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Ungewöhnlicher Kirchenkonflikt

Aufstand der „Schoko-Nonnen“ endet in Spanien mit Rauswurf

Die Klarissen sind für ihre Süßigkeiten aus der Klostermanufaktur bekannt. (Handoutbild)

Die Klarissen sind für ihre Süßigkeiten aus der Klostermanufaktur bekannt. (Handoutbild) Foto: ---/Francisco Canals/dpa

Ein bizarrer Konflikt in Spanien steuert auf einen dramatischen Höhepunkt zu: Eine Gruppe abtrünniger Klarissen, „Schoko-Nonnen“ genannt, steht kurz davor, ihr Zuhause zu verlieren. Wie kommt es dazu?

Von Emilio Rappold, dpa Mittwoch, 11.03.2026, 06:20 Uhr

Belorado. Schwester Paloma blickt betrübt in die Kamera und sagt leise: „Wir sind Opfer einer Verfolgung, einer Verfolgung wegen unseres Glaubens. Anders lässt sich so viel Bösartigkeit nicht erklären.“ Nach fast zweijährigem Streit mit der katholischen Kirche werden Paloma und sechs weitere rebellische Nonnen in Spanien jetzt aus ihrem langjährigen Zuhause vertrieben.

Die Justiz entschied, dass die früheren Angehörigen des Ordens der Klarissen ihr Kloster im 1.800-Seelen-Dorf Belorado am Jakobsweg im Norden des Landes, das vom Orden seit 1349 bewohnt wird, bis Donnerstag um 9.30 Uhr verlassen müssen - sonst droht eine Zwangsräumung mit Polizei und Gerichtsvollzieher. Der Countdown läuft.

Schwester Paloma beklagt eine „Verfolgung“ und bittet um Hilfe. (Handoutbild)

Schwester Paloma beklagt eine „Verfolgung“ und bittet um Hilfe. (Handoutbild) Foto: ---/Francisco Canals/dpa

Die kämpferischen Frauen hatten zuvor mehrere Räumungsaufforderungen ignoriert und sich im Kloster regelrecht verbarrikadiert. Doch nun werfen sie das Handtuch. Die Abtrünnigen im Alter von bis zu 61 Jahren wollen keinen demütigenden Rauswurf vor TV-Kameras und deshalb kurz vorher ausziehen. „Sie sind verzweifelt, am Boden zerstört“, erzählt ihr Sprecher Francisco Canals der Deutschen Presse-Agentur. „Sie wollen gehen, ohne gesehen zu werden - aus Würde.“ Am Donnerstag würden ihre Anwälte die Schlüssel übergeben.

Bruch mit dem Vatikan

Der außergewöhnliche, ja bizarre Konflikt sorgt in ganz Spanien und über die Grenzen hinaus bereits seit Anfang Mai 2024 für Schlagzeilen: Die „Schoko-Nonnen“, die für ihre Süßigkeiten aus der Klostermanufaktur bei Wandersleuten und in ganz Spanien bekannt sind, sagten sich damals von der Amtskirche los und erklärten: „Wir erkennen den Vatikan nicht an - es ist eine Farce.“

Die Aufsässigen sind überzeugt: Die katholische Kirche habe sich seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil von der „wahren Lehre“ entfernt. Statt Gott stehe der Mensch im Mittelpunkt, beklagten sie in einem Aufsehen erregenden „Manifest“. Von den ursprünglich 16 Rebellinnen gaben einige etwa aus Altersgründen den Kampf auf, andere änderten ihre Meinung und zogen weg.

Die Verbliebenen folgen in etwa der Lehre des Pablo de Rojas Sánchez-Franco - eines selbst ernannten Bischofs, der eine ultrakonservative Glaubensgemeinschaft namens „Pia unio sancti pauli apostoli“ gegründet hat und seit 2019 exkommuniziert ist. Der exzentrische 45-Jährige, ein erklärter „Bewunderer“ von Diktator Francisco Franco, der sich gern mit Luxus umgibt, behauptet, der Papstsitz sei seit dem Tod von Pius XII. im Jahr 1958 vakant, weil alle Nachfolger die wahre Glaubenslehre verraten hätten.

„Man will uns zerschlagen, auslöschen, weil wir wohl etwas zu sagen haben, das man nicht hören will“, mutmaßt Schwester Paloma im Video, das kurz vor der Räumung des Klosters an verschiedene Medien in Spanien geschickt wurde. „Man hat gesagt, wir seien verrückt, eine Sekte - und noch viel Schlimmeres.“

Auch das Innenministerium in Madrid gab Kontra

Wenige Wochen nach der Lossagung vom Vatikan wurden die Nonnen im Juni 2024 exkommuniziert, also aus der Kirche ausgeschlossen. Im Anschluss daran entbrannte ein Streit um die Kontrolle über das Kloster in Belorado und weitere Immobilien der Gemeinschaft, die die Nonnen ebenfalls verlieren werden.

