Samy Deluxe über persönliche Dramen: „Hip-Hop war mein Rettungsanker“
Rapper Samy Deluxe. Foto: Georg Wendt/dpa
Der Hamburger Rapper spricht im TAGEBLATT-Gespräch über seine Comeback nach schöpferischer Pause und und sein Gefühl, alles schon erlebt zu haben.
Von Dagmar Leischow
In einem kleinen Ort in Niedersachsen hat sich der Rapper Samy Deluxe sein eigenes Paradies erschaffen - mit einem Studio und einem Wohnbereich. Der gebürtige Hamburger sitzt in seinem Garten, im Hintergrund zwitschern die Vögel. In dieser idyllischen Umgebung wirkt der 45-Jährige vollkommen entspannt, zum Reden muss man ihn nicht großartig animieren, die Worte sprudeln förmlich aus ihm heraus. Doch sein Album „Hochkultur 2“, das am 11. August erscheint, zeugt davon, dass es in seinem Inneren zuweilen brodelt.
TAGEBLATT: Hip-Hop feiert in diesem Jahr seinen 50. Geburtstag. Erinnern Sie sich noch daran, wann Sie diese Musik zum ersten Mal gehört haben?
Samy Deluxe: Das muss so 1987 gewesen sein. Der ältere Bruder eines Grundschulfreundes hatte ein paar Kassetten von Run DMC, Ice T, Public Enemy und Fat Boys. Das waren die ersten Rapper, die ich entdeckt habe. Dann bin ich immer tiefer in das Genre eingestiegen.
Sie sagen von sich, Sie seien ein schwieriges Kind und ein noch schlimmerer Teenager gewesen. Was hat Ihnen Hip-Hop damals gegeben?
Er war mein Rettungsanker. Ich bekam Zugang zu unterschiedlichen Ausdrucksformen: zum Malen, zum Komponieren, zum Texten. Die Art von Hip-Hop, der ich als Teenager begegnete, hat die Jugendlichen von der Straße geholt. Afrika Bambaataa, einer der Urväter des Hip-Hop, hat mit seiner Organisation Zulu Nation ein Regelwerk vorgegeben: Hip-Hop ist gegen Gewalt, gegen Sexismus, gegen Rassismus, gegen Drogen und Gewalt. Im Gegensatz zu meinen Freunden, die immer krassere Drogen genommen haben, brauchte ich bis zu meinem 17. Lebensjahr nichts außer Hip-Hop. Dann habe ich zum ersten Mal an einem Joint gezogen, seither jeden Tag. Aber nicht als crazy Einstiegsdroge - ich glaube, bei mir sollte das einfach so sein.
Den größten Kick gibt Ihnen Ihre Musik. Soll sie Sie unsterblich machen?
Das hat sie schon gemacht. 2004 habe ich mir mal ausgerechnet, dass ich bis dato über eine Million Tonträger verkauft hatte. Das ist etwas anderes, als sich über Streaming-Erfolge zu feiern. Heute kann jeder alles umsonst streamen. Wer aber physische Tonträger gepresst hat, ist zumindest für einzelne Personen unsterblich.
Glauben Sie, Ihre Songs werden nach Ihrem Tod so wertgeschätzt wie Mozarts Kompositionen?
Kann ich mir nicht vorstellen. Für deutschen Hip-Hop sehe ich das nicht, eher für die internationalen Sachen. Die Platten von A Tribe Called Quest findet man ja bereits jetzt in den Listen der besten Alben aller Zeiten. Andererseits gibt es Schulmaterial und Reclam-Hefte, die auf meinen Texten basieren. Auf diese Weise werden meine Worte noch mal immortalisiert und weitergetragen.
Trotz Ihres Erfolgs gab es während der Pandemie eine Phase, in der Sie auf Musik keine Lust mehr hatten. Wie kam das?
Ich habe gemerkt: Ich mache gerade zweckgebunden Musik, weil ich mit meinem neuen Album „Hochkultur 2“ fertig werden will. Das fühlte sich wie Arbeit an, nicht wie Spaß. Also habe ich sechs bis acht Monate gar nichts aufgenommen. Da kam einiges zusammen: Lethargie und Frust wegen des Stillstands während der Pandemie plus ein paar persönliche Dramen. Plötzlich hatte ich super viel Zeit, alles zu hinterfragen, womit man sich sonst in seinem Alltagsflow nicht beschäftigt. Dabei wurde mir bewusst: Ich bin zwar gerne kreativ, mag aber viele Facetten meines Berufs nicht mehr so richtig. Ich will mich nicht ständig exponieren, Sachen posten und dauernd darüber reden, warum ich etwas tue.
Waren Sie an einem Punkt, an dem Sie dachten, Sie würden nie wieder auftreten?
Sie setzen sich nicht nur kritisch mit Ihren Zuschauern auseinander, sondern auch mit sich. Sind Lieder wie „Kalte Füße“ während des Lockdowns entstanden, als Sie auf sich selbst zurückgeworfen wurden?
Der ganze Mental-Health-Teil des Albums stammt aus den Jahren 2020 bis 2021. Hinzu kam damals die Last des kontinuierlich radikaleren Gesellschaftsdiskurses. Jeder Post, egal aus welcher Richtung, hatte diesen Besserwisser-Tonfall. Jeder war super schnell dabei, andere Leute zu verurteilen. Ich habe realisiert: Ich bin gerade nicht fit genug, um daran zu partizipieren. Wenn ich jetzt irgendwas in der Öffentlichkeit sage, werde ich es genau wie viele andere einfach nur rausschießen, weil ich verletzt bin und ungeordnete Gefühle habe. Also halte ich lieber die Fresse und denke nach. Ich schreibe Texte, die in ein, zwei Jahren rückwirkend Sinn machen.
