände

Kurtze sieht all das mit Sorge, denn die Vogelbestände seien ohnehin ganz stark eingebrochen: „Die Tiere sind auch nicht mehr so widerstandsfähig, da macht sich jeder Faktor bemerkbar.“ Wegen der Schneedecke können viele Vögel nur schwer Nahrung finden.

Die aktuelle Schmelze habe dagegen keinen großen Einfluss auf die Natur: „Es geht ja um die Temperatursumme, und die ist noch völlig normal für diese Jahreszeit.“ Einige Pflanzensamen brauchen sogar einen Frostreiz für ihre Entwicklung. Den könnte es allerdings bald erneut geben.

„Noch ist der Winter nicht vorbei“, sagt Meteorologe Marc Wenthe und prognostiziert zum Wochenende wieder Frost.

Copyright © 2025 TAGEBLATT | Weiterverwendung und -verbreitung nur mit Genehmigung.

Die Redaktion empfiehlt
Weitere Artikel