Insgesamt acht Verfahren sind anhängig. Die Frauen lehnten jede Verhandlung mit Burgos Erzbischof Mario Iceta ab und kamen den Aufforderungen, die Schlüssel abzugeben, nie nach. Immer wieder hatten sich in den vergangenen knapp zwei Jahren Dutzende in- und ausländische TV-Teams vor dem Eingangstor mit dem Schild „Privatgrund. Betreten verboten“ ein Stelldichein gegeben. Schließlich forderte der Erzbischof von Burgos Gläubige auch auf, nicht mehr an den Messen im „besetzten“ Kloster teilzunehmen.

Die Frauen hatten zwischenzeitlich auch versucht, ihre Gemeinschaft in eine zivile Vereinigung umzuwandeln, um nach der Trennung von der Kirche weiter gemeinsam leben und das Kloster verwalten zu können. Das Innenministerium in Madrid verweigerte jedoch die Registrierung. Nach Auffassung der Kirche und der Justiz verloren die Frauen damit auch ihr Recht, im Kloster zu wohnen, sowie darüber hinaus jeden Anspruch auf das Vermögen des Klosters. Casals versichert: „So etwas hat es in Spanien noch nie gegeben!“

Ungewisse Zukunft

Nun stehen die Nonnen nach eigenen Angaben vor dem Nichts. „Unsere nächste Herausforderung ist es, zusammenzubleiben. Nicht, weil es keinen Zusammenhalt gibt, sondern weil uns die Mittel fehlen. Man hat uns alles genommen“, beklagt Paloma. Man werde „entwurzelt“ und spüre einen „tiefen Schmerz“. Sie bat um finanzielle Unterstützung: „Wir müssen Gerichtsverfahren und viele Menschen bezahlen, Reisekosten, Sprit, Mietwagen und vieles mehr.“

Droht Obdachlosigkeit? Die Nonnen kommen zunächst bei Bekannten und Helfern unter. Es habe zwar sehr viele „Angebote“ gegeben, erzählt Canals. Aber die Suche nach einem Domizil für die Frauen gestalte sich schwierig, „weil sie zusammenbleiben wollen und zudem viele Haustiere haben“. „Sie sind nicht nur seelisch, sondern auch finanziell ruiniert, weil man all ihre wirtschaftlichen Aktivitäten boykottiert hat - etwa den Verkauf von Schokolade und Gebäck.“

Einen solchen „Rauswurf“ habe es in Spanien noch nie gegeben, versichert Sprecher Canals. (Archivbild)

Einen solchen „Rauswurf“ habe es in Spanien noch nie gegeben, versichert Sprecher Canals. (Archivbild) Foto: Europa Press/Europapress/dpa

Im Februar wurde deshalb das Online-Projekt „Queremos un convento“ (Wir wollen ein Kloster) ins Leben gerufen - ein „Solidaritätsaufruf an alle Spanier“. Man hofft auf eine Spende oder ein Schnäppchen in einem der von Landflucht betroffenen Gebiete: „In einem zunehmend entvölkerten Spanien gibt es Hunderte verlassene Gebäude, in denen niemand lebt“, heißt es in dem Aufruf.

Trotz allem blicken die Rebellinnen optimistisch in die Zukunft. Diese werde nicht von ihren Gegnern bestimmt, „sondern von Gott“. Paloma: „Nun müssen wir nach vorne schauen - als starke Frauen, mit der Gnade und Kraft, die der Herr uns gibt. Er führt uns, und wir gehen vertrauensvoll dorthin, wohin er uns führt.“

Der spanische Fall erinnert an den der drei betagten rebellischen Nonnen aus Österreich, die im September 2025 ein ihnen zugewiesenes Altersheim verlassen und das leerstehende Kloster im Schloss Goldenstein bei Salzburg wieder bezogen hatten. Dort hatten sie zuvor jahrzehntelang gelebt, und dort wollen die über 80-jährigen Frauen ihren Lebensabend verbringen. Dieser Schritt löste einen Konflikt mit dem für Schwestern zuständigen Ordens-Vertreter aus und machte international Schlagzeilen. Die Vatikan-Behörde für Ordensangelegenheiten teilte den Schwestern schließlich mit, dass sie daran arbeite, eine „gerechte, menschliche und nachhaltige Lösung zu finden“.

Das „Monasterio de Santa Clara“ wird von den Klarissen seit 1349 bewohnt. (Archivbild)

Das „Monasterio de Santa Clara“ wird von den Klarissen seit 1349 bewohnt. (Archivbild) Foto: Tomás Alonso/Europapress/dpa

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