In dem Stück „Brainwash“ plädieren Sie dafür, mehr zwischen den Zeilen zu lesen.
Ich habe mich immer als einen gesellschaftskritischen Menschen gesehen. Bis mir klar wurde, was das heutzutage heißt. Man schwimmt quasi im Fahrwasser von Leuten mit, mit denen man auf anderer thematischer Ebene nicht übereinstimmt. Während der Pandemie wurde vor allem mein mehr als 20 Jahre altes Lied „Weck mich auf“ sehr viel instrumentalisiert - sei es auf Demos von sehr radikalen Vertretern oder von Muttis und Vatis, die einfach nur wollen, dass ihre Kinder nicht in einem Staat aufwachsen, wo es mehr Regeln als Freiheiten gibt. Viele bombardieren mich nun mit Messages: „Mach doch mal Teil zwei.“ Wieso? Das ist doch alles aktuell, man müsste bloß BSE gegen Covid austauschen. Wenn ich allerdings anfangen würde, den Text auseinanderzunehmen, müsste ich fragen: „Ist das wirklich das, womit ihr euch identifizieren wollt? Mit einer Aufzählung von Problemen ohne Lösungsansatz?“ Heute denke ich viel lösungsorientierter.
In einigen Ihrer Songs sprechen Sie über Ihr Spiegelbild. Warum hat es Sie zeitweise angewidert?
Ich bin nicht der Typ, der super viel in den Spiegel guckt - außer morgens beim Zähneputzen. Wenn ich sage, ich sei angewidert von meinem Spiegelbild, ist das eine Metapher für jene Phasen, in denen ich mich echt nicht mag und nicht gut zu mir bin. Da löst dann jeder längere Blick in den Spiegel Scham bei mir aus.
In dem Stück „Vendetta“ heißt es: „Ich bin sauer auf mich selbst, lass es raus an der Welt“. Neigen Sie dazu, andere für Ihren Frust verantwortlich zu machen?
Wenn ich morgens mit dem falschen Fuß aufgestanden bin, lasse ich das an Menschen aus, die mir nahestehen. Andere, die von etwas angepisst sind, attackieren in den sozialen Medien Fremde. Ich lese ihre wütenden Kommentare und denke: Euch geht es nicht gut. Geht lieber allein in den Wald und chillt, statt im Internet 20 Leute zu beleidigen. Es ist nicht so, dass jemand plötzlich eine Erleuchtung hat. Man muss halt lernen, mit seinen eigenen Gefühlen umzugehen und nicht so krass zu reagieren. Aus negativen Verhaltensmustern kommt man nur heraus, wenn man sich mit ihnen befasst.
Man sollte sich also bewusst mit seinen Problemen auseinandersetzen?
Eigenverantwortung ist für mich das Wichtigste, ich will immer mehr über mich herausfinden. Wenn ich Deutschland irgendein Schulfach spenden könnte, wäre das Selbstreflexion. Manche Leute wissen mit Mitte 30 noch nicht, was das bedeutet.
Wie arbeiten Sie denn an sich? Mit Hilfe von außen?
Ich nutze das volle Spektrum. Ich gehe in die Natur. Ich höre Podcasts, um mehr über Mental Health und Psychologie zu lernen. Natürlich hat auch das Songschreiben für mich einen therapeutischen Effekt. Ich mache Sessions bei Spezialisten oder unterhalte mich mit Leuten, mit denen ich auf einem Level reden kann. All das hilft mir, die menschliche Psyche Jahr für Jahr besser zu verstehen.
Bitte ergänzen Sie...
Der beste Rapper... muss ich nicht mehr sein. Langfristig bringt es nichts, sich krass zu hypen und zu feiern.
Mein Lieblingsort in Hamburg... ist bei Mama.
Disziplin... halte ich für fundamental wichtig. Aber nach eigenem Timing, nicht von anderen gefordert.
Gendern... ist mir vor allem da wichtig, wo ich sonst jemanden exkludieren würde. Ich verstehe total den Gedanken dahinter.
Mein Lebensmotto ist... deluxe.
Zur Person: Samy Deluxe wurde am 19. Dezember 1977 als Samy Sorge, Sohn einer Deutschen und eines Sudanesen, in Hamburg geboren. 1997 gründete er die Band Dynamite Deluxe, 2001 erschien sein Solodebüt „Samy Deluxe“. Er setzte sich mit dem Projekt Brothers Keepers gegen Rassismus ein. Mit seinem Verein DeluxeKidz will er Kinder und Jugendliche an Musik oder andere Kunstformen heranführen. Mit dem Rapper Afrob gründete er 2003 das Duo ASD. 2004 machte er für seine Heimatstadt bei der ersten Ausgabe von Stefan Raabs „Bundesvision Song Contest“ mit, er belegte Platz neun.
Sein Album „Hochkultur 2“ erscheint am 11. August. Seine „Blockparty Deluxe“ mit Rap und Graffiti startet am 13. August, 14.30 Uhr, auf dem 45Hertz Festivalgelände in Hamburg.
Samy Deluxe. Foto: Janick Zebrowski